Sollte Hamburg sich bewerben? Meine große Olympia-Zerrissenheit
Beim letzten Referendum 2015 habe ich gegen eine Olympiabewerbung gestimmt. Aus guten Gründen: Die Spiele in Athen, Peking und London zuvor standen für Gigantismus, für Prestigeprojekte des IOC, für Kostenexplosionen und fehlende Nachhaltigkeit. Am Ende blieb oft ein finanzieller Kater. Und diesmal? Ein Annäherungsversuch an eine schwierige Entscheidung.
Es geht auch anders. Paris hat vor zwei Jahren gezeigt, wie moderne Olympische Spiele aussehen können: eingebettet in eine gewachsene Metropole, mit klarem Fokus auf bestehende Infrastruktur, kurzen Wegen und einem Konzept, das die Stadt nicht überfordert, sondern ergänzt. Der Eindruck war: Spiele für die Menschen – nicht für Funktionäre.
Olympia als Katalysator für die Wirtschaft

Warum sollte das nicht auch in Hamburg funktionieren?
Olympia kann ein Katalysator sein. Investitionen in Infrastruktur, Mobilität und Stadtentwicklung kommen nicht nur wenige Wochen Spitzensport zugute, sondern wirken nach. Sie schaffen zumindest kurzfristig für die Planung und Durchführung Arbeitsplätze, stärken den (ohnehin schon gut laufenden) Tourismus und erhöhen die internationale Sichtbarkeit. Gerade in Zeiten globalen Wettbewerbs um Unternehmen, Fachkräfte und Investoren sind das Faktoren, die man nicht unterschätzen sollte. Barcelona war vor den Spielen 1992 eine eher uninteressante Industriestadt, heute ist sie ein beliebter Touristenmagnet mit internationaler Strahlkraft.
Hamburgs Olympia-Plan wirkt durchdacht
Die bisherigen Ideen in Hamburg klingen jedenfalls durchdacht: eine Olympia-Bikelane, eine eigene Buslinie, die die Athleten und Besucher in wenigen Minuten von Spielstätte zu Wettkampfort bringen, Spiele der kurzen Wege. Das ist kein Größenwahn, sondern pragmatische Stadtentwicklung. Wenn Hamburg diesen Weg konsequent weitergeht, könnte Olympia zum Modernisierungsprojekt werden – nicht zum Milliardengrab.
Und es geht um mehr als Wirtschaft. Olympische Spiele bedeuten auch Investitionen in den Sport selbst: bessere Anlagen, gezielte Förderung, stärkere Nachwuchsarbeit. Davon profitieren nicht nur Spitzensportler, sondern theoretisch auch der Breitensport – und damit die Stadtgesellschaft insgesamt, weit über die innerstädtischen Quartiere hinaus.
Olympia in Hamburg? Eine gute Idee, wären da nicht die vielen Fragen, die der Senat (noch) nicht beantwortet.
Diese negativen Olympia-Folgen drohen Hamburg
Das Finanzierungskonzept überzeugt mich nicht. Ich würde als Finanzsenator jedenfalls auch behaupten, dass am Ende vielleicht sogar Gewinn abfällt. In Paris war das so, wenn auch in einem geringen zweistelligen Millionenbereich. Allerdings verschlingt schon die Bewerbung selbst Millionen, noch bevor ein Stein gesetzt wurde. Historisch betrachtet haben bisher alle Olympischen Spiele ihre Budgetprognosen deutlich gesprengt.
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Die Folgen könnten in anderen Bereichen spürbar werden: Kürzungen im Bildungs- oder Sozialbereich wären denkbar. Hinzu kommt der kurzfristige Effekt auf den Wohnungsmarkt. In London (2012) und Rio (2016) blieben Athletenwohnungen nach den Spielen oft leer oder nur schwer vermietbar, weil die Preise stiegen. Die Versprechen, dass sich die Spiele positiv für die Bewohner der Quartiere auswirke, blieben unerfüllt.
Das gilt auch für die Belastungen, die rund um die Spiele entstehen. Bauarbeiten, Sicherheitskontrollen und ein Ansturm von Besuchern bringen den Alltag durcheinander. In Paris, so berichten Augenzeugen, flohen viele Einwohner während der Spiele aus der Stadt.
Lohnt sich das Olympia-Risiko für Hamburg?

Hamburgs Konzept der kurzen Wege klingt erst mal gut, doch dadurch wird vor allem der Stadtkern aufgewertet. Obwohl der Senat damit wirbt, dass Olympia „eine Chance für alle“ sei, bleibt offen, wie die Stadtränder profitieren sollen. Unbeantwortet bleibt auch, wie langfristig der Breitensport wirklich gestärkt wird. London hat jedenfalls gezeigt, dass die Elite perspektivisch einen Nutzen hat, die Zahl der Vereinsmitglieder in den Folgejahren jedoch rückläufig war. Hamburg müsste einen Weg finden, wie das Geld nicht nur in potenzielle Medaillengewinner fließt, sondern Initiativen, Vereine und damit alle Sportlerinnen und Sportler einen Mehrwert haben.
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Lohnt es sich wirklich, solche Risiken für wenige Wochen Spektakel einzugehen? Ich habe Bock auf Sport in der Stadt, auf Athleten am Hafen, Euphorie, volle Arenen, Kinder, die wie ihre Vorbilder sein wollen. Noch bin ich aber nicht überzeugt, dass das Hamburger Konzept langfristig der Stadt hilft. Ich bin diesmal aber zumindest offen für ein Ja.
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