Krebs-Patientin erhebt Vorwürfe gegen das UKE: „Man sah mir beim Sterben zu“
Sie ist dem Tod nur knapp von der Schippe gesprungen. Die Hamburgerin Mirjam Müller war schwer krank und sah das Ende nahen. Dann holte sie sich eine Zweitmeinung ein und wechselte die Klinik. Schon nach drei Tagen verbesserte sich ihr Zustand rasant. Jetzt erhebt die 55-Jährige schwere Vorwürfe gegen das UKE.
„Im April dachte ich, dass ich nur noch ein paar Wochen zu leben habe“, erzählt die Eimsbüttlerin. Zu dem Zeitpunkt hatte sie zehn Kilo Gewicht verloren – und das schlimmste Jahr ihres Lebens hinter sich.
Hamburgerin leidet wochenlang an schweren Durchfällen – bis ein Arzt Lebermetastasen entdeckt
Angefangen hatte alles mit Durchfällen. Doch die waren nicht so, wie jeder es kennt, der schon mal eine Magenverstimmung hatte. „Sie kamen sturzartig. Bis zu 15 Mal am Tag“, sagt die Journalistin. Und rund um die Uhr. Vor allem aber hörten sie nicht mehr auf. Ein halbes Jahr lang lief Müller von Arzt zu Arzt. Bis ein niedergelassener Radiologe Lebermetastasen entdeckte.
Sofort wandte sich die Mutter einer Tochter ans UKE, wo die Ärzte nach ersten Untersuchungen auch Auffälligkeiten in der Lunge feststellten und dort den Primärtumor vermuteten, was die Pathologie nach der Biopsie eines Lymphknotens in der Nähe der Lunge bestätigte. Die Therapie begann. Mirjam Müller bekam Medikamente und Spritzen. Doch ihr Zustand verschlechterte sich immer weiter.
Statt sie weiter zu untersuchen, um die Ursachen zu ergründen, gaben die Ärzte der Patientin immer höhere Dosen an Opiaten und empfahlen ihr eine Ernährungsumstellung. „Über Monate habe ich mich von laktosefreiem Quark, Eiern, Schinken, Käse, Öl und Schokolade mit 100 Prozent Kakao ernährt, was meine Lebensqualität und meinen körperlichen Zustand stark belastet hat“, so Müller. Außerdem litt sie auf der Toilette unter so starken Schmerzen, dass ihr die Tränen kamen.
Krebs-Patientin aus Hamburg holt sich Zweitmeinung an der Berliner Charité – und erlebt Wendepunkt
Mirjam Müller konnte das Haus nicht mehr verlassen. Ihr Sozialleben kam zum Stillstand. Nachts kam sie nicht zur Ruhe, weil die Durchfälle keine Pause machten. All das brachte sie an den Rand einer Depression. „Insbesondere die extremen Schmerzen nahmen mir zunehmend die Hoffnung auf ein weiteres, in irgendeiner Form erträgliches Leben.“
Nur eins funktionierte noch: der kritische Geist der Journalistin. Und ihre berufsbezogene Beharrlichkeit. Um sich eine zweite Meinung zu ihrer Situation einzuholen, wandte sie sich an die Charité. Unter großer Anstrengung fuhr sie in Begleitung ihres Mannes nach Berlin. Dort stellten die Ärzte einen exorbitant erhöhten Calcitoninwert fest – ein Hormon, das ein deutlicher Hinweis auf einen seltenen Schilddrüsenkrebs ist.
Die Mediziner äußerten einen völlig neuen Verdacht: Der Primärtumor könnte in der Schilddrüse liegen, nicht in der Lunge! Mit den neuen Informationen kehrte Müller ins UKE zurück, in der Hoffnung auf eine Anpassung der Therapie und weitere Untersuchungen. Doch nach Aussage der Patientin wiegelten die UKE-Ärzte ab. Der erhöhte Wert könne auch von dem Lungentumor kommen.
Neue Diagnose, neue Therapie: Ärzte am UKSH in Kiel retten Hamburger Krebspatientin das Leben
„Ich bestand auf Rat des Arztes aus der Charité und gegen den Widerstand im UKE dennoch auf einer Biopsie der Schilddrüse, die schließlich im UKE durchgeführt wurde“, sagt Müller. Trotzdem sei die UKE-Pathologie bei ihrer ersten Diagnose geblieben.
Müller recherchierte weiter. Sie zeigte ihre Dokumente befreundeten Ärzten, die ebenfalls Zweifel an der UKE-Diagnose äußerten. Gleichzeitig wurde sie immer schwächer und schwächer. Als sie kaum noch konnte, startete sie einen letzten Versuch und fuhr zum Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) in Kiel. Aus Skepsis über die Diagnose der Hamburger Kollegen führten die Ärzte an der Förde eine vollständige Neudiagnostik durch. Zusätzlich zu allen Bildgebungsverfahren führten sie einen bisher nicht erfolgten Gentest durch. Und der war eindeutig: kein Lungenkrebs, sondern ein auf einer Genmutation beruhender Schilddrüsenkrebs!
Zur Behandlung dieses Karzinoms war eine vollkommen andere medikamentöse Therapie notwendig, die umgehend umgestellt wurde. „Mein Zustand veränderte sich schlagartig. Nachdem ich zuvor dachte, nicht mehr lange zu leben, war ich binnen fünf Tagen mit Blick auf den Durchfall nahezu symptomfrei und komme in großen Schritten wieder zu Kräften.“
Nach Arztwechsel: Schwerkranke Krebspatientin geht wieder joggen und hat ihr Leben zurück
Inzwischen geht Mirjam Müller zwei Mal pro Woche zehn Kilometer joggen, während sie noch vor ein paar Monaten keine 500 Meter mehr gehen konnte. Die Journalistin fordert Schmerzensgeld vom UKE und hat einen Anwalt beauftragt. Sie betont: „Es geht mir nicht ums Geld. Ich will, dass die anders arbeiten!“
Andere Krebs-Patienten hätten nicht unbedingt die gleichen Möglichkeiten, wie sie selbst sie gehabt habe, weil sie gut vernetzt ist und finanziell in der Lage war, nach Berlin und nach Kiel zu fahren. „Andere Menschen haben diese Mittel vielleicht nicht. Die wären einfach gestorben.“
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Das UKE wollte sich auf Anfrage der MOPO nicht zu den Vorwürfen äußern. „Bitte haben Sie Verständnis, dass sich das UKE zu laufenden Verfahren grundsätzlich nicht äußert“, so eine Sprecherin.
Zwar kann Müller auch durch die neue Therapie nicht geheilt werden. Sie hofft auf den medizinischen Fortschritt. So lange muss sie die Tabletten dauerhaft nehmen. Immerhin: Das Tumorwachstum ist zumindest im Moment gestoppt, die Metastasen in Lunge und Leber sind sogar zurückgegangen. Die 55-Jährige ist sicher: Wenn die Pathologie am UKE nicht starr an ihrer Erstdiagnose festgehalten hätte, wäre ihr viel Leid erspart geblieben. „Die haben mir einfach beim Sterben zugeschaut.“