Marathon-Kolumne: Ein Hauch von Kenia mitten in Altona
Das frisch gemähte Gras duftet noch, die kurzen Halme kitzeln an den Sohlen, während der Schweiß auf den Rasen tropft. Barfuß auslaufen nach zehn Intervallen auf der Aschenbahn, knapp über dem Zehn-Kilometer-Tempo. Noch einmal lasse ich die Runden im Kopf Revue passieren. Der Puls beruhigt sich, der Atem findet seinen Rhythmus, diese wohltuende Schwere in den Beinen stellt sich ein. Das ist der Moment, in dem der Kopf leer wird und gleichzeitig hellwach.
Mitten in Hamburg-Altona, zwischen dem neuen Fernbahnhof Diebsteich, verbauten Gewerbehöfen, Betonklötzen und grauen Verkehrsachsen, liegt ein Ort, der auf keiner Postkarte steht – und den trotzdem erstaunlich viele kennen. Offiziell heißt diese Anlage Dr.-Hermann-Schnell-Sportplatz. In Gesprächen hört man diesen Namen kaum. Wer hier läuft, sagt: Kenia. Nicht weil man hier Weltklassezeiten läuft, sondern weil man hier – für ein paar Runden – so tun kann, als sei alles möglich.
Zum Aufwärmen gehört oft eine kleine Kletterpartie über das Tor. Es gibt offizielle Zugänge, irgendwo über benachbarte Anlagen, aber was offen ist und was nicht, ist oft unklar. Also rüber. Drei Frauen üben Schlagfolgen am Rand, manchmal kicken Kinder auf dem Platz. Heute sind die Tore abgebaut. Die Aschenbahn ist im Winter vereist, sonst steinig, im Sommer staubig, bei Regen sofort matschig. Wer nach modernen Kunststoffbahnen sucht, ist hier falsch. Wer sich verausgaben will, absolut richtig.
Platz ist in einer wachsenden Stadt ein Luxus
Auf den vier Stufen der alten Tribüne stelle ich mein Getränk ab. Zwischen Beton und Rost blühen Blumen. Die Sprunganlage ist längst ein kleines Biotop geworden. Dass hier vor Jahren Tausende Football-Fans saßen, lässt sich nur mit viel Fantasie erahnen. Ein paar alte Banden werben tapfer für Firmen, die es längst nicht mehr gibt. Der Ort wirkt abgerockt, fast vergessen – und genau das macht ihn so charmant und schön.
Wer hier läuft, weiß: Die Tage dieser Bahn sind gezählt. Das Quartier wird umgebaut, ein neuer Park soll entstehen, neue Plätze, ein neues Stadion. Verdichtung, Wachstum, Wohnraum – alles notwendig, alles richtig. Und trotzdem bleibt dieses leise Unbehagen: Als würde man gelegentlich vergessen, dass Menschen nicht nur wohnen, sondern auch rennen, scheitern, schwitzen, neu anfangen wollen. Eine klassische 400-Meter-Bahn braucht Platz. Platz ist in einer wachsenden Stadt ein Luxus.
Ich laufe meine letzten Meter aus, setze mich an die alte Sprunganlage und genieße die Stille, die sich vom Verkehrslärm abhebt. Kein Tourist verirrt sich jemals hierher. Dabei erzählen solche Orte mehr über eine Stadt als all die Orte, mit denen sie sonst prahlt. Hier liegen Geschichten übereinander: eine ehemals dänische Stadt, Sportpioniere, der ehemalige Luna-Freizeitpark vergangener Zeiten, Tausende Zuschauer:innen – alles längst verschwunden. Nichts davon ist spektakulär. Alles davon ist echt.
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Ja, moderne Bahnen sind schneller. Auch meine Zeiten sind beispielsweise im Hammer Park deutlich besser. Aber das ist nicht alles. Diese Laufbahn in Altona-Nord ist für mich ein besonderer Ort mitten in der Stadt, an dem man sich auspowern und gleichzeitig sammeln kann. Unspektakulär, ein bisschen rau, alles andere als perfekt – und gerade deshalb so passend.
Als ich meine Sachen zusammenpacke und gehe, denke ich: Dieser Ort ist wie meine Leidenschaft fürs Laufen. Weit entfernt von Glanz und großen Ambitionen. Aber absolut echt.
Ein Hauch von Kenia in Altona.
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