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Reporterin über Krankheit: „Ich verabscheute mich, gefangen in einem Teufelskreis“

Magersucht hat viele Ursachen – und vor allem zahlreiche Folgen (Symbolbild)
Magersucht hat viele Ursachen – und vor allem zahlreiche Folgen (Symbolbild)

Schlank um jeden Preis: Immer mehr junge Frauen rutschen in eine Essstörung – betroffen war auch eine MOPO-Reporterin (22). Sie aß immer weniger – und wurde schließlich schwer krank. In ihrem Kommentar spricht sie über ihre Krankheit:

Ich war 15 Jahre alt, als ich im Krankenhaus neben einem Ultraschallgerät lag, meine Mutter auf der einen Seite der Liege und auf der anderen ein Kardiologe, der mir mitteilte, dass ich einen Perikarderguss habe – eine Wasseransammlung zwischen dem Herzbeutel und dem Herzen, die lebensbedrohlich sein kann. Zuvor hatte ich etwa zehn Kilogramm in zwei Monaten verloren, weil ich es mir einfach nicht mehr wert war, zu essen. In einem Alter, in dem ich eigentlich mit Freunden im Schwimmbad oder im Kino sein und Klausuren und Referate meine größten Sorgen sein sollten, war ich zu einer wandelnden untergewichtigen Frostbeule mutiert, die zu schwach zum Treppenlaufen war und ständig nur darüber nachdachte, wie sie es schaffen konnte, noch weniger Kalorien zu sich zu nehmen.

Das Paradoxe: Für meinen zu dünnen Körper schämte ich mich unendlich. Ich fand mein Aussehen unästhetisch und peinlich und trug selbst im Sommer eine Strickjacke, um meine Streichholz-Arme zu verstecken. Abzunehmen war nie mein Ziel, trotzdem konnte ich nicht aufhören, meinen restriktiven Ernährungsplan immer weiter zu minimieren. Ich verabscheute mich selbst, aber ich war in einem Teufelskreis gefangen, aus dem ich aus eigener Kraft nicht mehr herauskam.

Bis zu 20 Prozent der Betroffenen sterben an der Krankheit

Als die Krankheit begann, hatte ich keine Social-Media-Plattformen auf meinem Handy. TikTok, geschweige denn toxische Hashtags wie „SkinnyTok“ gab es noch gar nicht. Denn auch wenn die sozialen Medien gern als Erklärung für eine Zunahme der Betroffenen angeführt werden – das Bundesinstitut für öffentliche Gesundheit listet sie nur als einen von acht möglichen Ursachenbereichen auf, neben der genetischen Veranlagung, Hormonen, körperlichen Faktoren, Persönlichkeitsmerkmalen, dem Schönheitsideal, den Freunden und traumatischen Erfahrungen.

Auch bei mir spielte ein prägendes persönliches Erlebnis eine bedeutende Rolle, das mir das Gefühl gab, die Kontrolle über mein Leben würde mir entgleiten. Kalorienzählen, mehrfach tägliches Wiegen und immer die gleichen Routinen gaben mir vermeintliche Sicherheit in einer schwierigen Zeit, und ich wurde süchtig danach. Nichts konnte mich so glücklich machen wie abends hungrig im Bett zu liegen, stolz darauf, wieder ein Stück Apfel weniger gegessen zu haben.

Als Folge sammelte sich nicht nur Wasser an meinem Herzen und mein Puls verlangsamte sich, ich hatte auch diverse Knochenbrüche und entwickelte Ängste vor sozialen Ereignissen.

Zehn bis 20 Prozent der von Anorexie Betroffenen sterben an der Krankheit, 30 Prozent werden nie mehr richtig gesund. Ich hatte einfach Glück, dass mein Herz in dieser Zeit nicht eines Nachts aufgegeben hat. Es ist wichtig, dass wir diese Erkrankung – wie alle psychischen Störungen – ernst nehmen, sie nicht als Phase abtun, frühe Warnzeichen erkennen und Erkrankten keine Vorwürfe machen. Glauben Sie mir, wenn Betroffene „einfach wieder essen“ könnten, würden sie das tun. Niemand leidet aus Spaß an der Freude rund um die Uhr unter Schwindel, friert selbst im Sommer und ist irgendwann zu schwach zum Duschen. Aber „einfach essen“, das ist genau das, was bei dieser Krankheit nicht mehr möglich ist – solche Sprüche sind also schlichtweg überflüssig.

Social Media ist Katalysator – aber selten Auslöser

Social Media können Essstörungen wie ein Katalysator befeuern und die Genesung erschweren, aber die Ursachen liegen oft viel tiefer. In einem Gefühl von Kontrollverlust, in traumatischen Ereignissen, in tiefer Unsicherheit oder einer anderen psychischen Erkrankung. Dass Betroffene immer jünger werden, hat auch mit der Welt zu tun, in der sie groß werden. Wer zum Zeitpunkt der Studie zehn war, kam zu Pandemiebeginn in die Schule – mehr muss man dazu gar nicht sagen.

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Auch für mich war der Weg aus der Krankheit hart, aber ich habe es geschafft. Dank eines stabilen sozialen Umfelds, einer guten Therapeutin und einer Lebenslust, die dann doch größer war als erwartet. Also achten Sie auf Anzeichen bei Ihren Mitmenschen, nehmen Sie sie ernst und behandeln Sie Betroffene mit Liebe, Wohlwollen und Geduld – sie werden es Ihnen danken. (prei)

Schlank um jeden Preis: Immer mehr junge Frauen rutschen in eine Essstörung – betroffen war auch eine MOPO-Reporterin (22). Sie aß immer weniger – und wurde schließlich schwer krank. In ihrem Kommentar spricht sie über ihre Krankheit: