Lebensgefährlicher Blindflug: Rennradfahrer spricht über seinen Horror-Crash am Deich
Die geraden Strecken entlang der Deiche in den Vier- und Marschlanden sind beliebte Trainingstouren für Rennfahrer. Doch regelmäßig kommt es dabei zu schweren, lebensgefährlichen Unfällen, weil die Rennradfahrer mit hoher Geschwindigkeit in parkende Autos krachen. Die MOPO traf einen Radsportler, der bei einem solchen Aufprall so schwer verletzt wurde, dass er mit einem Helikopter ausgeflogen wurde. Er erklärt, warum die Fahrer sich so oft verschätzen und was er nach dem Unfall anders macht.
Pascal Zimmer (58) ist seit seinem 18. Lebensjahr begeisterter Radsportler, seit neun Jahren nimmt er an Straßenrennen teil. Am 17. Juni 2019 trainierte er für solch ein Rennen auf der beliebten Strecke am Deich entlang. „Ich fuhr mit rund 40 Stundenkilometern die Straße entlang und wollte meine Trainingsleistung aus den Vortagen toppen. Den Blick hatte ich auf den Fahrradcomputer am Lenker gerichtet und mit gesenktem Kopf, um möglichst wenig Luftwiderstand zu haben. Ich schaute kurz hoch und sah das Auto noch vor mir, hatte die Situation aber falsch eingeschätzt. Dann krachte es auch schon.“
Er habe angenommen, dass das Auto in Bewegung sei, als er für einen Moment hochblickte. Ein Irrtum: Binnen Sekunden krachte er mit hohem Tempo und ungebremst in das Heck des parkenden Wagens.
Die Folge waren komplizierte Brüche der Gesichtsknochen und eines Beins. Mit dem Rettungshubschrauber wurde Zimmer in das Unfallkrankenhaus Boberg geflogen. Dort folgten im Laufe der folgenden Monate mehrere Operationen. „Danach wollte ich aus Angst zunächst nie wieder auf ein Rennrad steigen“, erinnert sich Zimmer. „Erst nach Monaten habe ich mich wieder getraut und nehme inzwischen auch wieder an Rennen teil.“
Tatsächlich ist die Strecke zwischen Kirchwerder und Altengamme bei Hobby-Radsportlern überaus beliebt: Zu Hunderten düsen sie in den Sommermonaten auf ihren Rennrädern den Deich entlang. Vor Großevents wie den ADAC Cyclassics, die am 17. August in Hamburg stattfinden, mischen sich darunter auch viele trainierende Profisportler. Um möglichst wenig Luftwiderstand zu haben, fahren sie in gebückter Haltung und mit gesenktem Kopf.
Bei gesenktem Kopf Hindernisse auf der Straße übersehen
Hohes Tempo und der Blick nach unten – eine verhängnisvolle Kombination: Die Fahrer sind quasi im Blindflug unterwegs. Zuletzt ereignete sich solch ein Unfall am Donnerstagabend in Kirchwerder. Es gab zwei Schwerverletzte. Einer davon schwebte kurzzeitig sogar in Lebensgefahr.
Über die Ursachen dieses Phänomens wurde oft gerätselt. Die Polizei vermutet, dass es in vielen Fällen ähnlich gelaufen ist wie bei dem Unfall von Zimmer 2019. „Viele Radsportler sind auf der Jagd nach besseren Rundenzeiten wie in einem Tunnel und lassen es dabei an Sorgfalt und Aufmerksamkeit fehlen“, sagt ein Polizist zur MOPO.
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„Kopf hoch“, so heißt auch die Kampagne, die die Polizei vor einigen Jahren ins Leben gerufen hat, um Rennrad-Sportler zu sensibilisieren und vor solchen Unfällen zu warnen. So waren die Beamten auch am Samstag am Kaltehofe Hinterdeich (Rothenburgsort), um Radfahrer anzusprechen und auf die Gefahren hinzuweisen.
Unterstützt wurden sie dabei von Mitarbeitern vom Forum Verkehrssicherheit Hamburg. Die Organisation weist unter dem Motto „gib acht“ ebenfalls auf die Gefahren im Radsport hin. Auch Sportler Zimmer rät allen Radsportkameraden: „Lieber mehrfach den Kopf heben, dafür aber sicher ankommen“. Er selbst fährt seit dem schweren Unfall sehr viel umsichtiger: „Ich habe gelernt, wie schnell das Leben vorbei sein kann.“