Ein Buckelwal springt aus dem Wasser. Ein Artgenosse ringt in der Ostsee mit dem Tod. Foto: Imago

Das Wal-Drama als Projektionsfläche für Ego-Probleme

Zwei Wochen dauert nun das Drama um den Buckelwal in der Ostsee. Und der langsame Todeskampf des Tieres in einer Bucht vor den Insel Poel ist nur schwer zu ertragen. Denn es zeigt uns auch, wie begrenzt unsere Mittel manchmal sind und wie wenig wir letztlich über die Meeresriesen wissen. Und es lehrt uns: Wir müssen auf solche Strandungen besser vorbereitet sein.

Die Anteilnahme an dem Schicksal des Wals ist gut, denn selten zuvor hat ein Tier so viel Aufmerksamkeit für die menschengemachten Probleme in den Meeren erzeugt wie dieser Wal: Stellnetze, Fischerei-Müll, Überfischung, Umweltverschmutzung, Lärm durch Schifffahrt und Offshore-Windanlagen.

Experten schätzen, dass jedes Jahr weltweit 300.000 Wale und Delphine durch uns Menschen sterben – die meisten als Beifang bei der Fischerei, aber auch durch Schiffskollisionen. Sie sterben grausam und unbemerkt, ohne dass ihr Leid die Massen mobilisiert. In Nord- und Ostsee trifft es besonders die Schweinswale. Wenn dieser eine Wal vor der Insel Poel uns endlich die Augen öffnet und zum Handeln zwingt – dann hätte sein Schicksal bei allem Leid einen tieferen Sinn.

300.000 Wale sterben jedes Jahr

Doch die Walrettung in der Ostsee zeigt leider auch die menschlichen Abgründe. Die Polizei muss das Tier vor den Waltouristen schützen. Vor Menschen, die offenbar nichts Abstoßendes daran finden, einem Tier aus nächster Nähe beim Sterben zuzugucken – der Tod als Freizeitevent. Mich macht das wütend, ebenso wie das Gepöbel gegen die Retter und all die bösartigen Unterstellungen und Beschuldigungen, die im Netz munter geteilt werden – dass man den Wal aufgegeben hätte, um ihn nach seinem Tod im Museum ausstellen zu können. Der Wal hat es nicht verdient, als Projektionsfläche für irgendwelche Ego-Probleme missbraucht zu werden – übrigens auch nicht für Eitelkeiten unter den Experten.

Im Gegensatz zu den vielen Sofa-Hobbybiologen, für die eine schwere Erkrankung des Tieres ausgeschlossen scheint, kann ich nicht beurteilen, ob die Experten vor Ort wirklich alles versucht haben, um dem Wal zu helfen. Ob jede hilfreiche Expertise genutzt wurde – ich will es aber hoffen. Aber natürlich ist es nötig, den Rettungseinsatz kritisch zu reflektieren – weil das Erkennen von Fehlern dabei hilft, dass sie kein zweites Mal gemacht werden. Denn Experten gehen davon aus, dass wir Walstrandungen nicht nur dank des Klimawandels leider auch bei uns öfter erleben werden.

Der gestrandete Buckelwal in der Ostsee Imago
Ein Wal in der Ostsee.
Der gestrandete Wal in einer Bucht vor der Insel Poel in der Ostsee.

Waren wir auf eine solche Strandung ausreichend vorbereitet? Ein Blick nach Neuseeland könnte uns helfen. Dort hat man leidvolle Erfahrungen mit Walstrandungen, oft auch mit Massenstrandungen, beispielsweise von mehreren Hundert Grindwalen. Naturschutzministerium und besonders die gemeinnützige Organisation Project Jonah, die landesweit „Meeressäuger-Sanitäter“ schult, arbeiten nach einer Strandung hochprofessionell zusammen. Dazu kommen viele ehrenamtliche Helfer, die routiniert den Strandungsopfern zur Seite stehen. 

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Endet die Hilfe in Neuseeland immer mit einem Happy End? Nein, leider nicht und schon gar nicht für alle Tiere. Aber jedes Lebewesen, das gerettet werden kann, zählt. Und wenn gar keine Hilfe mehr möglich ist, wird den Tieren unnötiges Leiden erspart – sie werden von Fachleuten eingeschläfert.

Ich engagiere mich seit rund 40 Jahren für das uneingeschränkte Lebensrecht eines jeden Tieres, esse deswegen auch kein Fleisch oder Fisch. Aber wer mit Tieren zusammenlebt, weiß, dass dieser letzte Akt der Zuneigung irgendwann nötig sein kann – quasi eine Sterbehilfe für den besten tierischen Kumpel. Dass es in Deutschland offensichtlich an Expertise fehlt, um einem Großwal weiteres Leiden zu ersparen, muss sich deswegen ändern. Nicht, um vorschnell ein Leben zu beenden, nicht um Rettungskosten zu sparen – sondern um ein tagelanges Sterben auf Raten zu verhindern.

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