Meinung
Ein Aufsichtsrat ist doch kein Abnick-Gremium
Viel höhere Kosten und Zeitverzug – und niemand will etwas geahnt haben: Der Skandal um das ehemalige Vorzeigeprojekt der Stadtreinigung offenbart ein grundsätzliches Problem.
Ein ehemaliges Prestigeprojekt für die Wärmewende läuft völlig aus dem Ruder: Eine Kostenexplosion von 234 Millionen auf womöglich 750 Millionen Euro oder mehr. Ein Zeitverzug von rund drei Jahren. Ein Aufsichtsrat, der nicht durchschaut, dass die Realität einer Baustelle überhaupt nicht zum berichteten Projektstand passt.
Im Debakel um die Müllverbrennungsanlage ZRE kommen immer mehr Details ans Licht, die nicht nur ein Management-, sondern auch ein massives Kontrollversagen offenbaren. Die Rollen der damaligen Geschäftsführung und des Ex-Umweltstaatsrats Michael Pollmann müssen aufgeklärt werden.
Kosten-Skandal in Hamburg: Niemand will etwas geahnt haben
Doch ebenso die Frage, weshalb im Aufsichtsrat sonst niemand etwas gewusst oder geahnt haben will. Kostensteigerungen in dieser Größenordnung fallen doch nicht plötzlich vom Himmel. Sie entstehen über Monate oder Jahre. Das zeigt auch, dass die neue Geschäftsführung die Missstände unmittelbar nach Amtsantritt erkannte.
Natürlich muss ein Aufsichtsrat vollständig und wahrheitsgemäß informiert werden. Doch er muss auch kritisch sein und darf Berichte der Projektverantwortlichen nicht nur absegnen.
All das zeigt ein grundsätzliches Problem: Dem mehrheitlich durch Behörden- und Arbeitnehmervertreter besetzten Gremium fehlt es offenbar auch an fachlicher Tiefe, um so ein Millionenprojekt angemessen zu kontrollieren. Eine Entschuldigung ist das nicht: Dann muss man sich diese Expertise eben einholen.
Sie sind bereits M+ Abonnement?