Krise in Hamburger Arztpraxen: Droht eine Pleite im Benko-Stil?

Sekander Scherzai, Miamedes-Geschäftsführer
Sekander Scherzai ist Geschäftsführer von Miamedes.

Keine Termine für Patienten, tote Leitungen, verzögerte Gehaltszahlungen: Die Krise in den Arztpraxen des Hamburger Unternehmens Miamedes mit seinen Tochterfirmen Hämatologisch-Onkologische Allianz Stormarn (HOA) und Geriatrikum zieht immer größere Kreise. Der Konzern ist offenbar in Zahlungsschwierigkeiten. Trotzdem startet Geschäftsführer Sekander Scherzai immer noch neue Projekte. Warum stoppt ihn niemand?

Vor einem halben Jahr berichtete die MOPO das erste Mal über die Probleme in der Krebspraxis der HOA in Norderstedt. Dort war die Versorgung tausender schwer kranker Patienten in Gefahr geraten, nachdem mehrere Mitarbeiter gekündigt hatten, weil sie ihre Gehälter nicht oder nur stark verzögert bekommen hatten. Auch die Sozial- und Rentenversicherungsbeiträge waren nicht mehr gezahlt worden.

Vorläufiges Insolvenzverfahren wurde wieder eingestellt

Im Januar wurde dann ein vorläufiges Insolvenzverfahren gegen die HOA unter Geschäftsführung von Sekander Scherzai eröffnet, das im März allerdings wieder eingestellt wurde. Laut der zur vorläufigen Insolvenzverwalterin bestellten Rechtsanwältin Jennie Best lag bei der Gesellschaft kein Insolvenzgrund vor. Hat Scherzai das Loch schnell gestopft? Schiebt er die Gelder hin und her?

Die Onkologische Praxis Norderstedt
Die onkologische Praxis Norderstedt: Hier werden pro Jahr rund 5000 Behandlungen durchgeführt. Viele Patienten sorgen sich um den Fortbestand.

Erledigt war die Sache damit noch lange nicht. In Norderstedt halten die Schwierigkeiten bis heute an. Die Krebspraxis in Billstedt wurde im Februar ganz plötzlich geschlossen. Die Patienten, die sich zum Teil noch mitten in der Chemotherapie befanden, mussten sich neue Ärzte suchen. Viele verzweifelten, weil die umliegenden Praxen überlaufen sind und niemanden mehr aufnehmen.

Die ehemaligen Mitarbeiter dieser Praxis warten zum Teil noch immer auf ihr Geld. „Mir fehlt noch mein letztes Gehalt“, berichtete eine frühere Angestellte, die einen neuen Job gefunden hat und anonym bleiben möchte, der MOPO noch letzte Woche. Überraschung: Kaum dass die MOPO bei Sekander Scherzai deswegen nachfragte, wurde das Geld überwiesen – von seinem Privatkonto.

Mitarbeiter warten auf ihre Gehälter – und geraten in persönliche Nöte

Auch in der HOA-Praxis Reinbek herrscht Krisenstimmung. Mitarbeiter berichteten der MOPO, dass sie seit zwei Monaten auf ihr Gehalt warten. Auch sie wurden von ihren Sozial- und Rentenversicherungsträgern informiert, dass die Beiträge nicht mehr ordnungsgemäß abgeführt werden.

„Ich selbst bin durch die ausbleibenden Zahlungen in einer existenziellen Notlage. Viele von uns können keine Kitagebühren mehr zahlen, keine Kredite bedienen, keine Rechnungen mehr begleichen. Die wirtschaftliche Belastung ist erdrückend“, so eine Mitarbeiterin, die ihren Namen ebenfalls nicht in der Zeitung lesen möchte. Auch sie bekam ihr Gehalt am Mittwoch von Scherzais Privatkonto überwiesen, nachdem er von den MOPO-Recherchen erfahren hatte.

Und es sind nicht nur die Angestellten: Zahlreiche Firmen, die für die Praxis-Ausstattung zuständig sind, beklagen massive Zahlungsrückstände. Das betrifft sowohl die Leasingfirma für die Laborgeräte, den IT-Dienstleister als auch das Software-Unternehmen MDI, das für das Praxisprogramm zuständig ist. „Die Rückstände sind so hoch, dass es für unser mittelständisches Unternehmen ein Problem ist“, sagt Geschäftsführer Hans-Jörg Haase.

Horrende Mietrückstände: Krebs-Praxis in Reinbek wurden die Räume fristlos gekündigt

Und es kommt noch dicker: Der Praxis in Reinbek sind jetzt die Räumlichkeiten gekündigt worden! Der MOPO liegt ein anwaltliches Schreiben des Vermieters der Praxis vor, nachdem die Mietrückstände sich nach Monaten auf eine Summe von 34.446 Euro angehäuft haben. „Ausweislich im Original beigefügter Vollmacht kündigen wir namens und in Vollmacht unserer Mandantin das mit Ihnen bestehende Mietverhältnis für das Objekt Sophienstraße 7, 21465 Reinbek, fristlos“, heißt es in dem Schreiben.

Und es sind nicht nur die HOA-Praxen betroffen. Mitarbeiter der Hausarztpraxen von Miamedes berichten der MOPO von ähnlichen Problemen. Auch hier wird das Gehalt unregelmäßig ausgezahlt. Als Folge habe eine Kündigungswelle sowohl bei den Ärzten als auch bei den MTA eingesetzt. „Die Arbeitsumstände sind patientengefährdend und es droht ein Kollaps im medizinischen Bereich, der katastrophal für die Hamburger Bürger sein wird“, so ein Arzt aus einer Praxis im Osten der Stadt.

Durch die vielen Kündigungen sei die Personaldecke so knapp, dass die Bewohner von mindestens 20 Pflegeheimen, die von dem ebenfalls zu Miamedes gehörenden Medizin-Unternehmens Geriatrikum versorgt werden, kaum noch einen Arzt zu sehen bekämen. Rezepte würden telefonisch per Ferndiagnose ausgestellt. „Die Pfleger melden, dass es einem alten Menschen nicht gut geht. Wir können dann nur vermuten, was es ist, und ein Medikament verordnen.“

Kein Geld aufs Konto: Gewerkschaft Marburger Bund vertritt zahlreiche Ärzte

Eine größere Anzahl an HOA- und Miamedes-Ärzten hat sich bereits an die Gewerkschaft Marburger Bund gewandt. „Wir haben bereits mehrere Mitglieder aus diesen Einrichtungen, bei denen es zu Zahlungsverzögerungen bzgl. ihres Gehalts oder der Beiträge zum ärztlichen Versorgungswerk gekommen ist, beraten und anwaltlich vertreten – auch vor dem Arbeitsgericht“, so Geschäftsführerin Katharina von der Heyde. Sie bietet Betroffenen an, sie anwaltlich zu unterstützen.

Die Probleme bei den Gehaltszahlungen bestehen bereits seit über einem Jahr. Doch trotz dieser Zustände greift niemand ein. Man habe von den „beschriebenen Vorgängen bisher keine weitere Kenntnis“, heißt es von Seiten der Ärztekammer. Und: „Die Kammer hat jedoch nicht die Möglichkeit, ihren Mitgliedern den Betrieb einer Praxis zu untersagen.“

Auch die für die Zulassungen verantwortliche Kassenärztliche Vereinigung (KV) hält sich zurück: „Die Verantwortung für die Praxis, für deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie für eine ausreichende Nutzung der vorhandenen Versorgungsaufträge liegt ausschließlich beim Inhaber und der Geschäftsführung“, so ein KV-Sprecher. Herr Scherzai habe beim Zulassungsausschuss eine Nachbesetzung freigewordener Stellen beantragt.

Deal geplatzt? Miamedes-Geschäftsführer Sekander Scherzai wird Praxis nicht los

Und obwohl die Zahlungsschwierigkeiten des Unternehmens mehr als offensichtlich sind, werden aktuell weder bei der Staatsanwaltschaft Kiel, Lübeck oder Hamburg Ermittlungen geführt.

Sekander Scherzai hatte der MOPO gegenüber die finanziellen Schwierigkeiten eingeräumt, Probleme bei der Behandlung von Patienten jedoch abgestritten. Mehrfach erklärte der Geschäftsführer, die Praxis Norderstedt stünde kurz vor einem Verkauf. Zuletzt im März. Details dazu unterlägen „einer Verschwiegenheitsvereinbarung“. Der Deal kam aber offenbar nicht zustande.

Hat Scherzai sich verzockt? Hausarztpraxen, Krebspraxen, Pflegeheime – das Unternehmen Miamedes ist schnell gewachsen und breit aufgestellt. „Herr Scherzai tanzt auf zu vielen Hochzeiten. Er hat sich verspekuliert“, meint MDI-Geschäftsführer Haase. Durch Scherzais Gebaren würde speziell die Onkologie in ganz Norddeutschland in Gefahr geraten und zu einer Unterversorgung der Patienten führen. Haase: „Er kümmert sich nicht um die Kranken. Er hat kein Gewissen.“

Welche Rolle spielt der Miamedes-Boss beim Bau der „Farishta Azizi Medical City“ in Kabul?

Seit diesem Jahr scheint Scherzai sich trotz der Probleme sogar über Hamburg und den norddeutschen Raum hinauszubewegen. Wie im Berliner Handelsregister zu ersehen ist, ist er dort seit 4. Juni Geschäftsführer eines medizinischen Versorgungszentrums namens Sedemaim GmbH. Verrückt: Rückwärts gelesen heißt Sedemaim – Miamedes!

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Und dann sind da noch die Bilder aus Afghanistan, die Rätsel aufgeben: Auf YouTube sind TV-Beiträge über den geplanten Bau eines Krankenhauses in Kabul zu finden. Sie zeigen Sekander Scherzai auf einer Pressekonferenz zwischen mit Turban und Djellaba bekleideten Männern direkt hinter dem Milliardär Mirwais Azizi sitzend, der 500 Millionen US-Dollar für das Klinik-Projekt „Farishta Azizi Medical City“ gestiftet hat. Ob er eine Rolle in dem Projekt einnimmt, ist unklar.

Rätselhafte Rolle: Bei einer Pressekonferenz zum Bau eines neuen Krankenhauses in Kabul sitzt Sekander Scherzai direkt rechts hinter Geschäftsmann Mirwais Azizi (helles Sacko), der 500 Millionen Euro für das Projekt gespendet hat. Links neben Azizi: Mullah Abdul Ghani Baradar, Wirtschafts-Vizepremier der Taliban
Rätselhafte Rolle: Bei einer Pressekonferenz zum Bau eines neuen Krankenhauses in Kabul sitzt Sekander Scherzai direkt rechts hinter Geschäftsmann Mirwais Azizi (helles Sacko), der 500 Millionen Euro für das Projekt gespendet hat. Links neben Azizi: Mullah Abdul Ghani Baradar, Wirtschafts-Vizepremier der Taliban

Gegenüber der MOPO ließ Scherzai über seinen Anwalt mitteilen, er übe keinerlei Tätigkeit bei dem Projekt in Kabul aus. Es gebe „keine überdurchschnittliche Anzahl an Kündigungen oder Krankmeldungen in den Unternehmen”. Die Versorgungsaufträge seien „zu keinem Zeitpunkt gefährdet; selbst in vereinzelten Fällen von Knappheit personeller Ressourcen würde eine Versorgung der Patienten/Pflegeheimbewohner durch die Kooperation mit dritten Ärzten sichergestellt.“

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Ein Patient der Praxis Norderstedt beschreibt, welche Auswirkungen die unsichere Versorgungslage für ihn hat. „Ich habe ein Lymphom und muss alle Vierteljahr zur Untersuchung“, so der 65-Jährige, der seine Krebserkrankung bisher niemandem im Freundes- und Kollegenkreis mitgeteilt hat und deshalb anonym bleiben möchte. Sein letzter Termin sei abgesagt worden und ihm geraten worden, sich eine andere Praxis zu suchen. „Es war nicht einfach, etwas zu finden. Ein halbes Jahr hing ich in der Luft, es gab keine Blutuntersuchung und ich wusste nicht, ob der Krebs sich weiterentwickelt hat.“ Sein Glück sei es gewesen, dass er nicht in Therapie war. „Für Patienten, die gerade in Chemotherapie sind, muss es grausam sein, wenn man sich einen anderen Arzt suchen muss.“