Abschlepp-Vergleich mit Berlin: Hamburg, du Folterkammer der Mobilität
Welche Stadt inszeniert (sich) besser? Hamburg oder Berlin? Thomas Schmidt-Ott, Geschäftsführer der Komödie am Ku’damm in Berlin und des Winterhuder Fährhauses in Hamburg hat es getestet. Nicht auf der Bühne, sondern auf dem Parkplatz. Berlin vs. Hamburg, ein Duell der Abschleppkulturen, eine Komödie der Bundesländer, bei der man am Ende weiß: In Deutschland ist selbst das Abschleppen eine Frage der Regie.
Welche ist besser? Die Staatsoper unter den Linden oder die Hamburgische? Welches ist spannender? Das Thalia oder das Deutsche Theater? Wer bringt den besseren Brecht? Das Berliner Ensemble oder das Deutsche Schauspielhaus Hamburg? Und wer toppt an der Elbe die innovative Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz?
Falsch geparkt, richtig gelitten: Berlin vs. Hamburg.
Ich bin ein leidenschaftlicher Freund des Theaters. Zu meinem Glück ihm auch beruflich verbunden. Da entwickelt man zwangsläufig einen Blick für Inszenierungen, für Drama, Tragödie und Bühnenzauber – auf, hinter und neben den Brettern, die die Welt bedeuten. Und an Orten der Letzteren spielt das Leben manchmal ein Stück, das man eigentlich nicht sehen möchte und von dem man kalt erwischt wird, wenn’s dann doch passiert.
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In meinem Fall muss ich gestehen: Mein Auto wurde abgeschleppt. Einmal in Berlin. Einmal in Hamburg. (Und künftig: nie wieder, ich schwöre.) Dabei wurde klar: Es gibt zwar einen Kulturföderalismus hierzulande, aber Deutschland ist kein föderaler Staat, sondern eher eine Art Persönlichkeitsstörung mit 16 Ausprägungen. In meinem Fall eindrucksvoll sichtbar im Direktvergleich der Abschleppkultur zwischen Hanse- und Hauptstadt.
Berlin – das Wellness des Abschleppens
In Berlin wird nicht abgeschleppt. Es wird „umgesetzt“. Das klingt nach einem Service, den ein Concierge mit weißen Handschuhen verrichtet. Okay, es ist immer noch der Job der Polizei. Die aber wirkt dabei ernsthaft bemüht: Vielleicht kann das Auto ja nur 100 oder 200 Meter weiter abgestellt werden? Man hat fast den Eindruck, dein Freund und Helfer möchte sich entschuldigen: „Tut uns leid, Cheffe, aber wir mussten’s kurz rüberschieben. Du weißt ja: Feuerwehrzufahrt und so.“

Und wenn’s dann doch richtig weg muss, landet es auf der Straße des 17. Juni – gut erreichbar, hell, unaufgeregt. Man nimmt die U- oder S-Bahn, ergötzt sich am schönen Tiergarten, schließt sein Auto auf, fährt los. Kein Drama. Kein Trauma. Berlin eben: chaotisch, aber mit einer liebenswerten Art schulterzuckender Gleichgültigkeit. Die Stadt hat zwar manch‘ ein Problem, z.B. mit Blackouts und Tennis und so, aber sie will einem Falschparker nicht gleich die Wirbelsäule brechen.
Hamburg – die Folterkammer der Mobilität
Dann Hamburg. Hamburg kennt kein Umsetzen. Hamburg kennt die Ausschläger Allee 179, die „Zentrale Fahrzeugverwahrstelle für abgeschleppte Fahrzeuge“. Ein Ort, bei dem selbst das Navi fragt, ob man da ernsthaft hinwill.
„Allee“: Der Name suggeriert Paris, Glamour, goldene Pracht, aber statt in Las Vegas landet man im Endzeitgebiet. Der Vorhof zur Hölle. Eine halbe Stunde Anfahrt vom Winterhuder Fährhaus durch schlecht beleuchtete Gegenden, flankiert von Schrottplätzen und Industriewüsten, in denen selbst Kojoten Pfefferspray bei sich tragen. Mein Uber-Fahrer – arabischstämmig, freundlich, warmherzig – wirkt wie ein tröstender Coach. Und das Gegenteil von dem, was mich erwartet.
In die Verwahrstelle gelange ich durch zwei schwere Schleusentüren. Waffen abgeben. Ich werfe meinen Nagelknipser weg. Man will ja nichts riskieren. Drinnen: Behördendesign Marke „BRD 1983“, ein Vorraum mit dem Charme des Wartesaals in Stammheim. Nur ohne Humor. Der Beamte hinter Panzerglas am Schalter hat sich seit Jahrzehnten jede Form von Mimik abtrainiert. Ich reiche auf entsprechendes Anbellen Perso und Fahrzeugpapiere rüber, mache einen Berliner Spruch über die 600 Euro, die ja quasi ein Sonderangebot seien. Reaktion? Keine. Der Mann beweist: Ironie wird in Hamburg als Gefahrgut eingestuft.
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Zum Auto darf ich nicht allein – Sicherheitsbestimmungen. Es eskortiert mich durch eine weitere Schleuse ein bewaffneter Kollege auf den dunklen Parkplatz, auf dem die Autos aussehen, als warteten sie auf ihren letzten Gang. Zitternd kuscheln sie sich in der trostlosen Finsternis aneinander. Ich finde meins, starte, rolle zur Ausfahrt. Schranke hoch: Freiheit! Also – theoretisch Freiheit. Praktisch steht man mitten in der Ausschläger Trostlosigkeit. Rechts ein Container, links ein Busch, davor eine Ausfahrt, die anmutet, als führe sie dahin, wo Menschen nie wieder gefunden werden sollen.
Mein Fazit. Beide Inszenierungen haben es in sich. In beiden Städten punkten die Schauspieler auf ihre brillante individuelle Weise. Die Regie hat ganze Arbeit geleistet. Berlin setzt um. Hamburg setzt ab. Berlin setzt frei. Hamburg verwahrt. In Berlin fühlt man sich nach dem Theater wie ein Sünder. Kavaliersdelikt, dumm gelaufen. In Hamburg wie ein Schwerverbrecher. Aber hey: Für 600 Tacken darf man ein bisschen Drama auch erwarten …
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