Auch nach dem Olympia-Debakel fehlt dem Bürgermeister die Einsicht
In vielen armutsbetroffenen Vierteln von Hamburg war die Olympia-Ablehnung hoch. Hat der Senat die Armen aus dem Blick verloren? Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) antwortet auf diese Frage am Montag mit einem erstaunlichen Hinweis: Die Bezirke Bergedorf und Harburg würden sich öfter mal „nicht genug beachtet fühlen“. Die Zahlen des Statistikamts sprechen jedoch eine andere Sprache. Dem Bürgermeister fehlt offensichtlich auch einen Tag nach der Olympia-Klatsche die nötige Einsicht, die Gründe für das Debakel zu verstehen.
In Stadtteilen mit verhältnismäßig geringem Durchschnittseinkommen haben 59,5 Prozent gegen Olympia gestimmt. In Stadtteilen mit einem hohen Durchschnittseinkommen waren nur 44,4 Prozent gegen Olympia. An einem „Gefühl“ in Harburg und Bergedorf allein kann es also nicht gelegen haben.
Auf der Veddel (Bezirk Hamburg-Mitte) gab es das deutlichste „Nein“ in ganz Hamburg: 77,7 Prozent. Im benachbarten Wilhelmsburg 66,5 Prozent. In Dulsberg (Bezirk Nord) waren 62,2 Prozent dagegen. Die Rückmeldung an den Senat aus den armutsbetroffenen Stadtteilen ist eindeutig: Wir wollen diese Spiele nicht. Hier hat man andere Sorgen.
Hamburger wollen nicht mehr belehrt werden
Und was macht der Bürgermeister? Tschentscher betont am Montag, dass der Senat die Lebenssituation in vielen Stadtteilen bereits mit „Programmen“ verbessere. Kurz klingt es nach einem Einlenken, als er sagt: „Wir müssen selbstverständlich aus der Analyse der jetzigen Abstimmung Schlussfolgerungen ziehen.”
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Doch dann biegt er wie so oft in eine andere Richtung ab: „…die können aber auch daraus bestehen, dass die Linien, die wir haben, richtig sind.“ Klingt nach: Der Senat macht schon alles richtig, die Bürger müssen das nur erst verstehen.
Gerade das ist das Problem. Viele Hamburgerinnen und Hamburger haben offenbar keine Lust mehr, sich neue Großprojekte erklären zu lassen, während ihre alltäglichen Sorgen bleiben. Auch dafür gab es jetzt die Quittung. Vielleicht sollte sich Tschentscher bei der nächsten S3-Sperrung mal per Schienenersatzverkehr über Wilhelmsburg nach Harburg quälen. Das könnte einen Erkenntnisprozess anstoßen.