Köfte, Crack und krumme Geschäfte: Um 6 Uhr wird das Elend am Steindamm weggefegt
Der Steindamm am Hauptbahnhof – eine 800 Meter lange Straße mit zweifelhaftem Ruf. Ein Ort der Gegensätze: Für die einen der ehrliche Großstadt-Kontrast zu den rausgeputzten Flaniermeilen rund um die Mönckebergstraße. Für die anderen schmuddelig bis gefährlich. Für CDU-Chef Dennis Thering gar eine „No-go-Area“ für Frauen. Aber ist es dort wirklich so schlimm? Ein Ortsbesuch.
Freitagmittag: Obst und Gemüse stapeln sich vor den Läden. Es ist so voll wie in der Mönckebergstraße an einem Advents-Wochenende. Passanten laufen zwischen Lebensmittelgeschäften, Goldhändlern, Restaurants und Theatern entlang, den Blick zielstrebig nach vorne gerichtet. Kaum einer schaut auf den Boden, wo ein Mann im Hauseingang schläft, die nackten, schmutzigen Füße auf den Wanderstiefeln abgelegt. Neben ihm Bananen, Obstschalen und Brotreste. Als er aufsteht, eilt ein Mitarbeiter des nahe gelegenen Obsthändlers herbei und beseitigt die Spuren mit einem Besen.
Dort an der Kasse sitzt Zia, schon seit Jahren: Am Abend kämen Bettler, die seien besoffen und auf Drogen, erzählt er, während Spezialitäten wie Rosenwasser oder Sesampaste über das Kassenband wandern. „Ich habe selbst kein Problem damit, aber ich sehe täglich, was für Probleme andere haben.“
Für Michel Abdollahi, Moderator und Geschäftsführer des „Centralkomitees“, einer Stand-up-Bühne mitten im Stadtteil, ist der Steindamm ein multikultureller Ort: „Das ist nicht Harvestehude, aber es muss auch nicht alles Harvestehude sein“, sagt er. „In allen anderen Ländern wäre das hier etwas ganz Tolles, Kultur, eine Touristenattraktion.“ Tagsüber sei es hier sicher, sagt Abdollahi. Das einzige Problem? „Drogensüchtige.“
CDU-Chef Thering hält den Steindamm für unsicher – besonders für Frauen
Weil sie vom Hauptbahnhof verdrängt werden, weichen viele Süchtige nach St. Georg aus – an Hansaplatz und Steindamm. CDU-Politiker Thering fordert mehr Videoschutz und ein Waffenverbot, zusätzliche Betreuung durch Sozialarbeiter und eine noch höhere Polizeipräsenz. „Zu häufig werden besonders Frauen und junge Familien belästigt und sogar bedroht“, behauptet er. Zahlen, die das belegen – Fehlanzeige. Laut Polizeisprecher Thilo Marxsen wird der Steindamm als einzelne Straße nicht erfasst.
Wenn in der Dämmerung die Gemüsekisten reingeholt werden und die Mülltonnen rausgestellt, ändert sich die Stimmung: Weniger Menschen, die mit vollen Tüten entlangschlendern. Dafür mehr, die in abgehackten, hastigen Schritten vom Bahnhof auf die Straße stolpern – von der Sucht gezeichnet. Eine junge Frau kauert zwischen zwei Autos vor einem Sexshop. Sie beugt sich tief über den Asphalt und kratzt dort die letzten Reste Crack zusammen. Alle paar Meter stehen Frauen wie sie: Augen gespenstisch groß, Wangen eingefallen, die knochigen Knie zeichnen sich unter Nylonstrümpfen ab. Warten auf den nächsten Kunden. Warten auf den nächsten Rausch.
„Vor 20 Jahren war hier der Baby-Strich. Da standen die Minderjährigen mit Moonboots in der Kälte. Furchtbar!“, erinnert sich Gerda, eine von rund 500 Anwohnerinnen. Angst, dass ihr hier etwas passiert, hatte sie in den vergangenen 40 Jahren nie, eben weil zu jeder Tageszeit etwas los ist. Der Meinung ist auch Gudrun Greb, die mit dem Verein „Ragazza“ seit mehr als 30 Jahren drogenkonsumierenden Frauen und Sexarbeiterinnen in St. Georg hilft: „Welche Straße ist denn nachts sicher für eine Frau? Eine belebte!“
Der Steindamm ist mehr als sein gefährlicher Ruf
Morgens fährt die Stadtreinigung vor, noch bevor die ersten Händler aufbauen. Schnapsfläschchen und Scherben klirren über den Boden. Nach einer Stunde ist das Elend der Nacht fast weggefegt. Mit dem Sonnenaufgang kehren immer mehr Menschen auf den Steindamm zurück.
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„Es gibt viele, die herkommen, weil sie hier etwas finden, das sie an daheim erinnert“, weiß Wolfgang Schüler, Quartiersmanager seit 23 Jahren. Der Steindamm ist eben mehr als sein gefährlicher Ruf: Heimatersatz, Schlafplatz und gemeinsames Zuhause für Menschen aus aller Welt.