Kaum einer kennt ihn: Der „Führerbunker“ im Nobelviertel

Der massive Bunker befindet sich auf dem Gelände der Hochschule für Musik und Theater und ist über die Magdalenenstraße frei zugänglich.
Der massive Bunker befindet sich auf dem Gelände der Hochschule für Musik und Theater.

Hamburgs „Führerbunker“ liegt kaum 200 Meter vom Alsterufer entfernt in feinster Lage in Pöseldorf. Hier, auf dem Gelände der Hochschule für Musik und Theater, befand sich der geheime Befehlsstand, aus dem „Reichsstatthalter“ Karl Kaufmann die Verteidigung der Hansestadt im Zweiten Weltkrieg leiten und koordinieren sollte. Den Schlüssel zu diesem düsteren Ort hat Ronald Rossig vom Verein „Unter Hamburg“, und für die MOPO-Reporter sperrte er den „Lost Place“ einmal auf.

Wer im Bereich Milchstraße und Harvestehuder Weg spazieren geht, der sieht erst mal gar nichts vom Bunker. Die Anlage befindet sich nämlich hinter einem Wohnhaus an der Magdalenenstraße auf dem Gelände der Hochschule für Musik und Theater. Und selbst viele Studenten dürften nicht wissen, was es mit dem Beton-Monster auf ihrem Uni-Campus auf sich hat.

MOPO-Reporter Thomas Hirschbiegel im Lagezentrum des Bunkers. Hier stand früher ein großer Kartentisch.
MOPO-Reporter Thomas Hirschbiegel im Lagezentrum des Bunkers. Hier stand früher ein großer Kartentisch.

Anlage sollte auch schwersten Bomben trotzen

Wir befinden uns jetzt vor einem dicken „Dach“ auf massiven Betonstützen aus armiertem Stahlbeton, der die unterirdische Bunkeranlage auch bei einem Bomben-Volltreffer vor Zerstörung bewahren sollte. So wurde eine dicke „Zerschellschicht“ gebaut, die selbst den schwersten Briten-Bomben standhalten sollte. Die Bomben sollten hier zur Detonation gebracht werden und dann sollte der Luftdruck der Explosion zwischen den Betonstützen zur Seite abgelenkt werden. Die Trümmer dieser Betondecke wären dann auf die eigentliche Bunkerdecke gefallen.

Blick in den Flur des Bunkers. Er verfügte über acht Räume und wurde 1940 fertiggestellt.
Blick in den Flur des Bunkers. Er verfügte über acht Räume und wurde 1940 fertiggestellt.

Die Außenwände des bombensicheren Stabsquartiers hatten Stärken von bis zu vier Metern. Zu einem direkten Bombenabwurf auf den „Führerbunker“ ist es aber nie gekommen. In den umliegenden Wohnstraßen fielen im Krieg nur wenige Brandbomben, die zu eher geringen Schäden führten.

Diese „Zerschellschicht“ sollte bei direkten Bombentreffern Explosionsenergie aufnehmen und den Bunker schützen.
Diese „Zerschellschicht“ sollte bei direkten Bombentreffern Explosionsenergie aufnehmen und den Bunker schützen.

Nun warten wir vor diesem furchteinflößenden Beton-Bauwerk, und Roland Rossig öffnet eine Stahltür. Wir gehen ein paar Treppenstufen abwärts und stehen in vier Metern Tiefe auf der Sohle des Bunkers. Vorbei an einem Notstromaggregat, Luftfiltern, Toiletten und Waschräumen gehen wir in einen größeren Raum mit gewölbter Decke. Hier befand sich das Lagezentrum, in dem alle Informationen über aktuelle Bombenangriffe und ab 1945 auch den Kriegsverlauf in Norddeutschland zusammenliefen.

Auch SS-Führer saßen im Bunker

Im Zentrum des Raumes befand sich ein großer Kartentisch. Neben Karl Kaufmann beugten sich hier SS-Gruppenführer Prützmann, Staatssekretär Ahrens, Senatoren oder der stellvertretende Gauleiter Henningsen über die Karten. Über eine Durchreiche gingen bei Luftangriffen dann im Minutentakt Meldungen aus betroffenen Stadtteilen bei Kaufmann ein.

Karl Kaufmann war ab 1929 NSDAP-Gauleiter und ab 1933 auch Reichsstatthalter in Hamburg.
Karl Kaufmann war ab 1929 NSDAP-Gauleiter und ab 1933 auch Reichsstatthalter in Hamburg.

Im Bunker gab es direkte Fernsprechleitungen zum Polizeipräsidenten, zum Luftverteidigungskommando oder zum Höheren SS- und Polizeiführer Querner. Wären die Leitungen ausgefallen, standen für den Fall immer drei Polizeimotorräder mit Beiwagen als Melder zur Verfügung. In der Magdalenenstraße waren die schweren Mercedes-Limousinen der Nazi-Bonzen abgestellt.

Wie oft diese unterirdische Befehlsstelle tatsächlich besetzt war, ist unbekannt. Karl Kaufmann war bereits 1938 auf dem Bunker-Grundstück in das „Budge-Palais“ gezogen und hatte die riesige Villa zur „Reichsstatthalterei“ gemacht. Heute befindet sich im Gebäude die Musikhochschule. Kaufmann überstand das Kriegsende, wurde von den Briten mehrfach für kurze Zeit inhaftiert, aber niemals grundsätzlich zur Verantwortung gezogen. Er starb als wohlhabender Hamburger Unternehmer am 4. Dezember 1969.

Thomas Hirschbiegel (li) und Florian Quandt

Lost Places

Der Autor: Thomas Hirschbiegel (l.) ging 1977 direkt von der Schule zur MOPO, war erst zehn Jahre Fotoreporter und dann ab 1987 Redakteur mit dem Spezialgebiet Polizei, Architektur und Stadtentwicklung.

Der Fotograf: Florian Quandt begann seine journalistische Tätigkeit beim „Elbe Wochenblatt“, absolvierte ein Redakteurs-Volontariat beim „ Pinneberger Tageblatt“ und ist seit 2005 Fotoreporter bei der MOPO.

Nach 1945 nutzten die Briten den „Führerbunker“ als Munitionslager. Später verstaute die Hochschule hier Requisiten, und ein Malermeister lagerte Material. In den 2000er Jahren versuchten reiche Nachbarn, den Abriss des Bunkers durchzusetzen. Doch 2010 ist der einmalige Bunker unter Denkmalschutz gestellt worden.