St. Pauli
Karl Roschinski gestorben: So läuft die Trauerfeier für den Kult-Wirt
Karl Roschinski eröffnete Ende der 1970er Jahre seinen ersten Live-Club. Es folgten zahlreiche Kult-Klitschen. Ein Leben zwischen Jägermeister und Spitzensport.
„Freunde haben mich angerufen und gefragt, ob ich tot bin“, begrüßte mich Karl „Kalle“ Roschinski lachend. Mein Porträt über ihn, das ich damals für die „taz“ geschrieben hatte, lese sich schließlich wie ein Nachruf, witzelte er.
Es war 2008, während der Olympischen Spiele in Peking. Kalle hatte schon morgens um sechs ins „Knust“ zum gemeinsamen Sportgucken eingeladen. Er war ein wandelndes Sportlexikon, kannte selbst die skurrilsten Rekorde auswendig und erzählte Geschichten, als hätte er sie alle selbst miterlebt. Ich mochte seine unkomplizierte Art. Einer dieser Menschen, die man sofort ins Herz schließt.
Nun ist Kalle tatsächlich gestorben. Mit 71 Jahren erlag der Kultwirt den Folgen einer Lungenentzündung. Im „Knust“ wird es am 24. Juli eine Gedenkveranstaltung für Kalle geben.
Im „Knust“ arbeitete Roschinski bis zur Rente
Beinahe fünf Jahrzehnte stand Karl Roschinski hinter dem Tresen. Bis zu seiner Rente arbeitete er im „Knust“, danach half er noch in einer Kneipe am Fischmarkt aus. Schon damals machte ihm die Gesundheit zu schaffen. „Er war schon schwächer“, erinnert sich Karsten Schölermann, Geschäftsführer des „Knust“. „Wir haben ihn meistens am Wochenende zur Bundesliga eingesetzt. Ganze Schichten konnte er nicht mehr machen.“
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Kalle ist in Hamburg eine Tresen-Legende, ein Unikum, einer, der nicht mal mehr genau wusste, wie viele Kneipen er hatte. Viele waren es, das steht fest. Angefangen hat er 1977 mit dem „Auenland“ in Bargteheide. Der Laden wurde schnell zur Kultkneipe. Trio, Rio Reiser und Felix De Luxe spielten dort. Anschließend wurde gemeinsam gesoffen. Es folgten „In Keuschheit und Demut“, „Stau“ oder das „Roschinsky’s“, das noch immer auf dem Hamburger Berg existiert. Dass diese Bar seinen Namen mit „y“ trug, hatte einen einfachen Grund: „Ist cooler.“
Sport und Nachtleben waren für den Wirt existenziell
Nachtleben und Sport – das waren Roschinskis Schrittmacher. Im „Knust“ hing jahrelang ein Trikot des FC St. Pauli mit der Rückennummer 3 und Ribéry, einst Spieler des FC Bayern. „Ich habe die St. Paulianer damals gefragt, ob sie böse wären, wenn ich mir ein Trikot von Ribéry kaufen würde“, erklärte Kalle das ungewöhnliche Stück. Roger Hasenbein, damals Aufsichtsrat beim Kiezklub, schenkte ihm daraufhin die Millerntor-Variante. Es gibt ein Foto, auf dem Kalle allein auf dem Lattenplatz vor dem „Knust“ sitzt und auf einer großen LED-Leinwand Dressurreiten guckt. Typisch Kalle.
Seine Erinnerungen bewahrte er in einem alten Koffer auf. Darin lagen Fotos, Zeitungsausschnitte und eine Art Poesiealbum mit Grüßen von Künstlern wie der Ersten Allgemeinen Verunsicherung. Statt mit prominenten Namen für seine Kneipen zu werben, schrieb Kalle lieber Sätze auf seine Flyer wie: „Feuerlöscher, saubere Damen- und Herrentoiletten sowie weiße und rote Ventilatoren.“
Sex, Fluppen und Rock ’n’ Roll: Ein Leben für das Nachtleben
Kreativ, etwas eigensinnig und voller Ideen. Nur mit Geld, sagte er selbst, habe er es nie so gehabt. Mehr als einmal scheiterte eine Kneipe daran, dass Gastfreundschaft für ihn wichtiger war als Liquidität.
Ein Leben zwischen Sex, Fluppen und Rock ’n’ Roll. Alles im Schnelldurchlauf. Alles immer etwas improvisiert. Häufig mit einer „Roth Händle“ in der Hand. Oder Jägermeister. Günther Mast, der Erfinder des Kräuterlikörs, war sein Patenonkel. Papa Roschinski und der Opa waren ebenfalls Wirte, der Tresen Kalles Wohnzimmertisch. Und so lernte Kalle früh: „Wenn ein Gast dir bekannt vorkommt, stell ihm ein Bier hin. Dann fühlt er sich zugehörig und kommt immer wieder.“
Die Gäste kamen. Nicht wegen des Bieres. Sondern häufig seinetwegen. Zurecht. Machs' gut, Kalle.
Am 24. Juli nimmt das „Knust“ ab 17 Uhr mit einem Gedenkabend Abschied von Karl Roschinski. Es gibt „Fernet“, Live-Musik, ein Kondolenzbuch und den Koffer von Karl. V
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