Macht Ihnen diese Partei Angst? Was Menschen in Hamburg über die AfD wirklich denken

Hetze im Herzpullover: Im Rathaus beschimpfte Alice Weidel Gegendemonstranten als „Chaoten und Schlägerbanden“.
Hetze im Herzpullover: Im Rathaus beschimpfte Alice Weidel Gegendemonstranten als „Chaoten und Schlägerbanden“.

Am Donnerstag besuchte sie Hamburg, wurde von Anhängern bejubelt, von Gegnern ausgebuht: Alice Weidel, die Vorsitzende der AfD. Sie will Windräder umreißen, Grenzen dichtmachen, Ausländer aus dem Land jagen – und Bundeskanzlerin werden. Den Kampfbegriff „Remigration“, der noch vor einem Jahr zu bundesweiten Protesten führte, ließ sie am vergangenen Wochenende mir nichts, dir nichts ins Parteiprogramm schreiben. Angesichts dieses immer dreisteren Auftretens der Antidemokraten wachsen die Sorgen in der Mitte der Gesellschaft: Zwar ist die AfD immer noch in der Minderheit – aktuell kommt sie in den Umfragen auf 22 Prozent. Aber bleibt das auch so? Was, wenn die nächste Bundesregierung die vielen Krisen, in denen das Land steckt, nicht in den Griff kriegt?

Wer hat Angst vor der AfD? Oder wer freut sich gar über ihre Erfolge? MOPO-Reporter haben sich die ganze Woche über in Hamburg umgehört, haben Gespräche geführt, diskutiert und Stimmungen registriert. Natürlich besuchten sie dabei auch den Stadtteil Neuallermöhe im Bezirk Bergedorf. Bei der Europawahl 2024 bekam die AfD nirgendwo so viele Stimmen wie dort: 20,5 Prozent. Zum Vergleich: In der gesamten Stadt lag sie bei acht Prozent.

„Die AfD vertritt die Interessen der Deutschen, des kleinen Mannes“

Annett und Ferdinand J.
„Die AfD macht Politik für den kleinen Mann“, glauben Annett (63) und Ferdinand J. (64).

Wieso in Neuallermöhe so viele AfD-Anhänger leben? Annett J., früher Verkäuferin, jetzt Rentnerin, hat eine Antwort. Unsere Reporter treffen sie dort vor einem russischen Supermarkt. „Die AfD vertritt die Interessen der Deutschen, des kleinen Mannes“, glaubt die 63-Jährige. Sie ist überzeugt: „Es tut doch sonst keiner was gegen all die Ausländer, die ins Land kommen. Wir Deutschen sind so doof, die alle aufzunehmen, ihnen Wohnungen, Arbeit und Geld zu geben – und was machen die zum Dank? Die vergewaltigen unsere Frauen und verüben Anschläge auf Weihnachtsmärkte.“

Annett J. outet sich als AfD-Wählerin und redet sich regelrecht in Rage. Auch ihr Ehemann Ferdinand (64), ehemals Kfz-Mechaniker und Lagerist, jetzt Rentner, stimmt mit ein: „Wird doch auch alles immer schlimmer mit der Kriminalität und es wird auch alles teurer und die Politiker der anderen Parteien machen nichts dagegen“, findet er. Da muss mal einer mit der Faust auf den Tisch hauen. Und das kann die AfD gut. Wer sonst?“

Unter Russlanddeutschen ist der Anteil der AfD-Wähler hoch

Eine Meinung, die ziemlich verbreitet zu sein scheint im Stadtteil. Vor allem unter Russlanddeutschen – es gibt davon viele in Neuallermöhe – ist der Anteil der AfD-Wähler hoch.

Oxana Li
Oxana Li vom Verein der Deutschen aus Russland: „Russlanddeutsche sind konservativ-religiös, deshalb wählt ein Teil die AfD.“

Wieso das so ist? Oxana Li, Vorsitzende des Hamburger Vereins der Deutschen aus Russland – selbst eine erklärte Gegnerin der AfD –, weiß es: „Erstens: Russlanddeutsche sind konservativ-religiös, können nichts anfangen mit Schwulenehe und Gendersprache und solchen Dingen. Zweitens stören sie sich an den vielen Flüchtlingen im Land. Sie sagen, dass sie selbst, bevor sie nach Deutschland kamen, jahrelang auf ihre Anerkennung warten mussten, während heute illegalen Einwanderern der rote Teppich ausgerollt werde.“

„Ich will, dass meine Enkelkinder in einer Demokratie groß werden“

Ihr bereitet der Rechtsruck große Sorgen: Elke B. (78) aus Harburg. Sie bittet die MOPO darum, ihren Nachnamen zu verschweigen – „sonst stehen morgen die Nazis vor meiner Wohnungstür“, sagt sie.

Elke B.
Elke B. (78) aus Harburg gehört zur Initiative „Omas gegen Rechts“. Sie sagt: „Eine Katastrophe, falls es die AfD irgendwann an die Macht schafft.“

Elke B., eine pensionierte Ärztin, engagiert sich seit 2019 bei der Initiative „Omas gegen Rechts“, einer Gruppe von Seniorinnen, die keine Gelegenheit auslässt, der AfD den Stinkefinger zu zeigen. An vielen Anti-AfD-Demos war Elke B. schon beteiligt. Warum sie das macht? „Weil ich Enkelkinder habe und weil ich möchte, dass sie in einer Demokratie groß werden.“ Die Ursache des Rechtsrucks im Land sieht sie in der Schere zwischen Arm und Reich, die immer mehr auseinandergehe. „Sozial Benachteiligte wenden sich nun mal extremen Parteien zu“, so die Altachtundsechzigerin.

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Dass es 2025 noch zu keiner Regierungsbeteiligung der AfD komme, sei klar, so Elke B. „Aber was ist bei der nächsten Wahl? Eine AfD an der Macht, das würde bedeuten: EU-Austritt, D-Mark statt Euro, Ausweisung von Ausländern, Wiedereinführung der Atomkraft, keine Gleichberechtigung der Frauen mehr, niemand würde mehr auf die Reduzierung von CO₂ achten. Das wäre eine Katastrophe. Politisch und auch wirtschaftlich. Das muss verhindert werden!“

„Politik der AfD ist weder human noch zukunftsfähig“

Ortswechsel: Blankenese. Tief im Westen der Stadt scheint die Welt noch in Ordnung zu sein. Frank Engelbrecht ist seit Oktober 2023 Pastor an der Evangelisch-lutherischen Kirche. Die AfD spiele im Stadtteil kaum eine Rolle, erzählt der 60-Jährige. „Aktuell gibt es ja viele Wahlstände auf dem Marktplatz – von SPD, Grünen, CDU und FDP. Die AfD habe ich hier noch nie gesehen.“ Kein Wunder, denn Blankenese ist reich, soziale Verwerfungen, die dazu führen könnten, dass Gestrauchelte ihr Heil bei extremen Parteien suchen, gibt es kaum.

Pastor Frank Engelbrecht
Pastor Frank Engelbrecht (60) aus Blankenese: „Konzept der AfD ist nicht zukunftsfähig.“

Engelbrechts Gemeinde zeichnet sich dadurch aus, dass sie in der Flüchtlingsarbeit sehr aktiv ist. Es gibt sogar einen Runden Tisch, der sich unter anderem für Bewohner von Flüchtlingsunterkünften einsetzt, ihnen beispielsweise Sprachkurse vermittelt. Eine Kooperation mit einer Partnergemeinde in Tansania gibt es außerdem. Gelebtes Christentum, so wie sich das Pastor Engelbrecht wünscht.

„Die eine Welt, in der wir leben, wird nur eine Zukunft haben, wenn wir zusammenstehen, anstatt uns gegenseitig die Köpfe einzuschlagen“, sagt der Pastor: „Ja, ich gebe zu, das sind fromme Wünsche. Aber als Pastor ist das meine Aufgabe, fromme Wünsche wachzuhalten und daran mitzuwirken, sie realpolitisch zu verankern. Realpolitik ohne humane Werte ist nicht realistisch, sondern zynisch.“

Die Programmpunkte der AfD nennt Engelbrecht einen „Irrweg“. „Die Bundesrepublik braucht Zuwanderung – das zeigt doch schon ein Blick auf die Demografie. Außerdem brauchen wir eine innovative Klima- und Energiepolitik. Was aber propagiert die AfD? Sie leugnet den Klimawandel, will Windräder einreißen und Fremde vertreiben – so eine Politik ist weder human noch zukunftsfähig.“

Die große Sorge des Pastors ist, dass die nächste Bundesregierung sich die Stammtischparolen der AfD zu eigen macht, statt auf Innovation, Umweltschutz und Humanität zu setzen. „Wenn die Politik jetzt keine vernünftigen Antworten auf die Probleme der Zeit findet, sondern haltlosen Parolen folgt, dann könnte es bei der Wahl 2029 einen Rechtsruck geben, wie wir ihn uns heute noch gar nicht vorstellen mögen.“

„Ohne uns Ausländer würde doch nichts funktionieren“

„Remigration“ – das heißt: Deutschland den Deutschen, Ausländer raus. Millionen von Immigranten müssten das Land verlassen. In Baden-Württemberg hat eine Wahlkampfaktion der AfD soeben für heftige Diskussionen gesorgt: Offenbar sind bei Menschen mit Migrationshintergrund „Abschiebetickets“ in die Briefkästen geworfen worden – sie sehen aus wie Flugtickets. „One-Way-Economy“, heißt es darauf. Die Kriminalpolizei ermittelt.

Ömer Gürsoy
Ömer Gürsoy (48, M.), Dolmetscher: „Das Remigrations-Gerede macht mir große Angst.“

Wir wollen wissen: Was sagen beispielsweise türkischstämmige Mitbürger zu so etwas? Macht ihnen das Angst? Wir sind zu Besuch in einem türkischen Café in Wilhelmsburg und kommen mit Ömer Gürsoy, einem 48-jährigen Mann, ins Gespräch, der als Achtjähriger nach Hamburg kam und heute als Dolmetscher arbeitet. Er gibt zu: „Ich mache mir große Sorgen. Und ich weiß, dass es bei vielen meiner Landsleute genauso ist. Viele von uns sind aus der Türkei deshalb weg, weil dort demokratisch und liberal denkende Menschen verfolgt wurden – und jetzt droht auch hier eine solche rechte und inhumane Politik.“ Er schüttelt mit dem Kopf. „Da gehe ich lieber in mein anatolisches Dorf zurück“ – aber damit hätte die AfD ihr Ziel ja erreicht …

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Dass die AfD so viele Anhänger hat, führt er auf mangelndes Wissen und auf Desinformation zurück. „Diese ganze Hetze gegen Ausländer und Migranten ist doch verrückt“, sagt er. „Ob im Bildungswesen, in der Pflege, in der Industrie, in der Gastronomie, im Handel oder in der Industrie – ohne Migranten würde doch hier alles zusammenbrechen.“

Ömer Gürsoy erinnert daran, dass bis heute die Leistungen, die sogenannte „Gastarbeiter“ für die Bundesrepublik erbracht haben, nicht ausreichend gesellschaftlich anerkannt worden sind: „Mein Vater hat 30 Jahre hier gearbeitet, hat dann zwei, drei Jahre seine Rente genossen, um dann aufgrund von Asbest an Lungenkrebs zu sterben – dass er berufsbedingt krank geworden ist, wurde nicht einmal anerkannt. Und jetzt heißt es ,Remigration‘? Wir sollen alle gehen? Die spinnen doch wohl.“

„Kein Dialog mit Rechtspopulisten, aber schon mit deren Wählern“

Ortswechsel: Ottensen. Für Manuel Rakers, Geschäftsführer des Stadtteil- und Kulturzentrums „Motte“ in Ottensen, ist der Rechtsruck in der Bundesrepublik eine Reaktion auf den umfassenden Transformationsprozess, in dem sich das Land befindet. Klimaneutralität, Digitalisierung, Geschlechtergerechtigkeit, eine menschenwürdige Asylpolitik … „Es gibt einen konservativen Teil der Bevölkerung, der sich von den Veränderungen überrumpelt fühlt“, sagt der 46-Jährige. „Menschen, die da nicht mitkommen und die wollen, dass alles so bleibt, wie es war. Rechtspopulisten nutzen das, spalten die Gesellschaft, um politisches Kapital daraus zu schlagen.“

Manuel Rakers
Manuel Rakers, Geschäftsführer der „Motte“ in Ottensen: „Mit Rechtspopulisten werden wir nicht diskutieren, das hat keinen Sinn – die haben nur ein Interesse: spalten. Aber mit deren Wählern wollen wir unbedingt reden.“

Sogar im Szenestadtteil Ottensen, der dafür bekannt ist, dass dort viele junge Familien zu Hause sind, sei der Rechtsruck zu spüren, sagt Rakers. „Bei der Europawahl 2024 hatten wir ein Test-Wahllokal für U 16 und U 18 eingerichtet – und waren erstaunt, wie viele Stimmen es dabei für rechtspopulistische Parteien gab.“

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Ob er sich Sorgen mache um die Zukunft, um die Demokratie? „Nein“, so Rakers. „Die ganz große Mehrheit der Zivilgesellschaft hat vor einem Jahr, als rechtsextreme Deportationspläne öffentlich wurden, gezeigt, was sie davon hält: nämlich nichts. Angst ist meines Erachtens auch kein guter Ratgeber. Wir von der ,Motte‘ werden lieber aktiv. Wir haben uns vorgenommen, zu einem Raum für Debatten zu werden. Zu uns kommen Leute zum Töpfern oder um ihr Fahrrad zu reparieren oder um Musik zu machen – und treffen dabei auf Menschen, die eine ganz andere politische Meinung haben als sie. Wir möchten, dass die Leute sich austauschen und verstehen, wieso der andere so denkt, wie er denkt.“

Rakers stellt klar: „Mit Rechtspopulisten werden wir nicht diskutieren, das hat keinen Sinn – die haben nur ein Interesse: spalten. Aber mit deren Wählern wollen wir unbedingt reden. Immerhin handelt es sich um einen großen Teil der Bevölkerung. Wenn wir nicht mehr mit ihnen sprechen, wenn wir sie ausgrenzen, dann werden es ganz schnell mehr.“

Protest gegen AfD: Am 31. Januar wird es eine Menschenkette rund ums Rathaus geben

Im Januar 2024 demonstrierten mehr als hunderttausend Menschen in der Hamburger City gegen den Vormarsch der rechtsextremen Kräfte. Für den 31. Januar rufen einige der damals beteiligten Organisatoren und Unterstützer („Fridays for Future“, DGB, „Omas gegen Rechts“, Unternehmer ohne Grenzen, FC St. Pauli, Klare Kante gegen Rechts) wieder zu einer Protestaktion auf. Treffpunkt ist um 14 Uhr am Jungfernstieg/Reesendamm, entstehen soll eine Menschenkette ums Rathaus. Weitere Infos unter: menschenkette-hamburg.de