Krisenforscher im Interview: So wahrscheinlich ist ein Angriff Russlands auf die NATO

Bundeswehr
Eine Kolonne von Leopard-Panzern der Bundeswehr (Archivbild)

Der Bundesnachrichtendienst (BND) und die Sicherheitsexperten der Bundeswehr gehen davon aus, dass Russland in vier, fünf Jahren so hoch gerüstet sein wird, dass das Land in der Lage ist, die NATO anzugreifen. Frank Roselieb ist Direktor von „Krisennavigator“, dem Institut für Krisenforschung an der Universität Kiel. Mit ihm sprach die MOPO über die Bedrohung der NATO durch Russland.

MOPO: Der „Operationsplan Deutschland“ will das Land fit machen für einen möglichen Konflikt mit Russland. Für wie wahrscheinlich halten Sie einen solchen Konflikt?

Frank Roselieb
Frank Roselieb ist Direktor von „Krisennavigator“, dem Institut für Krisenforschung an der Universität Kiel.

Frank Roselieb: Konflikt? Wir sind längst weiter. Wir stecken in einer latenten Konfrontation. Dabei überschreitet eine Seite gewisse rote Linien, um die Reaktionsbereitschaft der anderen Seite zu testen. So hat Russland im August 2024 mehrfach Drohnenflüge über einem schleswig-holsteinischen Industriepark in Dithmarschen nahe der Elbmündung unternommen, der zur Kritischen Infrastruktur zählt. Nicht ohne Grund hat Hamburg zwei Monate später, also im September 2024, im Rahmen der Übung „Red Storm Alpha“ – mit Betonung auf „Red“ – den Schutz der verteidigungswichtigen Infrastruktur im Hamburger Hafen trainiert.

Was könnten die nächsten Schritte Russlands sein?

Die nächste Stufe wäre eine akute Konfrontation. Territoriale Interessen in Westeuropa hat Putin tendenziell nicht. In Osteuropa sieht die Lage etwas anders aus. Denkbar ist, dass Putin die NATO und damit auch die Bundeswehr beispielsweise an der Suwalki-Lücke herausfordert. Das ist ein rund 65 Kilometer breiter Landstrich zwischen Polen und Litauen. Er ist einerseits die einzige Landverbindung zwischen den baltischen Staaten und Kerneuropa und andererseits die einzige Landverbindung Russlands zu seiner Exklave Kaliningrad an der Ostsee über Belarus. Aus diesem Grund sollen dort in den nächsten Monaten rund 5000 Bundeswehr-Soldaten dauerhaft stationiert werden.

„Einen flächendeckenden Angriff in Westeuropa halte ich für eher unwahrscheinlich“

Müssen wir auch im Inland mit Angriffen rechnen?

Im Falle einer Eskalation wäre für Russland die Hinterlandversorgung der NATO-Truppen aus Deutschland interessant. Beispielsweise existiert seit April 1993 eine Fährverbindung zwischen Kiel und Klaipeda in Litauen. Sie könnte ein mögliches Sabotage- oder Angriffsziel sein. Einen flächendeckenden Angriff Russlands – wie derzeit in der Ostukraine – halte ich in Westeuropa für eher unwahrscheinlich. Wahrscheinlicher sind punktuelle Angriffe auf Einrichtungen der kritischen Infrastruktur: Cyberangriffe auf die Leitstellen von Versorgungseinrichtungen sind genauso realistisch wie physische Sabotage. Im Sommer 2024 hat es sowohl in Finnland als auch in Deutschland mysteriöse Einbrüche in Wasserversorgungseinrichtungen gegeben – beispielsweise im August 2024 bei der Bundeswehr in Köln-Wahn und in Mechernich. In allen Fällen konnte zwar keine Kontamination des Trinkwassers festgestellt werden. Erhöhte Vorsicht ist dennoch angesagt.

Was würden Sie Bürgern raten: Was wäre die richtige Vorbereitung auf einen solchen Konflikt?

Bürger sollten ihr Reiseverhalten grundlegend überdenken. Beispielsweise wurde im Januar 2024 – also deutlich nach Beginn des Ukraine-Kriegs – ein 38-jähriger Hamburger am Flughafen in St. Petersburg festgenommen, weil er auf dem Weg zu einem Online-Date angeblich Cannabis-Gummibärchen im Gepäck hatte. Nach mehreren Monaten in russischer Haft kam er Anfang August 2024 im Rahmen eines Gefangenenaustausches gegen den „Tiergartenmörder“ frei – war also quasi ein Faustpfand Putins.

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Und was geben Sie den deutschen Behörden mit auf den Weg?

Behörden und der Politik würde ich raten, einen Gang höher zu schalten. Andere Länder in Europa sind längst weiter. Dänemark hat im März 2024 bekannt gegeben, die Wehrpflicht für Frauen einzuführen und den Wehrdienst von vier auf elf Monate verlängern zu wollen. In Schweden wurde in diesen Tagen eine 32-seitige Broschüre mit dem Titel „Wenn eine Krise oder ein Krieg kommt“ in Millionenauflage an die Bevölkerung verteilt. Bei uns gibt es nichts dergleichen bisher.

„Eine App ist schnell programmiert, der Bau von Schutzräumen dauert deutlich länger“

Macht es jetzt noch Sinn, Bunker zu bauen?

Selbst in den heißen Phasen des Kalten Krieges waren Bunker in Deutschland kein wirkliches Thema. Bis 2007 wurde in der Bundesrepublik noch die sogenannte Schutzraumquote erhoben: Damals lag der Prozentsatz der Bürger, für die Platz in einem Schutzraum war, bei drei Prozent. Danach wurden uns keine Daten von Bund und Ländern mehr geliefert, da die Unterhaltung der Schutzräume eingestellt wurde. Ende Juni 2024 hat die Innenministerkonferenz vereinbart, die Bunker durchzuzählen. Aktuell sind demnach knapp 600 Schutzräume verfügbar mit Platz für insgesamt weniger als 500.000 Menschen. Das ist nur gut ein halbes Prozent der Bevölkerung. Zum Vergleich: Die Schutzraumquote in Österreich liegt bei 30 Prozent, in der Schweiz bei 114 Prozent und selbst Länder am Rande Europas – wie Schweden – bringen es auf 81 Prozent. Reichlich kurios wirkt die jüngste Ankündigung des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, eine App zu veröffentlichen, mit der Menschen den Weg zum nächsten Schutzraum finden können. Eine App ist sicher schnell programmiert, der Bau von Schutzräumen dauert deutlich länger.