„Man braucht kein Fitness-Studio, um fit zu werden“

Trainer im Studio
Pere Jacobs (41) ist sich sicher: Jeder kann fit und agil bleiben, egal wie alt er oder sie ist. Wer ihn kontaktieren möchte: Pere-Jacobs.de oder its.pere bei Instagram.

Pere Jacobs ist seit 20 Jahren in der Hamburger Fitnessbranche aktiv, hat Studios geleitet und ist als Coach, Berater und Experte im Einsatz. Im Interview erklärt der Wilhelmsburger, für wen Fitnessstudios sinnvoll sind, welche günstigeren und sogar kostenlosen Alternativen es gibt, wie wirklich jeder fit werden kann und wie man am besten startet, warum die Studios von Karteileichen leben und wie man den inneren Schweinehund langfristig besiegt.

MOPO: Im Januar werden die Fitnessstudios überrannt, acht Wochen später ist kaum noch jemand von den Neulingen dabei. Woran liegt das?

Pere Jacobs: Das ist die Dropout-Rate, die ist nach drei Monaten am höchsten. Dann ist die Motivation weg und die Disziplin müsste einsetzen. Doch das passiert meist nicht. Denn viele Menschen erwarten nach vier Wochen schon sichtbare Ergebnisse. Viele unterschätzen, wie lange Veränderung braucht, sie resignieren und werden zu Karteileichen. Und das ist das Geschäftsmodell von Fitnessstudios.

Studios leben von Karteileichen?

Ja, das ist ein Milliardenbusiness, das davon lebt, dass die Menschen nach Weihnachten sagen: „Verdammt, ich muss was tun“, aber nach acht Wochen nicht mehr hingehen. Jeder kennt das: Im Januar sind die Studios viel zu voll, erst wenn die Neuen nicht mehr kommen, kann man wieder normal trainieren. Immerhin werden immer häufiger auch kürzere Mitgliedschaften angeboten, erste Anbieter haben z.B. Monatsverträge.

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Brauche ich überhaupt ein Fitnessstudio, um fit zu werden?

Nein. Fitnessstudios bieten Vorteile wie Community und hochwertige Geräte, aber du kannst auch zu Hause trainieren, sogar ohne Hilfsmittel. Viele sind im Fitnessstudio sogar überfordert und wissen nicht, wie sie die Geräte nutzen sollen. Du kommst da also hin, hast keine richtige Betreuung, weißt nicht genau, was du machen sollst und bist demotiviert, bevor es richtig losgeht. Dazu kommt, dass die anderen viel fitter und schlanker sind als du, vielleicht schämt man sich sogar. Das kann sehr abschreckend sein.

Einen Trainer zu buchen kostet ja noch mehr Geld. Gibt es Studios, wo das inkludiert ist?

Ja, meist ist eine kurze Einweisung inbegriffen oder für wenig Geld buchbar. Wer keine Erfahrung hat, kann sich das aber gar nicht alles merken, die Geräteeinstellungen, die Körperhaltung.

Klingt alles nicht so verlockend. Was empfehlen Sie?

Jeder, der ernsthafte Ziele erreichen will, sollte einmal einen Personal Trainer buchen, für mindesten 5 bis 10 Stunden. Um eine richtige Analyse zu machen, die passenden Geräte auszuwählen, alles einzustudieren, das braucht einfach ein bisschen Zeit. Danach würde ich Online-Coaching empfehlen. In den USA oder Skandinavien ist das schon völlig normal. Man zahlt 50 bis 70 Euro im Monat, meldet sich parallel in einem günstigen Studio an oder macht die Übungen zu Hause und lässt sich von seinem Online-Coach anleiten, du bekommst einen Trainings- und Ernährungsplan, Leistungsanalyse.

„Ein Fitnessstudio muss in deinen Alltag integrierbar sein“

Wann macht ein Fitnessstudio überhaupt Sinn?

Das Wichtigste ist: Es muss in deinen Alltag integrierbar sein, also vor allem auf dem Weg zur Arbeit liegen oder vor deiner Haustür. Geht das nicht, lass es lieber und mache Übungen zu Hause. Denn Fitness funktioniert nur langfristig. Das unterschätzen die Leute. Es geht nicht um einen Monat, nicht um ein Jahr. Sondern quasi für immer.

Mein Wohnzimmer reicht aus?

Ja, bis zu einem gewissen Grad braucht es nicht mal Equipment. Später kann man noch elastische Bänder, ein Hantelset usw. dazunehmen, um besser Muskeln aufzubauen. Denn um Kalorien zu verbrennen, um deine Gelenke zu unterstützen, um im Alter aktiv zu sein, brauchst du Muskeln. Nichts ist so wichtig wie eine gute Muskulatur.

Liegestütz
Eine der effektivsten Übungen überhaupt: Liegestütze kann jeder zu Hause machen.

Gerade viele ältere Menschen haben jahrelang keinen Sport gemacht. Ist es nicht gefährlich, wenn die plötzlich mit Sit-ups aufm Teppich starten?

Definitiv, da empfiehlt sich eine ärztliche Beratung und zum Start ein Training unter Anleitung. Für Ältere empfehle ich tatsächlich Fitnessstudios, weil der soziale Aspekt total wichtig ist. Gerade vormittags sind da sehr viele Seniorengruppen aktiv.

„Klimmzüge, Liegestütze, zwei bis drei weitere Übungen – das reicht eigentlich“

Und dem Handwerker oder Sachbearbeiter mit Rücken kann man auch sagen: Schraub dir ’ne Klimmzugstange an die Wand und leg los?

Exakt. Klimmzüge, Liegestütze und zwei, drei weitere Übungen reichen eigentlich. Dazu kommt das Riesenthema Beweglichkeit, die ist bei sehr vielen Menschen stark eingeschränkt. Auch da reichen erst mal ein paar Dehnübungen.

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Die Auswahl an Fitnessstudios ist riesig, von Discounter bis Luxus. Sagt der Preis zwingend was über die Qualität aus?

Nein, von den Geräten her sind die Billigstudios meist nicht schlechter oder sogar besser ausgestattet als die Luxusläden. Wenn ich nur trainieren und sonst meine Ruhe will, bin ich bei McFit & Co. super aufgeboben. Das perfekte Zirkeltraining oder den besonderen Marathonexperten finde ich eher in einem Holmes Place oder im Meridian Spa. Da hilft nur ausprobieren.

„Frauen machen heute intensives Krafttraining“

Früher war es so: Männer machen Bodybuilding, Frauen stehen auf dem Stepper. Ist das noch so?

Überhaupt nicht. Frauen machen heute intensives Krafttraining, was besonders wichtig ist, weil sie von Natur aus weniger Muskeln haben.

Und wie überwinde ich den inneren Schweinehund, damit ich nicht nach zwei Monaten wieder aufgebe?

Man braucht ein „warum“. Warum mache ich das, was will ich erreichen – und mit wem? Ohne langfristiges Ziel klappt das nicht. Und das kann vielseitig sein: Die einen wollen abnehmen, körperlich attraktiv bleiben, andere auch im Alter noch ihren Lieblingssport machen, mit ihren Kindern verreisen können, für ihre Enkel da sein. Wer fit ist, lebt gesünder und glücklicher, das zeigen viele Studien. Und das Unfallrisiko sinkt rapide: Man fällt nicht so schnell hin – und wenn doch, geht es eher glimpflich aus. Der vielleicht einfachste Trick: Schmeißt den Fernseher raus, macht das Handy aus! Wenn einem dann langweilig wird, ab an die frische Luft und einfach erst mal losgehen, in Bewegung kommen. Überlegt, welche Sportarten euch früher Spaß gemacht haben, fragt euren Partner, ob ihr zusammen euer Leben verändern wollt. Alleine ist alles viel schwerer.