Kiez-Urgestein Ulli: Ein Leben zwischen Drogen, Knast und „Pudel“

Kiez-Urgestein Ulli Koch (65) war heroinabhängig, saß in Santa Fu und war von Anfang an im „Golden Pudel Club“ dabei. Heute arbeitet er stundenweise als Putzkraft.
Kiez-Urgestein Ulli Koch (65) war heroinabhängig, saß in Santa Fu und war von Anfang an im „Golden Pudel Club“ dabei. Heute arbeitet er stundenweise als Putzkraft.

Sie nannten ihn „Magnum für Arme“ – damals in Santa Fu. Wegen seiner auffälligen Hawaiihemden und Shorts. Ein korrekter Typ, der sein Wort hielt und immer einen Weg fand, Stoff in die Zelle zu schmuggeln. Heute sitzt da ein hagerer Mann mit grauem Haar und Bart im Putzlicht des „Golden Pudel Clubs“. Die Augen müde. Die Stimme sanft. Ulli Koch ist 65 Jahre alt und Putzkraft. „Die gute Seele des Pudels“, sagen die Leute. Ein Kiez-Urgestein mit bewegtem Leben. Ulli saß hinter Gittern mit Konrad Kujau, dem Fälscher der „Hitler-Tagebücher“, betrank sich mit Campino und stand für „Tocotronic“ vor der Kamera. Dass er noch lebt, grenzt an ein Wunder. Dreimal wäre er fast gestorben.

Schlecht geschlafen hat er. Und kaum was runtergekriegt. „Vielleicht die Aufregung.“ Ulli möchte seine Geschichte erzählen, auch um anderen die Augen zu öffnen. Leicht fällt es ihm nicht. Der Mann im hellgrauen Hoodie hat die Beine übereinandergeschlagen, lehnt sich auf dem Holzstuhl im Flur zwischen Tresen und Kühlhaus zurück. Vor ihm eine Bio-Limonade und seine Vergangenheit in einem Leinenbeutel. Dutzende Fotos, die ihn als jungen Mann zeigen. Viele davon heimlich in Santa Fu aufgenommen. Dazu seine Kunstwerke. Bilder, die er über die Jahre gezeichnet hat.

Für Ulli war kein Platz mehr in der Familie

Ullis Geschichte beginnt lange vor seiner Zeit in Hamburg. Geboren in Marne bei Dithmarschen wuchs er zunächst behütet bei seinen Großeltern auf. In einem Einfamilienhaus mit Hühnern, Pferden, großem Grundstück. Die Mutter fuhr zur See als Kellnerin. Eine schöne Zeit. Irgendwann, da muss er sechs gewesen sein, kam sie mit einem neuen Mann zurück. Es ging in eine Kleinstadt nach Nordrhein-Westfalen, der Stiefbruder wurde geboren. Ulli war über. Das bekam er täglich zu spüren. Manchmal auch mit dem Kochlöffel.

Nach zwei Jahren ging es zurück in den Norden. Nach Neumünster. Doch für Ulli sei kein Platz mehr gewesen in der Familie. Er kam in ein Heim in Rendsburg. Eine Erleichterung. Ulli fühlte sich wohl. Dort lernte er aber auch „die größten Verbrecher kennen“, die er später im Knast wieder traf.

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Das erste Mal Jugendarrest bekam Ulli mit 13 Jahren. 110 Autos geknackt, mehrere Diebstähle. Vier Jahre saß er insgesamt. Mit Unterbrechungen, in denen er wieder zuschlug. „Ich hatte Zigeuner kennengelernt. Die haben mich abgerichtet zum Klauen.“ Das habe er ganz gut hingekriegt. Anfangs klaute Ulli Alkohol, später fuhr er im edlen Zwirn durch Deutschland und stahl Pelze. 500 Mark gab es für eine Rotfuchsjacke. Für einen Mantel einen 1000er.

Wie viele Diebstähle er in seinem Leben begangen hat, weiß er nicht mehr. „Sehr viele.“ Dreimal saß Ulli im Knast. Acht Jahre insgesamt. Verschenkte Zeit? „Natürlich. Immer, wenn man eingesperrt ist. Aber ich habe versucht, das Positive zu sehen und es so gut überstanden.“ Er schrieb Tagebuch, verfasste viele Jahre später gemeinsam mit Daniela Reis (Ex-„Schnipo Schranke“) sein Buch „Ulli, illegal“.

Auf Kampnagel lernte Ulli die Kunst lieben – und das Koks

Nach Hamburg kam Ulli 1980. Sein mittlerweile verstorbener Onkel Dr. Norbert Karl, Betreiber bekannter Läden wie dem „Tempelhof“ und „Sorgenbrecher“, holte ihn. Immer habe er an ihn geglaubt, ihn nie fallengelassen. Ulli begann eine Ausbildung zum Koch im Marienthaler Tennis- und Hockeyclub, doch wieder kam der Knast dazwischen.

Danach verschaffte ihm sein Onkel einen Job auf Kampnagel. Ulli zog auf den Kiez, lebte Anfangs in den besetzten Häusern der Hafenstraße. Er kochte für die „Dire Straits“, für „ZZ Top“. Auf Kampnagel lernte er die Kunst lieben. Und das Koks. Kurz darauf kam Heroin dazu. Und wieder Knast.

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Ende der 80er saß er in Santa Fu, zusammen mit Konrad Kujau. „Netter Typ. Der konnte was, hat ja auch Bilder im Knast verkauft.“ Auch Ulli zeichnete. Er porträtierte Mitinsassen mit ihren jeweiligen Tatwaffen. 20 Mark bekam er pro Bild. Gelegentlich tauschte er auch gegen Tabak. Richtig Kohle machte er jedoch mit Drogen. Manchmal brachten Besucher das Gras mit, manchmal warf Ulli es beim Freigang über die Mauer. Ulli, der viel mit Zuhältern und Bodybuilder-Typen abhing, hatte eine Drei-Mann-Zelle. Mit Topfpflanzen, Bildern an den Wänden, sogar zwei Wellensittiche piepsten im Käfig.

Ulli Koch (r.) in Santa Fu mit einem Mitinsassen in seiner Zelle.
Ulli Koch (r.) in Santa Fu mit einem Mitinsassen in seiner Zelle.

„Das war wie ein Wohnzimmer. Damals konntest du alles ins Gefängnis schmuggeln.“ Ulli erklärt, warum er mit zwei anderen eine Zelle teilen wollte. „Bei einer Zelle für drei bist du nur verantwortlich für deinen Bereich. Wenn die Drogen woanders gefunden werden, können sie nicht zugeordnet werden.“ In seiner Zelle steckten sie in der von unten ausgehöhlten Badezimmertür. Auch Heroin hatte er auf Zelle. „Wenn du was wolltest, konntest du es kaufen. Im Knast konntest du alles machen, was du wolltest. Da gab es keine Gesetze.“

Ulli trank mit Campino Wodka, lernte Nina Hagen und Jan Delay kennen

Nach der Entlassung gab ihm sein Onkel eine weitere Chance. Der drogenabhängige Neffe, der gerade mitten in der Entgiftung steckte, fing als Hausmeister im „Golden Pudel Club“ an. Gerade erst hatten sie den heute legendären Club im alten Schmugglergefängnis oberhalb des St. Pauli Fischmarkts eröffnet. Der Onkel, Schorsch Kamerun und Rocko Schamoni. Wenn sich die Party dem Ende neigte, sorgte Ulli ab 4 Uhr für Ordnung, sammelte Flaschen ein, räumte auf, putzte.

Das war vor 30 Jahren. Er denkt gerne zurück an „Rockos Wohnzimmer“. An die Hip-Hop-Partys, Konzerte, Lesungen, Ausstellungen und Künstler. Mit Sängerin Nina Hagen, „der durchgedrehten Nudel“, saß er zusammen. Jan Delay lernte er kennen, da war der Rapper gerade so um die 16. Im Musikvideo zu „Ich will für dich nüchtern bleiben“ von „Tocotronic“ spielte er die Hauptrolle.

„Golden Pudel“-Hausmeister: Dreimal in seinem Leben sei er gestorben

Auch den lauwarmen Sommerabend, an dem ihm der Sänger der Band „Die Toten Hosen“ vorgestellt wurde, wird er nicht vergessen. Ulli, Campino und eine Liter-Flasche Wodka auf der Terrasse. „Wir haben einen nach dem anderen weggehauen.“ Viel geredet hätten sie nicht. Ohnehin ist die Erinnerung an die Nacht im Alkoholdunst untergegangen. Später traf er Campino noch mal wieder. Auch er erinnerte sich nicht an Einzelheiten. Sowieso eine Zeit, in der Ulli permanent auf Droge war. Er ließ sich fünf Gramm Heroin von seinem Onkel einteilen. Dazu Koks und Hasch.

Heute ist Ulli nicht mehr bei Partys im Club. „Das Publikum ist so jung, da kann ich nicht mehr mitreden. Mit der Musik komm ich sowieso nicht mit. Viel Elektro.“ Ulli ist tagsüber da. Er macht alles, was er noch schafft. Aschenbecher ausleeren, ein bisschen Gartenarbeit, Getränke auffüllen. „Mein Körper ist fertig durch die Drogensucht.“ Er leidet an COPD, muss permanent Thrombosestrümpfe tragen. Mehr als zehn Stunden im Monat schafft er nicht mehr. Aber diese Stunden sind ihm wichtig. Der Pudel ist Familie. „Die haben mir in allen Lebenslagen zur Seite gestanden.“

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Ulli blickt zu Boden, seine Stimme jedoch wirkt fest, als er von den Momenten berichtet, in denen es fast vorbei war. Dreimal in seinem Leben sei er gestorben. Lungenzusammenfall. Multiples Organversagen. Koma. Doch die Ärzte konnten ihn retten. Monatelang lag er im Krankenhaus, von den Drogen los kam er nicht. Wie häufig er versucht hat, clean zu werden, weiß Ulli nicht. „Boah, immer wieder. Aber ohne Hilfe schafft man das nicht. Therapien hatte ich vier.“ Zehn Jahre war er auf Heroin. Zehn weitere auf Polamidon, einem Substitut. Bevor er dann den Absprung schaffte. Das war 1999. Da wurde Ulli das letzte Mal aus dem Knast entlassen und war clean.

20 Jahre Drogen – eine lange Zeit. „Die Quittung habe ich gekriegt“, sagt Ulli. Er atmet tief ein. Sein großes Glück waren Menschen, die ihn nie aufgegeben haben. Allen voran sein Onkel Norbert. Und das Team und die Gäste des „Pudel“-Clubs. Was er sich für die Zukunft wünscht? Ulli überlegt. Eine schwere Frage, findet er. „Soweit ist alles gut.“ Mit einem Lächeln berichtet er von dem sechsjährigen Sohn einer Freundin, auf den er regelmäßig aufpasst, wenn die Mutter arbeitet. Sie machen Ausflüge, bauen Legowelten. Ja, das ist es. Sein großer Wunsch. „Ich möchte den Kleinen gerne noch so lange wie möglich aufwachsen sehen.“ Das erinnert ihn an Kindheit. An das, was er bei seinen Großeltern erlebte.

Kiez-Urgestein Ulli Koch: Sein Körper ist gezeichnet von der jahrelangen Drogensucht.
Kiez-Urgestein Ulli Koch: Sein Körper ist gezeichnet von der jahrelangen Drogensucht.

Steckbrief Ulli Koch (65)

Spitzname und Bedeutung: Ich war schon immer Ulli. Im Knast haben sie mich auch ‚Magnum für Arme‘ genannt. Mein Onkel hatte mir Hawaiihemden und Shorts geschickt. Die habe ich dann auch getragen.

Beruf/ erlernte Berufe: Putzkraft und die gute Seele des „Pudels“, gelernter Bäcker und abgebrochene Ausbildung zum Koch

St. Pauli ist für mich… mein Zuhause.

Mich nervt es tierisch, wenn… man mich nicht ausreden lässt.

Ich träume davon… noch mal jung zu sein. Mit dem Wissen, das ich heute habe.

Wenn mir einer blöd kommt,… gehe ich ihm aus dem Weg.

Zum Abschalten… höre ich gerne Musik. Zur Zeit viel Michael Jackson, weil der Kleine darauf steht.

Meine Eltern… waren nie ein Paar. Ich habe meinen Vater nicht kennengelernt. Meine Mutter ist vor vier Jahren gestorben. Wir haben uns viele Jahre vor ihrem Tod noch versöhnt und hatten ein gutes Verhältnis.

Vom Typ her bin ich… ein Rocker.