Hamburg
Lebt Wal Timmy noch? Tierärztin sorgt bei Pressekonferenz für totale Verwirrung
Ein DNA-Vergleich sollte klären, ob der bei Anholt entdeckte Kadaver mit dem vor Poel gestrandeten Meeressäuger identisch ist.
Das Rettungsteam „Hope“ lädt zu einer Pressekonferenz nach Hamburg – und Journalisten aus ganz Deutschland reisen an. Erwartet wird nicht weniger als eine Sensation im Fall des Buckelwals Timmy. Eine Gewebeprobe, die von Timmy stammen soll, sei mit einer Probe vom später bei der dänischen Insel Anholt gefundenen Kadaver verglichen worden. Das überraschende Ergebnis: Die beiden Proben sollen genetisch nicht übereinstimmen.
War der tote Wal von Anholt also gar nicht Timmy? Lebt der Buckelwal womöglich noch? Auf dem Podium sitzt allein Kirsten Tönnies, eine Tierärztin aus dem hessischen Hattersheim. Sie hatte Timmy während der Rettungsaktion medizinisch begleitet und erklärt, für das „Team Hope“ zu sprechen.
Doch was Tönnies präsentiert, klärt das Schicksal des Wals nicht. Am Ende haben die anwesenden Journalisten mehr Fragen als zuvor.
Buckelwal Timmy: Auf dem Podium sitzt nur eine Tierärztin
Eigentlich sollten weitere Personen auf dem Podium sitzen. Vertreter des Umweltministeriums Mecklenburg-Vorpommern seien verhindert, erklärt Tönnies. Auch Wissenschaftler, die sie bei der Interpretation der genetischen Daten unterstützt haben sollen, treten nicht öffentlich auf. Sie sollen berufliche Konsequenzen fürchten und um ihren Ruf bangen.
Selbst das Labor, das die Proben untersucht hat, wolle anonym bleiben. Es befinde sich in China. In Deutschland habe sich kein Labor bereitgefunden, die Analyse vorzunehmen, so Tönnies.
Damit fehlen ausgerechnet jene Fachleute, die den ungewöhnlichen Befund erklären und Fragen dazu beantworten könnten.
Buckelwal Timmy: DNA-Abgleich soll Ungereimtheiten ergeben
Nach Tönnies’ Darstellung unterscheiden sich die DNA-Proben nicht nur so stark, dass sie nicht von demselben Tier stammen können. Die von ihr konsultierten Experten hätten die Daten sogar so interpretiert, dass fraglich sei, ob das genetische Material überhaupt derselben Tierart zuzuordnen ist. Stammt die eine Probe von einem Wal, die andere von einem Rind, einem Kaninchen – oder von welchem Tier? Tönnies kann diese Frage nicht beantworten.
Zwei Proben, viele offene Fragen
Die erste Probe soll am 1. Mai auf dem Transportschiff gewonnen worden sein, kurz bevor Timmy freigelassen wurde. Das Gewebe sei bei der Befestigung des Trackers angefallen. Dabei wurde ein Bolzen durch die Rückenflosse des Wals geführt.
Tönnies erklärt, Mitglieder des Rettungsteams hätten ihr untersagt, bei der Entnahme dabei zu sein. Warum, wisse sie nicht. Sie selbst habe ebenfalls Gewebe von Timmy genommen. Für den vorgestellten Vergleich sei dieses Material jedoch nicht verwendet worden.
Die zweite Probe soll am 18. Mai vom Kadaver des bei Anholt gefundenen Buckelwals genommen worden sein. Beide Proben seien tiefgekühlt per Expresslieferung nach China geschickt worden.
Das Labor habe das Material als qualitativ gut bewertet. Eine starke Zersetzung erkläre das ungewöhnliche Resultat demnach nicht, so Tönnies.
Es gibt keinen Beweis dafür, dass Timmy noch lebt
Was beweist das Ganze nun? Jedenfalls nicht, dass Timmy noch lebt. Es zeigt vielmehr, dass mit mindestens einer Probe, ihrer Zuordnung, ihrer Analyse oder der Interpretation der Ergebnisse etwas nicht stimmt. Das Material könnte verunreinigt, verwechselt oder falsch beschriftet worden sein. Auch Fehler bei der Verarbeitung oder Interpretation sind möglich. Eine bewusste Manipulation ist ebenfalls denkbar – bewiesen ist sie nicht.
Doch schon während der Pressekonferenz beginnen die Spekulationen. Teilnehmer aus dem Umfeld der Tierretter fragen laut, wer ein Interesse an einer Manipulation haben könnte. Damit droht der Befund vor allem, neue Verschwörungserzählungen ins Kraut schießen zu lassen.
Alles spricht dafür, dass Timmy tot ist
Die bislang bekannten Indizien sprechen eindeutig dafür, dass der bei Anholt gefundene Buckelwal tatsächlich Timmy war. Am Kadaver wurde der Tracker entdeckt, der dem Tier vor seiner Freilassung an der Rückenflosse befestigt worden war. Dessen Ortungsdaten führten in die Region um Anholt.
Hinzu kommen übereinstimmende Verletzungen und die charakteristische Form der Schwanzflosse. Der Biologe Fabian Ritter verglich Aufnahmen der Fluke und kam zu dem Ergebnis, dass der vor Poel gestrandete Wal und der später in Dänemark gefundene Kadaver dasselbe Individuum waren. Der Verlauf der hinteren Flukenkante ist bei Buckelwalen individuell und wird ähnlich wie ein Fingerabdruck zur Identifikation genutzt.
Die DNA-Präsentation von Kirsten Tönnies hat diese Indizien nicht entkräftet. Nach bisherigem Kenntnisstand ist Timmy tot. Ungeklärt bleibt, was mit den untersuchten DNA-Proben geschehen ist. Die Pressekonferenz hat damit mehr Rätsel aufgeworfen als gelöst.
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