Luisa Neubauer: „Ich bin noch das Mädchen, das seinen Vater zu früh verloren hat”

Luisa Neubauer wird 30. Im Gespräch mit der MOPO hat sie über die vergangenen zehn Jahre Bilanz gezogen.
Luisa Neubauer wird 30. Im Gespräch mit der MOPO hat sie über die vergangenen zehn Jahre Bilanz gezogen.

Mit 20 verlor Luisa Neubauer ihren Vater. Mit 22 wurde sie das bekannteste Gesicht der jungen deutschen Klimabewegung. Mit 30 ist sie eine der prägendsten Stimmen ihrer Generation. Kurz vor ihrem Geburtstag am 21. April hat die MOPO mit ihr über die vergangenen zehn Jahre gesprochen: über die Wucht von Fridays for Future, über verpasste Chancen, über Hass im Netz, über Schmerz – und über die Haltung, die sie weitermachen lässt.

MOPO: Frau Neubauer, Sie wurden in zehn Jahren von einer jungen Aktivistin zu einer der prominentesten jungen deutschen Stimmen. Was hat Sie das gekostet?

Luisa Neubauer: Schlaf (lacht), Nerven und Zeit. Aber ich blicke mit Dankbarkeit und Staunen auf diese Zeit. Vor zehn Jahren konnte ich mir nicht vorstellen, Aktivistin zu sein. Ich dachte nicht, dass ich das kann, und hatte kaum Vorbilder. Dass ich heute für andere jemand sein kann, bei der sie denken: „Wenn sie das kann, schaffe ich das auch“, ist fantastisch.

Warum dachten Sie, Sie könnten das nicht?

Weil es institutionell nicht sichtbar war, dass junge Menschen sich so organisieren. Wenn junge Menschen mit Politikern reden durften, war das Teil eines „Engagementprozesses“. Aber ich habe gelernt, dass man von Verbündeten umringt ist. Dafür muss man Mut haben, laut zu werden.

Die WochenMOPO – ab Freitag neu und überall, wo es Zeitungen gibt!

Diese Woche u.a. mit diesen Themen:

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  • Block-Sündenbock: Warum der Familienanwalt Costard in den Fokus rückt

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  • Große Rätselbeilage: Knobelspaß für die ganze Woche

  • 16 Seiten Sport: Aus für Blessin bei St. Pauli & Jattas emotionale HSV-Reise

  • 28 Seiten Plan7: Konzerte und mehr im Schanzenzelt, Gastro-Comeback & Tipps für jeden Tag

Wann merkten Sie, dass sich Ihre Rolle verschoben hat – weg von der Studentin mit Pappschild hin zur Symbolfigur?

Inwieweit ich jetzt eine Symbolfigur bin, entscheiden ja andere. Aber natürlich gab es solche Momente. Als wir den ersten Klimastreik in Paris organisiert haben und sich plötzlich der Élysée-Palast meldete: Könnt ihr herkommen? Mich berührt aber besonders, dass sich Schulbücher verändert haben. Das klingt klein, aber eine TV-Diskussion zu bestreiten, ist das eine, in einem Schulbuch zu landen das andere. Wow.

Was hat Fridays for Future erreicht?

Wir haben mehr Druck für Klimaschutz aufgebaut als je zuvor. Es gibt heute mehr Windräder, E-Autos, sanierte Häuser, Solar – auch wenn es noch nicht reicht. Wir haben juristische Präzedenzfälle geschaffen und aufgedeckt, wie viel Lobbyismus in der Wirtschaftspolitik steckt. Das Wichtigste: Wir haben bewiesen, dass die Dinge nicht immer so weitergehen müssen und junge Menschen nicht stumm zusehen müssen, wie ihre Zukunft verbrannt wird. So ein Momentum aufzubauen, ist eines der nachhaltigsten Dinge. Denn das heißt: Es kann wieder passieren – auch aus den dunkelsten Momenten heraus.

Luisa Neubauer bei einem Protest von Fridays for Future im Jahr 2019 vor dem Kanzleramt.
Luisa Neubauer bei einem Protest von Fridays for Future im Jahr 2019 vor dem Kanzleramt.

Heute ist die AfD erstarkt, übers Klima will gefühlt kaum noch jemand reden. Ist Ihre Bewegung in Teilen auch gescheitert?

Natürlich! Aktivismus heißt, groß zu denken, was zu wagen und in Kauf zu nehmen, dass man nicht alles erreicht, was man sich vornimmt. Nach der Energiekrise, nach Putins Vollinvasion, haben wir einen Stimmungsumschwung zu spät erkannt. Wir hätten aus der Ampel-Regierung mehr rausholen können, trotz der allgemeinen Frustration – jetzt, wo wir wissen, dass danach Friedrich Merz anklopft und sich in weiten Teilen als beratungsresistent darstellt. Aber ich finde das im Vergleich zu dem, was wir schaffen konnten, sehr okay.

Woher nehmen Sie die Zuversicht, weiterzumachen?

Da habe ich meine Perspektive geändert. Lange galt, dass man Klimaschutz nur machen kann, wenn wir keine anderen großen Probleme haben. Aber Krisen haben Wandel oft erst ermöglicht. Wir können jeden Augenblick als Chance nehmen. Noch nie sprach so viel für eine Energiewende wie jetzt, wo uns die Welt zeigt, wie gefährlich die Abhängigkeit von Öl und Gas ist. Ich mache das für jedes Kind, das auf dem Schulweg kein Asthma mehr bekommt, weil die Luft sauberer ist. Dafür muss ich nicht auf einen Stichtag warten.

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Sie äußern sich auch zu anderen politischen Themen. Macht das Ihren Job komplizierter?

Wenn Energiepolitik auf dem Rücken der Arbeiter gemacht wird, stellen wir uns mit der Gewerkschaft auf die Straße. Und wenn Männer im Internet mir den Tod wünschen, kann ich nicht so tun, als gäbe es das nicht. Es gibt in Deutschland ein Sehnen nach jemandem, der alles kommentiert. Ich probiere mich da rauszuziehen. Das hat mit Diskursdemut zu tun. Aber vieles tangiert mich zwangsläufig. Ich wünschte ja, ich müsste mich zu vielen Themen nicht verhalten.

Luisa Neubauer im Januar 2025 beim Berliner Presseball.
Luisa Neubauer im Januar 2025 beim Berliner Presseball.

Ist es strategisch riskanter, sich zu mehr Themen zu äußern?

Ja, aber etwa bei Frauenhass habe ich keine Wahl. Es beeinträchtigt meine Arbeit, es ist entfesselt. Ich kann das in mich reinfressen oder diese Erfahrung nutzen – klug und mit anderen Frauen verbündet. Einen Aufwand habe ich so oder so. Und ich finde, ich sollte auch für viele mitsprechen, die nicht öffentlich gefragt werden, es aber erleben.

Auf Frauen, die starke Stimmen in der Öffentlichkeit sind, lastet oft ein enormer zusätzlicher Druck: Collien Fernandes, und jetzt zuletzt die Bundesliga-Trainerin von Union Berlin. Was ist Ihre wichtigste Erfahrung mit Sexismus und Frauenhass?

Dass es schlimmer ist, als man es sich ausmalt, und die Abgründe tiefer sind. Ich habe meine ganze Kindheit über Angela Merkel Wahlen gewinnen sehen. Mir wurde gesagt: Frauen können alles werden. Und das stimmt, aber es stimmt auch nicht, weil die Zumutungen so krass sind. Ich konnte mir nicht ausmalen, dass es in Deutschland 2019 einen solchen Unterschied machen würde, ob ich eine Frau oder ein Mann bin. Aber wir sind da und können die Verhältnisse verändern, wenn wir uns davon nicht abhalten lassen.

Wie verändert so viel Hass Ihren Blick auf sich selbst – und auf andere Menschen?

Ich kriege viel Hass, aber da bin ich vor allem eine Projektionsfläche. Da geht es weniger um mich als um das, was ich für manche verkörpere. Mein Blick auf Menschen ist vielschichtig: Ich möchte, dass Menschen in einer sicheren Zukunft leben, und setze mich auch für die ein, die gegen Klimaschutz angrölen. Ich mache es aus einer tiefen Liebe für Menschen überall und für diese Welt, die uns all das schenkt, was wir erleben. Gleichzeitig ist ein Teil dieser Öffentlichkeit für mich eine persönliche Gefahr. Unter 1000 Leuten ist einer, der eine Gewaltdrohungen gegen mich auf Instagram likt. Da muss man aufpassen, dass einen das nicht zu sehr durchdringt, sondern die Augen offen halten für die 999, die ganz, ganz toll sind.

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Gibt es auch Tage, an denen Sie nicht Luisa Neubauer sein wollen?

Ja, und oft bin ich auch nur Luisa oder Lulu. Aber Luisa Neubauer ist ja kein anderer Charakter, sondern weiterhin ich. Aber in diese Neubauer interpretieren viele Leute ganz viel rein. Deshalb ist mir sehr wichtig, Freundschaften zu pflegen und für meine Familie da zu sein und mein Glück nicht an dem auszumachen, was gerade in der Zeitung über mich geschrieben oder im Internet über mich erfunden wird, sondern an dem Lebenssinn in mir selbst und in der Welt an sich. Das hilft, nicht unweigerlich ein bisschen durchzudrehen.

Nun werden Sie 30. Inwiefern sind Sie heute anders als mit 20?

Mein Geburtstag ist immer mit der Trauer um meinen Vater verbunden, denn an meinem 20. Geburtstag haben wir ihn beerdigt. Deshalb denke ich jedes Jahr daran, dass ich den von mir über alles geliebten Vater verloren habe. Als ich in meine Zwanziger gestartet bin, die für viele ein Aufbruchsjahrzehnt sind, gab es bei mir keinen Aufbruch, sondern nur unglaublichen Schmerz. Ich war mir sicher, das traurigste Mädchen zu sein, das es gibt. Und ich war mir nicht sicher, ob ich wieder richtig fröhlich sein kann, so fröhlich, dass man die Welt umarmen will. Heute bin ich immer noch irgendwo das Mädchen, das ihren Vater zu früh verloren hat. Aber wenn ich auf diese letzten zehn Jahre gucke, freue ich mich über mich selbst, weil ich es geschafft habe, dass diese Trauer ein Teil von mir sein darf und ich auch mit Fröhlichkeit an meinen Vater denken kann und an dieses Leben.

Wie soll sich Ihr Leben bis 40 verändern?

Ach, ich will das Mindset beibehalten, die Welt so nehmen, wie sie ist, und in den Momenten da sein, wenn es drauf ankommt. Ich will mich nicht einschüchtern lassen von den Unwägbarkeiten der Gegenwart. Und ich wünsche mir sehr, zu unterrichten. Ich habe an den Unis so viel mitgenommen und hoffe, Dinge weiterzugeben.

Ist Hamburg noch Ihr Zuhause?

Absolut. Es bleibt mein einziges wahres Zuhause und ist für immer die Stadt meines Herzens.