Hey CDU, ich nenne es weiterhin Wurst!
In der EU geht’s um die Wurst. Unter dem Deckmantel des Verbraucherschutzes lobbyiert die Fraktion der „Europäischen Volkspartei“ (EVP), zu der auch CDU und CSU gehören, gerade mal wieder für die Fleischindustrie. Bezeichnungen wie „veganes Schnitzel“ oder „pflanzliches Steak“ sollen weg – die Konservativen im Verbotswahn.
Ach, was sind sie für schlechte Verlierer. Vor einem Jahr entschied der Europäische Gerichtshof, dass Mitgliedsstaaten die Verwendung von „Wurst“ oder „Burger“ für pflanzliche Produkte nicht verbieten dürfen – zumindest so lange es kein entsprechendes EU-Gesetz gibt, das regelt, was eine Wurst ist.
Kampf ums Kotelett vor dem EU-Agrarausschuss
Das wollten die Fleisch-Fanatiker aus der EVP offenbar nicht auf sich sitzen lassen und setzten im EU-Agrarausschuss mit 33 Stimmen (10 Gegenstimmen, 5 Enthaltungen) gerade einen Antrag durch, dass Fleisch und ähnliche Begriffe voraussetzen, dass das Produkt vom toten Tier ist. Das Namensverbot soll nicht nur für vegane Lebensmittel gelten, sondern auch für kultiviertes Fleisch, das aus tierischen Zellkulturen im Bioreaktor hergestellt wird und für das erste Zulassungsanträge für die EU gestellt sind.
Zur DNA der beiden Unionsparteien gehört, fortschrittliche Kräfte wie die Grünen in Dauerschleife als Verbotspartei zu diffamieren. CSU-Chef Markus Söder zelebriert das besonders unanständig. Der Kampf fürs Kotelett ist für ihn und seinesgleichen längst zum Kulturkampf geworden, bei dem man hofft, ein paar Populismus-Pünktchen sammeln zu können.
„Ihren Wettbewerbsvorteil sollten Deutschland und Europa nicht aufs Spiel setzen“
Diese Debatte wird nun also erneut auf europäischer Bühne geführt. Was aus deutscher Sicht ziemlich absurd ist: Denn hier ist der mit Abstand größte Markt für pflanzliche Alternativen in Europa, sagt die Ernährungsorganisation ProVeg: „Ihren Wettbewerbsvorteil sollten Deutschland und Europa nicht aufs Spiel setzen.“
Und wie überflüssig die Debatte ist, zeigt auch das Ergebnis vom Ernährungsreport 2024 des Landwirtschaftsministeriums. Demnach nutzen 39 Prozent der Befragten öfter vegetarische oder vegane Alternativen zum tierischen Original. Und die können sich unter einem „veganen Schnitzel“ was vorstellen – nicht aber unter einer „panierten Weizeneiweiß-Scheibe“, wie das Produkt vielleicht heißen müsste, wenn die EU-Sprachpolizisten mit ihrer antiquierten Sichtweise durchkämen.
Hafermilch? Nicht erlaubt. Scheuermilch? Legitim
Bei Milch ist ihnen das leider schon gelungen. So dürfen in der EU nur Produkte aus der „natürlichen Eutersekretion“ (ja, so heißt das) eines Säugetieres als Milch vermarktet werden. Deswegen steht auf Verpackungen mit milchiger Flüssigkeit aus Soja oder Mandel das Wort „Drink“. Bei uns zu Hause und in dieser Kolumne heißt es trotzdem Hafermilch – so viel Freiheit muss sein. Es stört sich ja auch keiner am Namen Sonnen- oder Scheuermilch.
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Ich habe 1983 nicht aufgehört Fleisch zu essen, weil es mir nicht schmeckte. Im Gegenteil. Aber ich wollte nicht mehr für den Tod von Tieren verantwortlich sein. Wer Fleischalternativen isst, liebt den vertrauten Geschmack, vielleicht auch das bekannte Aussehen – verzichtet aber auf Tierleid, tut was fürs Klima und seine Gesundheit. Mindestens einer dieser Gründe lässt auch Flexitarier zum Pflanzenfleisch greifen. Egal, wie das EU-Parlament entscheidet: Bei mir zu Hause heißt das, was auf den Tisch kommt, weiterhin Wurst, Schnitzel oder Gulasch, auch wenn’s aus Pflanzen ist. Selbst wenn es den Bauernlobbyisten und ihren Unions-Helfern die Zornesröte ins Gesicht treibt.