Patrick Gensing

Patrick Gensing ist beruflich Journalist und Pressesprecher des FC St. Pauli. Seit 10 Jahren ist er außerdem: leidenschaftlicher Läufer. Fünfteilige Kolumnenserie zum Haspa-Marathon 2026 Foto: hfr

Marathon-Kolumne: Warum Outdoor-Laufen in Hamburg besser ist als Fitnessstudio

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Wo ist die Sporttasche? Ich brauche noch das Duschzeug, ein Handtuch zum Abtrocknen, eins für die Geräte. Desinfektionsgel. Kopfhörer. Handy. Schlüssel. Den Transponder für den Eingang. Einen  Euro für den Spind. Sportklamotten. Eine Banane für danach. Trinkflasche. Autoschlüssel. Nach 20 Minuten habe ich alles zusammen. Ab zum Auto. Mist, Benzin fast leer. Also noch zur Tanke.

Dann weiter. Am Fitnessstudio ist der Parkplatz voll. Warten, bis jemand rausfährt. Nach knapp 45 Minuten Vorbereitung und Anfahrt betrete ich das Studio, ziehe mich um, bringe die Wertsachen in ein Extra-Schließfach. Dann endlich rein ins Gym. Ich warte, bis ein Laufband frei wird. Desinfiziere Griffe und Tasten. Erst mal aufwärmen. Programm „zügiges Gehen“ für 20 Minuten. Tempo einstellen. Musik suchen. Kopfhörer auf. Los geht’s. Schon.

Vielleicht habe ich etwas übertrieben. Aber nicht viel. Ich erinnere mich gut an diese Zeit, in der der Weg zum Sport so aufwendig war, dass er selbst zum Sport wurde – nur eben ohne Bewegung. Die ganze Zeremonie war ein einziges Einladungsschreiben an die Ausrede. Und jedes kleine Hindernis eine willkommene Gelegenheit, es heute dann doch zu lassen.

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Hier sind wir wieder bei der Frage, was als normal gilt – und was nicht. Wenn ich mitten durch Hamburg laufe, an den Landungsbrücken im Slalom um Touristinnen und Touristen, auf der Reeperbahn Junggesellenabschiede grüße und durch Viertel streife, die kaum jemand außerhalb der Stadt kennt, schauen die Leute oft irritiert. Was ist das denn für ein Vogel? Hier läuft der? Dann denke ich: Ja. Warum nicht? Das ist öffentlicher Raum. Unser Hamburg. Und ich liebe es, die Stadt nicht nur hastig zu durchqueren, sondern zu spüren.

Normal soll es hingegen sein, mit dem Auto irgendwohin zu fahren, um drinnen auf einem Gerät zu laufen und dabei auf einen Bildschirm zu starren. Verrückt. Ich gehe noch einmal den Ablauf durch – diesmal für das Laufen draußen. Schlafzimmer. Schrank auf. Laufklamotten aus der Schublade. Schuhe an. Ein Glas Wasser. Tür. Luft. Ein paar Schritte gehen. Wie fühlt sich die Atmung an? Wie die Beine? Uhr an. Fertig. Nach fünf Minuten bin ich im Training. In der Zeit, in der ich früher gerade erst das Laufband desinfiziert hätte, habe ich mehrere Kilometer auf der Uhr.

Öffnungszeiten meines Outdoor-Fitnesscenters: rund um die Uhr. Kosten: keine. Ausreden: wenige. Verstehen Sie mich nicht falsch: Es gibt gute Gründe für Fitnessstudios. Um gezielt Muskeln aufzubauen, unter Anleitung zu trainieren oder Leute zu treffen. Aber für Ausdauersport sind sie vor allem eins: umständlich. Auf dem Weg zum eigentlichen Sport lauern zu viele Hürden. Und jede davon ist eine Gelegenheit, den eigenen Vorsatz zu beerdigen.

Draußen laufen ist radikal einfach. Man muss sich nirgendwo anmelden, keine Beiträge zahlen, keine Zeiten beachten. Wer es in einer Woche nicht schafft, zwei- oder dreimal 30 Minuten draußen in Bewegung zu sein, sollte darüber nachdenken, wo die Zeit eigentlich hingeht. Ein Blick auf die Bildschirmzeit am Handy wirkt da oft erhellend.

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Für mich ist das Laufen zur zuverlässigsten Form von Qualitätszeit geworden. Der Kopf sortiert sich beim Laufen von selbst. Nach der Gesundheit die größte Veränderung: mehr Gelassenheit. Dinge liegen lassen können. Zu manchem einfach keine Meinung haben.

Laufen ist nicht spektakulär. Es ist kein Event. Aber es funktioniert. Immer wieder. Und manchmal reicht genau das.

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