Meinung
Reform der Schulbegleitung: Schweigen schafft kein Vertrauen!
Familien und Schulpersonal protestieren am Mittwoch in der City gegen die Reform der Schulbegleitung. Richtig so, findet unsere MOPO-Redakteurin.
Jetzt landet Hamburgs Schulstreit dort, wo er hingehört: mitten in der Stadt. Am Jungfernstieg protestierten am Mittwoch rund 500 Menschen gegen die Reform der Schulbegleitung. Die Behörde nennt sie Weiterentwicklung – viele Betroffene Kürzung. Wer dabei nur an einzelne Kinder denkt, unterschätzt die Tragweite. Schulbegleitung ist kein Nischenthema für wenige Familien. Sie entscheidet oft darüber, ob Unterricht für eine ganze Klasse funktioniert.
Ja, es ist teuer: 42 Millionen Euro haben Schulbegleitungen im laufenden Schuljahr gekostet. Tendenz steigend. Das in der aktuellen Haushaltslage zu hinterfragen, ist legitim. Doch der Vorstoß der Schulbehörde wirkt nicht wie eine durchdachte Reform, sondern wie eine Hauruck-Aktion kurz vor den Sommerferien.
ReBBZs, die Regionalen Bildungs- und Beratungszentren, die bislang maßgeblich entschieden haben, werden entmachtet. Schulbegleiter bangen um ihre Jobs oder haben ihn schon verloren. Familien wissen nicht, woran sie sind. Dabei hätte man eine Reform umsichtig vorbereiten können. Der Bedarf steigt schließlich seit Jahren.
Debatte um Schulbegleitung in Hamburg
Die Behörde wehrt sich gegen den öffentlichen Aufschrei: Es gebe keine pauschalen Kürzungen, sagt sie, die Inklusion stehe nicht zur Debatte. Und sie verweist auf steigende Mittel für die Schulbegleitung im Jahr 2027.
Vor allem aber sagt sie eins: Der starke Anstieg sei fachlich nicht vollständig erklärbar, Bewilligungsspielräume seien teilweise sehr weit gefasst worden. Ein schwerer Vorwurf gegen die eigenen Leute.
Wenn das stimmt, muss eine Behörde gegensteuern dürfen. Zugleich muss sie sich aber fragen, weshalb so verfahren wurde. Welche strukturellen Kapazitäten fehlen, die durch Schulbegleitungen aufgefangen werden? Oder verkennt die Behörde die Realität in vielen Klassenzimmern?
Ein Kind muss erst in den Brunnen fallen
Nun aber wählt die Behörde einen anderen Weg: Schulpersonal – und damit Kinder – müssen faktisch erst einmal scheitern, bevor sie Hilfe bekommen können. Bei Kindern mit Förderbedarfen in den Bereichen Lernen, Sprache sowie emotionale und soziale Entwicklung (heißt etwa: massive Wutanfälle und aggressives Verhalten) soll eine Schulbegleitung künftig in der Regel erst infrage kommen, wenn andere Mittel nicht ausreichen.
Das mag vernünftig klingen. Doch es heißt: Ein Kind muss in den Brunnen fallen, bevor geprüft wird, wer es mühsam wieder herausziehen soll.
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Dabei entscheidet sich doch gerade zum Schulstart, ob ein Kind Schule als sicheren Ort erlebt und Freude am Lernen entwickelt. Kommt Unterstützung zu spät, drohen Überforderung, Ausgrenzung und Konflikte. Und es betrifft ganze Klassen: Wenn Lehrkräfte ihre Aufmerksamkeit ständig auf einzelne Kinder richten müssen, verlieren auch die anderen.
Und das gerade in sozial schwachen Stadtteilen, in denen die Schulen und ihre Schüler einen Großteil der Integrationsarbeit dieser Stadt leisten müssen. Schon ein permanent störendes Kind kann den ganzen Unterricht in einer Klasse unmöglich machen.
Wo die Ressourcen eingesetzt werden, ist unklar
Die Behörde sagt, die Ressourcen sollen zielgerichteter eingesetzt werden. Doch es ist unklar, wo. Denn selbst an Förderschulen werden offenbar weniger Begleitungen genehmigt. Die MOPO fragte nach, wie viele Schulbegleitungen für das kommende Schuljahr tatsächlich wo bewilligt werden, doch die Behörde gibt darauf keine Antwort. Schweigen schafft kein Vertrauen.
Die Behörde sagt: Niemand werde alleingelassen. Jetzt wird sich zeigen, was dieser Satz im Klassenraum bedeutet. Steigende Haushaltsansätze beruhigen wenig, wenn vor Ort Fachkräfte verschwinden, Begleitungen wegfallen oder Hilfen erst nach dem Scheitern greifen.
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