Marathon-Kolumne: Normal ist, was kaputt macht
Anfang 40, satte 30 Kilo Übergewicht und an 20 Wochenenden im Jahr verkatert: Mein Leben verläuft so wie das von Tausenden Männern in Deutschland. Bauch, Beine, Leber, Rücken, Po: Angesichts immer mehr Wehwehchen bis hin zu echten Problemen und sich ausdehnender Phasen schlechter Laune entdecke ich den Sport wieder für mich. Und zwar im Dunkeln!
Im Schutz der Dunkelheit schleppe ich mich zunächst wenige Runden durch den kleinen Wohlerspark um die Ecke, jogge dann immerhin ein paar Kilometer am Stück und laufe schließlich immer öfter immer längere Distanzen. Ich lasse dabei alte Gewohnheiten auf der Strecke, sammle dafür neue Erfahrungen, entdecke ganz neue Seiten meiner Umgebung – und vor allem an mir, treffe unterwegs vollkommen unterschiedliche Menschen mit sehr verschiedenen Geschichten und Lebenswegen, die eins verbindet: die Liebe zum Laufen.
Marathon-Kolumne: Leben verändert sich
Mittlerweile, zehn Jahre nach den ersten Runden, habe ich diverse Marathon- sowie Ultraläufe absolviert – und musste verblüfft feststellen, wie nachhaltig sich mein Leben und die Wahrnehmung davon verändert haben. Plötzlich erkenne ich, wie ich über viele Jahre die sogenannte Normalität einer Lebensführung verinnerlicht hatte, die zwar auf den ersten Blick reichlich Spaß verspricht, auf den zweiten Blick für viele Menschen aber oft zerstörerische Konsequenzen hat.

Die WochenMOPO – ab Freitag neu und überall, wo es Zeitungen gibt!
Diese Woche u.a. mit diesen Themen:
- Luisa Neubauer im MOPO-Interview: „Ich bin immer noch das Mädchen, das seinen Vater zu früh verlor”
- Sommerurlaub: Wird alles teurer? Wo’s noch Schnäppchen gibt
- Plattdeutsch-Boom: Ihre Kurse sind ständig ausgebucht
- Große Rätselbeilage: Knobelspaß für die ganze Woche
- 16 Seiten Sport: Vor dem Derby! Legende Ailton packt aus
- 28 Seiten Plan 7: Endlich wieder nachts ins Museum & Ausgeh-Tipps für jeden Tag
Keine Sorge: Dies ist kein Ratgeber und keine Predigt. Ich werde niemandem erklären, wie man in fünf Wochen acht Kilo abnimmt oder in drei Monaten ein neuer Mensch wird. Ich erzähle nur, was bei mir passiert ist, als ich angefangen habe, scheinbar harmlose Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen. Als wäre es ein Naturgesetz, sich jedes zweite Wochenende zu betäuben und danach ein paar Tage auf Sparflamme zu laufen – körperlich wie mental.
Der erste Schritt war nicht sportlich. Der erste Schritt war Widerspruch. Gegen diese Erzählung, dass Dinge eben so seien. Dass man halt irgendwann Rückenschmerzen habe, dass der Bauch halt komme, dass die Energie halt weniger werde. Und dass man das alles mit Humor nehmen müsse, am besten mit einem Bier in der Hand. Ich habe lange nicht verstanden, wie sehr ich mir selbst beim Wegschauen zugeschaut habe.
Anfangs lief ich im Dunklen
Dann ging es langsam los – im Dunkeln. Das hatte einen einfachen Grund: Niemand sollte mich sehen. Nicht beim Gehen, nicht beim Schnaufen und Traben, nicht bei diesem Tempo, das eher nach Missverständnis aussah als nach Sport. Ich wollte keine Blicke, keine Kommentare, keine Spiegel. Ich wollte Luft. Ruhe. Und ein bisschen Ordnung im Kopf. Dass daraus mehr werden könnte, war kein Plan, sondern ein Nebeneffekt.
Bald ging es mit neuen Laufkumpanen raus aus den Parks, mitten ins Leben. Hamburg ist dafür ein guter Ort. Nicht weil es hier besonders leicht wäre. Sondern weil die Stadt einem beim Laufen alles zeigt, was man sonst übersieht: Parks, Plätze, Wege, die man im Vorbeifahren kaum wahrnimmt. Man läuft nicht nur durch Hamburg, man erläuft sich Hamburg. Und dabei auch wieder ein Stück von sich selbst.
Im April 2026 ist wieder Haspa-Marathon
Zehn Jahre später weiß ich: Veränderung ist kein plötzliches Ereignis. Sie ist eine Entwicklung, die sich einstellt, wenn man aufhört, vermeintliche Normalität als gegeben hinzunehmen. Und Gelassenheit kommt nicht als große Erleuchtung daher, sondern als Fähigkeit, Dinge liegen zu lassen und laufen zu gehen, statt schnell noch eine Mail zu beantworten.
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Ende April ist wieder Haspa-Marathon. 42,195 Kilometer, ein Sonntag, an dem Hamburg glänzt, die Stadt ist dann gleichzeitig Bühne und Spiegel. Für viele Läufer:innen ist der Hamburg-Marathon wie Geburtstag und Silvester an einem Tag. Was bis dahin passiert, ist keine Heldengeschichte. Es ist das Ergebnis vieler kleiner Schritte weg von einer vermeintlich normalen Normalität.
Laufen ist keine Flucht. Es ist eine Entscheidung.
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