• Wenigstens einen halben Tag lang konnte Pauline ihr grünes Abiballkleid tragen. Einen Ball gab es dennoch nicht – ebenso wenig wie Mottowoche und Partys.
  • Foto: Reibe

Kein Ball, kein Vergnügen: MOPO-Reporterin erzählt: So lief mein „Corona-Abi“

Für tausende junge Frauen und Männer in Deutschland war das Abitur im Corona-Jahr 2020 eine ganz besondere Herausforderung. Schulschließung, Infektionsangst, Homeschooling – selten wurden die Absolventen so sehr gefordert. Ich, Pauline Reibe, komme aus einer Kleinstadt in Mecklenburg-Vorpommern – und habe im Juni meine Hochschulreife erlangt. Wie es sich anfühlt, in der Pandemie die Schullaufbahn zu beenden, möchte ich hier erzählen.

„Da die Infektionszahlen mit dem Coronavirus steigen, haben wir eine behördliche Anordnung bekommen. Wir müssen unsere Schule ab Montag vorerst bis zu den Osterferien schließen.“ So lautete die Durchsage, die am frühen Nachmittag des 13. März aus den Lautsprechern des Goethe-Gymnasiums dröhnte.

Ich stand zu diesem Zeitpunkt draußen, die Sonne schien – und dennoch war dieser Freitag soeben nicht nur zum offiziell letzten, sondern auch zu dem wohl traurigsten Tag meiner Schulzeit geworden.

Abitur in Corona-Zeiten: Schüler planten Mottowoche und Feier

Nur zwei Wochen später hätte unsere eigentliche letzte Schulwoche stattfinden sollen. Diese wird von den Zwölftklässlern traditionell groß gefeiert: An jedem Tag der Woche verkleiden sie sich zu einem bestimmten Thema.

Schon seit einigen Tagen hing mein paillettenbesetztes Charleston-Kleid auf einem Bügel in meinem Zimmer, darüber der Kopfschmuck und die weißen Handschuhe: Das Outfit für den Tag unter dem Motto „Reise durch die Zeit“ war mein heimliches Highlight in der ganzen Abi-Endphase.

Die Mottowoche konnten wir uns abschminken

In der Woche darauf hätten unsere Abiturprüfungen beginnen sollen, an deren Ende der große Höhepunkt stehen sollte: Die feierliche Übergabe unserer Zeugnisse vor Eltern, Großeltern und Geschwistern und der anschließende Abi-Ball.

Abi

Ohne Desinfektionsmittel ging in diesem Abi-Jahrgang nichts.

Foto:

dpa

Das alles stand schon lange fest. Seit Wochen, Monaten, Jahren freute ich mich schon auf den Moment, in dem ich mit einem bodenlangen Ballkleid neben meinen Freunden auf der Bühne stehen durfte und mein Abiturzeugnis, das Ergebnis jahrelanger Arbeit, überreicht bekam. Ich hatte mir immer vorgestellt, wie stolz meine Eltern im Publikum aussehen und wie sie mich anschließend ganz fest in den Arm nehmen würden.

Und dann kam doch alles anders. Schuld war Corona. Nach der Durchsage des Direktors war klar: Die Mottowoche konnten wir uns im wahrsten Sinne des Wortes abschminken.

Die Unsicherheit um die Abiturprüfungen wurde zum Alltag

Stattdessen wurde die Unsicherheit um den weiteren Verlauf unseres Abiturs – mit oder ohne Prüfungen? Abiball, ja oder nein? – zum Alltag. Während mein achtjähriger Bruder Jakob fast an den Matheaufgaben verzweifelte, die er von seiner Lehrerin für das Homeschooling bekommen hatte, seine Zwillingsschwester Frieda im Arbeitszimmer digitalen Geigenunterricht bekam und meine Eltern im Home-Office saßen, versuchte ich also, den Verlauf der Französischen Revolution auswendig zu lernen und mir zu merken, wie man denn nun ein Spatprodukt bildet, ohne zu wissen, ob es am Ende überhaupt zu einer Prüfung kommen würde. Keine leichte Aufgabe.

Erst nach mehreren Wochen des Wartens standen dann die neuen Termine für die Klausuren fest. Anfang Mai ging es mit Deutsch-LK los. Neben meiner Prüfungsmappe und dem gelben Füller lag nicht nur meine Nervennahrung, sondern auch das Desinfektionsmittel – unverzichtbar in diesem Jahr.

Prüfungen ohne Party, Arbeit ohne Vergnügen

Alle schauten wir zur Uhr, bis der Zeiger auf der acht stand, dann ging es los. Fünfeinhalb Stunden lang schrieb ich mir die Seele aus dem Leib, fünfeinhalb Stunden dachte ich nicht an Corona, sondern nur an Versmaß, Metrum und Inhalt des Gedichts, das vor mir lag.

Anschließend ging es nicht zum Feiern mit meinen Freunden in den Schlosspark, sondern nach Hause. Dort setzte ich mich auf die Terrasse und lernte aus Ermangelung an guten Alternativen weiter für die nächsten Prüfungen.

So ähnlich lief das dann noch vier weitere Male: Prüfungen ohne Party, Arbeit ohne Vergnügen.

Zeugnisübergabe mit Sondergenehmigung des Gesundheitsministeriums

Und dann kam er: Der große Tag der Zeugnisübergabe. Eine Sondergenehmigung des Gesundheitsministeriums erlaubte es unseren Lehrern, uns die Zeugnisse persönlich zu übergeben. Wer nicht im Publikum saß, das waren meine Eltern, Geschwister und Großeltern. Wie alle anderen Familien mussten sie an diesem besonderen Tag zuhause bleiben, so waren die Regeln.

Video: So feiern Abiturienten 2020 ihren Abschluss

So saß ich allein dort in meinem grünen Kleid mit den Glitzersteinen, das ich eigentlich am Abiball hatte tragen sollen. 1,5 Meter weiter stand der nächste Stuhl für meinen Mitschüler Alex. Während der Chor zu singen begann, prasselten die Regentropfen auf das Dach unserer Sporthalle.

Kein Abiball, kein „Vater-Tochter-Tanz“, keine Party mit Freunden

Eigentlich passend, dass es ausgerechnet an diesem 20. Juni auch noch wie aus Eimern schüttete. Denn den Abend durften wir, wie befürchtet, nicht auf dem ersten richtigen Ball unseres Lebens verbringen. Ich hatte mich schon so sehr gefreut, mit meinem Vater beim „Vater-Tochter-Tanz“ zu tanzen und mit meinen Freunden auf unseren Schulabschluss anzustoßen, aber darauf musste ich an diesem Abend verzichten.

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Jetzt habe ich also mein Abi in der Tasche und gehe raus ins „richtige“ Leben. Das paillettenbesetzte Charleston-Kleid hängt noch auf einem Bügel in meinem Zimmer und wartet auf einen Einsatz. Und ich habe immer noch das unschöne Gefühl, dass mir irgendetwas genommen wurde.

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