Der Fall Ulmen: Als Mann kann man sich nur noch schämen
Kürzlich las ich einen Text in der „Zeit“. Es ging um uns, uns Männer. Und dass man uns nicht mehr trauen kann. Vielleicht auch nie trauen konnte. Aber dass die Enttäuschung jetzt, nach den Enthüllungen um Epstein, um Pelicot, so besonders groß ist. Weil es doch eigentlich voranging, besser wurde. Mehr Emanzipation, mehr Gleichberechtigung, mehr Verständnis, MeToo und so weiter. Doch die Gewalt geht nicht weg, im Gegenteil.
Jeffrey Epstein hat ein ganzes Netzwerk aufgebaut, um Frauen systematisch zu missbrauchen. Beteiligt: die Reichen und Mächtigen dieser Welt. Dominique Pelicot hat seine Ehefrau jahrelang betäubt und mehr als 80 Männern zum Vergewaltigen überlassen.
Der Fall Ulmen: Kann man überhaupt einem Mann trauen?
Und jetzt soll Christian Ulmen, das lustige Kerlchen aus dem Fernsehen, der selbsterklärte Feminist, seine Frau Collien Fernandes digital missbraucht haben. Während sie verzweifelt nach dem Täter suchte, saß dieser, so schildert sie es im „Spiegel“, neben ihr auf dem Sofa. Und soll Dinge gemacht haben, die einen fassungslos zurücklassen. Ulmens Anwalt bestreitet die Vorwürfe und kündigte rechtliche Schritte gegen den „Spiegel“ an.
In besagtem „Zeit“-Artikel beschreibt die Autorin, dass sie Männer nicht hassen will. Dass sie sich weigert, voller Angst zu leben. Aber dass sich das Misstrauen in ihren Alltag und ihre Beziehungen zu Männern frisst. Ich kann das gut verstehen. Welche Frau hat beim Lesen der Anschuldigungen gegen Ulmen nicht gedacht: Wäre mein Freund, mein Mann, vielleicht auch dazu fähig? Kann ich mir sicher sein? Kann ich überhaupt einem Mann trauen?
Meine Freunde sind keine Täter – oder?
Die traurige Wahrheit ist: Frauen sind nirgendwo zu 100 Prozent sicher. Die Gefahr lauert nicht nur in dunklen Straßen oder leeren Zügen. Es ist nicht nur der Fremde, der einem K.o.-Tropfen in den Drink kippt, einen befummelt, belästigt, bedrängt, überfällt. Der Feind sitzt womöglich unerkannt am Küchentisch. Oder am Sechsertisch im Büro.
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Als Mann muss ich gestehen, ratlos zu sein. Und wenn ich meine Freunde frage, sind die es auch. Wir können uns das nicht erklären. Wir wollen das nicht. Und dann schämt man sich für sein Geschlecht, auch wenn wir doch eigentlich meinen, mit all der Gewalt, dem Missbrauch, nichts zu tun zu haben.
Apropos Freunde: Natürlich würde ich für meine Freunde meine Hand ins Feuer legen. Aber weiß ich es wirklich? Kann ich mir sicher sein, dass sie keine Täter sind? Offensichtlich nicht.
Männer, die Wut muss unsere sein
Es gibt Männer, die die Kinder ihrer besten Freunde vergewaltigen, während sie auf diese aufpassen. Großväter, die über Jahre die Töchter ihrer Söhne missbrauchen, ohne dass es jemand mitbekommt. Und das sind nur die extremen Fälle. Die Spitze eines riesigen Eisbergs.
Eines aber weiß ich: Dies ist kein Kampf Frauen gegen Männer. Auch wenn ich verstehen kann, dass es vielen Frauen so vorkommt. Die allermeisten Männer wollen, dass unsere Mütter, Töchter, Enkelinnen, Schwestern, Ehefrauen, Freundinnen und Kolleginnen ohne Angst vor uns leben. Wir Männer müssen begreifen, dass wir diesen Kampf gemeinsam kämpfen müssen. Die Wut muss unsere sein.
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