Hamburg

Lüftungsschächte an der Reeperbahn sind jetzt Kunst – Angriff kurz vor Enthüllung

Vier Personen halten draußen gemeinsam ein Magazin mit buntem Cover in die Kamera.
Quartiersmanager Lars Schütze, Quartiersmanagerin Julia Staron, Verkehrssenator Anjes Tjarks und S-Bahn-Chef Jan Schröder (v.l.) stellen die neuen Fliesen mit Symbolen des Kiezes vor.

Am S-Bahnhof Reeperbahn schmücken neue pinke Fliesen einen Lüftungsschacht. Was hinter dem Kunstprojekt und den Kiez-Geboten steckt.

Den Lüftungsschacht am S-Bahnhof Reeperbahn zieren jetzt pinke Fliesen. Die Beteiligten stellen sich bei der Enthüllung am Mittwoch brav zum Gruppenfoto auf. Nur einer fehlt zunächst: André Schröder, der einen Großteil der Fliesen entworfen hat. Wenige Stunden vorher brachte er noch die letzten Kacheln an – und wurde dabei mit einem Stuhl angegriffen.

Überall Pink auf der Reeperbahn: die neuen Fliesen am Lüftungsschacht, das Glitzerkleid der Künstlerin Anna Genger, die Fassade des Sex-Houses im Hintergrund – und sogar das Hemd des Quartiersmanagers passt ins Konzept. Nur eine Person bleibt zunächst ungewöhnlich schlicht: Burlesque-Tänzerin Eve Champagne. Später zeigt sich: Das Glitzer-Outfit trägt sie drunter.

Zwei Frauen tanzen mit orangefarbenen Tüchern vor einem Gebäude; im Hintergrund stehen Menschen und Equipment.
Künstlerin Anna Genger und Burlesque-Tänzerin Eve Champagne bei der Präsentation am Mittwoch.

Am Mittwochmorgen wurden zum 400. Geburtstag der Reeperbahn die neuen Fliesen an den Lüftungssäulen der S-Bahn vorgestellt. Jedes Jahr werde die Station von 11,6 Millionen Menschen genutzt, sagt Verkehrssenator Anjes Tjarks (Grüne), „um voller Freude in den Abend zu starten – und hoffentlich wieder zurückzukommen“. Die Fliesen seien nicht nur Dekoration, sondern auch „eine Ansage, wie man sich hier zu verhalten hat“.

St. Pauli Gebote“ wurden bildlich umgesetzt

Auf den Fliesen wurden die zehn „St. Pauli Gebote“ bildlich umgesetzt, die kurz darauf von Eve Champagne und Kiez-Comedian Inkasso Ingo vorgetragen werden, etwa das Wildpinkel-Verbot, aber auch Respekt und Rücksicht. „Es ist nicht nur Glitzer, es steckt auch Inhalt dahinter“, sagt die Künstlerin Genger in ihrer Rede. „Nichts ist ohne Bedeutung.“

Diese Fliesen zieren jetzt die Lüftungssäulen der S-Bahn.

Bevor die Künstler loslegen konnten, musste zunächst geklärt werden, wem der Lüftungsschacht überhaupt gehört. Da der S-Bahnhof mit seinem Zivilschutzbunker zum Katastrophenschutz zählt, waren sowohl Stellen auf Bundesebene als auch der Bezirk beteiligt. Für die verwendeten Materialien und die Befestigung der Fliesen galten entsprechend strenge Vorgaben für das Künstlerpaar.

Künstler André Schröder wurde angegriffen

Gengers Mann André Schröder fehlt zunächst. Dabei hat er einen Großteil der Fliesen entworfen. „Der versteckt sich gerne“, sagt Genger und erzählt dann, wie ihr Mann in der Nacht angegriffen wurde. Ein Obdachloser habe ihm gegen 4 Uhr einen Stuhl über den Kopf gezogen, als er die letzten Fliesen anbrachte. „Auch das ist St. Pauli“, sagt sie.

Es gehe ihm gut, erzählt Schröder später. „Ich hab’ ’nen dicken Schädel, aber das kann auch daran liegen, dass ich nur ’ne halbe Stunde geschlafen hab’.“ Gegen 9 Uhr morgens schloss er die letzten Arbeiten an der Säule ab. Insgesamt zehn Monate lang haben er und seine Frau an dem Projekt gearbeitet. „Ich hoffe, dass alle anderen genauso zufrieden sind wie wir“, sagt Schröder.

Kommentare öffnen