Die Marathon-Lauftruppe des FC St. Pauli.

Die Marathon-Lauftruppe des FC St. Pauli. Vorne rechts (kniend): unser Gastautor Patrick Gensing Foto: hfr

Marathon-Kolumne: Spannung, Stimmung, Emotionen – und dann?

kommentar icon
arrow down

Dreieinhalb Monate Training sind geschafft: mehr als 1000 Kilometer, frühe Läufe, lange Läufe, Intervalle, Gymnastik. Aber auch Zweifel, selbst gemachter Stress, kleine Rückschläge. Und vor allem: richtig viel Bock.

Das Szenario: Sonntag klingelt der Wecker früh, es wird ernst. Die Nervosität packt mich. Kurz vor dem Start steht alles auf dem Prüfstand. War der Trainingsplan passend? Habe ich ihn konsequent umgesetzt? Wie in Gottes Namen soll ich den Wahnsinn bloß schaffen?

Bei all diesen Fragen muss alles gut vorbereitet sein. Laufhose, FCSP-Marathon-Shirt mit Startnummer, das etwas abgewetzte Schweißband, Laufsocken und die noch weiß strahlenden Treter. Dazu ein Laufgürtel für Gels und Traubenzucker sowie ein Fünf-Euro-Schein – für alle Fälle. Ganz wichtig: Diverse Körperstellen einschmieren, um sich nichts wund zu laufen. Irgendwas tut immer weh, aber bitte nicht alles gleichzeitig!

Beim Marathon liegt eine besondere Spannung in der Luft

Die Stadt ist früh wach. Die Straßen gehören heute den Läufer:innen, der Autoverkehr muss draußen bleiben. Ich jogge langsam am Stadion vorbei in Richtung Karolinenstraße: Es wird voller und lauter; gleichzeitig liegt eine besondere Spannung in der Luft. Bekannte treffen, Glück wünschen, ein Gruppenfoto, etwas einlaufen. Und dann geht es los.


MOPO

Die WochenMOPO – ab Freitag neu und überall, wo es Zeitungen gibt!
Diese Woche u.a. mit diesen Themen:

  • Miet-Odyssee: Der alltägliche Wahnsinn bei der Wohnungssuche
  • Terrorverdacht in Eidelstedt: Was der Anwalt des 17-Jährigen sagt
  • Kerosin-Krise: 16 Tipps, die Ihren Urlaub retten
  • Große Rätselbeilage: Knobelspaß für die ganze Woche
  • 16 Seiten Sport: So tickt die neue HSV-Bossin Kathleen Krüger
  • 28 Seiten Plan7: Lotto King Karl eröffnet die Stadtparksaison & Kultur-Tipps für jeden Tag

Die Strecke: ein Geschenk. Überall Menschen, die anfeuern, klatschen, Namen rufen. Sie haben Plakate und Pappen dabei, Fahnen, einige bauen ein ganzes Picknick auf. Bereits auf der Reeperbahn stehen die ersten bekannten Gesichter; an den Landungsbrücken muss man das erste Mal aufpassen, nicht komplett zu überpacen. Am Jungfernstieg treffe ich mit Glück die Staffel meiner Frau und ihre Freundinnen. In Barmbek oft Verwandte. In Ohlsdorf meine Tante. Am Maienweg wartet der lautstarke Support der Marathon-Abteilung des FC St. Pauli.

Die Steigung: Im Alltag kaum spürbar – jetzt der Endgegner

Und dann geht’s in die „Hölle von Eppendorf“. Die Stimmung kocht derart über, dass man leicht überzieht. Den Klosterstern nimmt man noch mit Schwung, es folgt der Teil, der wehtut. Wenn man die Alster sieht, ist man doch eigentlich schon wieder in der Innenstadt. Eigentlich. Tatsächlich liegt das Ziel am Fernsehturm aber noch ein gutes Stück entfernt. Fünf, sechs Kilometer können sehr lang sein, wenn man schon 36 bis 37 in den Beinen hat. Also naheliegende Ziele anpeilen: Die nächste Kurve, der nächste Kilometer, so geht es die Alster entlang. Jetzt nachzulassen, ist keine Option. Man wusste ja, was kommt: Schmerz, Erschöpfung und endlos Endorphin.

Dann Bahnhof Dammtor, klingt schon nach Messegelände, doch da liegt noch der Gorch-Fock-Wall. Betonung liegt auf Wall. Die Steigung: Im Alltag kaum spürbar – jetzt der Endgegner. Ich laufe nicht mehr rund; von Schweiß, Gels und Iso-Getränken kleben Gesicht und Hände, die Startnummer ist durchgeschwitzt. Egal. Um meine Würde, die ich gerade irgendwo auf dem Asphalt gelassen habe, kann ich mich später kümmern. Mit der Gewissheit, es gleich geschafft zu haben, schnellt die Pace noch mal hoch. Rein auf die Zielgerade, mit einer Herzfrequenz am Anschlag. Die Tribünen voll, Lärm, Jubel. Tausend Eindrücke gleichzeitig.

Geschafft. Ein Moment, der bleibt.

Ich bin kein sonderlich emotionaler Typ. Im Ziel vom Marathon kommen aber vor Glück gerne die Tränen – unabhängig von der Zeit. Nach Wochen und Monaten der vollen Kontrolle fällt alles ab. Erleichterung, Freude, so viele glückliche Gesichter. Gemeinsame Fotos, Gespräche, gegenseitige Unterstützung, wenn jemand von Krämpfen gepeinigt wird.

Patrick Gensing ist beruflich Journalist und Pressesprecher des FC St. Pauli. Seit 10 Jahren ist er außerdem: leidenschaftlicher Läufer. Fünfteilige Kolumnenserie zum Haspa-Marathon 2026 hfr
Patrick Gensing
Patrick Gensing ist beruflich Journalist und Pressesprecher des FC St. Pauli. Seit 10 Jahren ist er außerdem: leidenschaftlicher Läufer. Fünfteilige Kolumnenserie zum Haspa-Marathon 2026

Der Plan nach dem Marathon: essen. 3000 bis 4000 Kalorien sind verbrannt – die müssen wieder rein. Auf dem Weg nach Hause gönne ich mir in der Schanze erst mal einen Vöner (veganen Döner).

Und danach? Voller Magen und Leere im Kopf? Ich mache mir stets früh Gedanken über neue Ziele, um nicht in ein Loch zu fallen. Manchmal vielleicht zu schnell.

Da könnte Sie auch interessieren: Marathon-Kolumne: Warum Laufen mehr ist als ein Individualsport

Und Sie? Vielleicht stehen Sie Sonntag an der Strecke und denken: Da hätte ich auch Bock zu. Sollte es so sein und Sie haben die Möglichkeit: Tun Sie es. Fangen Sie klein an. Ein Marathon ist lang. Wirklich lang. Auch wenn man ihn schon mehrfach gelaufen ist – jedes Mal wieder. Deshalb: erst kürzere Distanzen. Fünf, zehn Kilometer. Halbmarathon. Es gibt superviele Läufe in Hamburg und Umgebung, auch kleinere, familiärere. Oft günstiger, oft persönlicher. Perfekt, um Wettkampfluft zu schnuppern.

Trauen Sie sich, es kann klappen, selbst wenn es sich am Anfang nicht so anfühlt. Dranbleiben und nie vergessen, ob beim Laufen oder anderswo: Immer weiter voran!

Share on facebook
Share on twitter
Share on whatsapp
test