Kampf um die Außenflächen: Sind Kioske die neuen Eckkneipen?

Der Alman-Kiosk am Alma-Wartenberg-Platz hat knapp 66 Quadratmeter Fläche für Außen-Sitzplätze genehmigt bekommen.
Der Alman-Kiosk am Alma-Wartenberg-Platz hat knapp 66 Quadratmeter Fläche für Außen-Sitzplätze genehmigt bekommen.

Die Temperaturen steigen, die Tage werden länger, die Bars werden voller und der Betrieb verlagert sich zunehmend nach draußen. Doch einige Anwohner und Politiker in Ottensen und der Sternschanze wollen die Gastronomen zur Verkürzung der Öffnungszeiten zwingen. Gleichzeitig werden Kioske mit Bierzeltgarnituren und günstigen Preisen zu einer ernst zu nehmenden Konkurrenz für die Stammkneipen – und zu einer Gefahr für deren Ruf.

Am Alma-Wartenberg-Platz in Ottensen ist gerade viel in Bewegung. Vor kurzem wurde die beliebte Eckkneipe „Aurel“ für umfangreiche Bauarbeiten dichtgemacht. Das Gebäudeensemble ist mittlerweile eingezäunt, bald beginnen hier die Abrissarbeiten – bis das Aurel wieder öffnen kann, werden noch zahlreiche Monate ins Land ziehen.

Hinterlassenschaften vom Cornern in den Höfen

Perfekte Voraussetzung für die Konkurrenz, das junge und feierwütige Publikum der Kneipe abzugreifen. Verschiedene Ideen dafür zeichnen sich schon rund um den Platz ab, und längst nicht alle kommen von den verbliebenen Bars. Dem „Alman-Kiosk“ direkt gegenüber vom Aurel „sind in diesem Jahr insgesamt 65,50 Quadratmeter für die Nutzung einer Sommerterrasse genehmigt worden“, schreibt Mike Schlink, Bezirksamtssprecher Altona, auf MOPO-Anfrage. Ein paar Meter weiter laden schmale Bänke vor dem „Kiosk 2000“ schon länger zum Cornern ein und an der nächsten Ecke hat der Kiosk der „Döner Company“ sich ebenfalls eine Genehmigung für eine Handvoll Tische gesichert.

Da kommen keine Missverständnisse auf: Diese Sitzplätze gehören zum Alman-Kiosk.
Da kommen keine Missverständnisse auf: Diese Sitzplätze gehören zum Alman-Kiosk.

Mehrere Barbesitzer aus dem Viertel teilen ihre Sorge über die Entwicklung mit der MOPO. Keiner von ihnen möchte sich mit Gesicht und Namen zeigen – es herrscht ein gewisser Respekt vor Kiosk-Besitzern.

Das Cornern vor Kiosken wird immer beliebter. Klar: Es ist günstiger, vielleicht auch hipper, und es gibt sogar noch verschiedene Snacks, Zigaretten und anderes in Reichweite. Dehoga-Geschäftsführer Simon Wieck ist besorgt: „Von Jahr zu Jahr nimmt das ‚Cornern‘ immer größere Ausmaße an“, schreibt er. „Kioske verkaufen große Gebinde bzw. Flaschen, die außerhalb der Terrassenöffnungszeiten von Nicht-Gästen neben oder gar auf der geschlossenen Terrasse von Gastronomien oder Hotels verzehrt werden.“

Die Bar 'Aurel' am Alma-Wartenberg-Platz ist inzwischen geschlossen, und der Abriss steht bevor.
Die Bar „Aurel“ am Alma-Wartenberg-Platz ist inzwischen geschlossen, und der Abriss steht bevor.

Er zählt zahlreiche Probleme auf, die damit einhergehen. So würden sich etliche nicht an die ihnen gewährte Konzession halten – etwa, indem sie Speisen verkaufen oder Tische und Abstellflächen anbieten, die eher an eine Außengastronomie erinnern. Das geschehe häufig auch außerhalb der Zeiten, zu denen umliegende Restaurants ihre Außenflächen regulär schließen müssten.

Ein weiteres Problem: Viele Passantinnen und Passanten nutzten „die Infrastruktur der umliegenden Gastronomien und Hotels – Toiletten usw. – unentgeltlich, ohne dort Umsatz zu machen“, kritisiert Wieck. Auch Müll und andere Hinterlassenschaften blieben nach dem Cornern oft einfach auf den genutzten Plätzen oder in der Nähe liegen. Nach MOPO-Informationen hat das Mehrfamilienhaus, in dem sich der Kiosk am Kemal-Altun-Platz befindet, extra ein Eisentor installieren lassen, weil viele ihre Notdurft auf dem Hinterhof verrichtet hatten.

Bars beschweren sich: „Tragen Konsequenzen der Kioske“

Und es gibt noch ein Problem: Der durch Kioske „entstehende Lärm wird durch Anwohner leider oftmals fälschlicherweise den ansässigen Gastronomien zugeschrieben und entsprechend bei den Behörden angezeigt“, so Simon Wieck. Erst kürzlich traten Anwohner eine Diskussion über eine verkürzte Öffnungszeit für Gastronomen aus Lärmgründen in Ottensen und der Sternschanze los. Der Dehoga-Geschäftsführer fürchtet massive Umsatzeinbußen und Arbeitsplatzverluste bei seinen Mitgliedern, vor allem aber schüttelt er über die „augenscheinliche Narrenfreiheit“ der Verkaufsstände und Kioske den Kopf.

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Derweil muss auch die andere Seite berücksichtigt werden: Corona-Pandemie, Energiekrise und steigende Preise haben auch bei vielen Kunden Löcher in die Portemonnaies gerissen. Für einige von ihnen gibt es nur die Wahl zwischen Cornern und gar nicht Ausgehen. Trotzdem warnt Wieck: „Verkürzte Öffnungszeiten und weniger Sitzplätze führen zu geringerem Umsatz und in der Folge zu Personalabbau. Manche Betriebe werden wahrscheinlich nicht mehr wirtschaftlich agieren können, da ihr Konzept auf einer starken Nutzung der Außenflächen basiert. Insbesondere nach den Jahren der Pandemie und der um ca. 30 Prozent gestiegenen Kosten für die Gastronomien fordern wir vehement ein Umdenken und ein Unterstützen der gastronomischen Betriebe, die die Innenstädte bunt machen und der soziale Klebstoff unserer Gesellschaft sind.“

Die Temperaturen steigen, die Tage werden länger, die Bars werden voller und der Betrieb verlagert sich zunehmend nach draußen. Doch einige Anwohner und Politiker in Ottensen und der Sternschanze wollen die Gastronomen zur Verkürzung der Öffnungszeiten zwingen. Gleichzeitig werden Kioske mit Bierzeltgarnituren und günstigen Preisen zu einer ernst zu nehmenden Konkurrenz für die Stammkneipen – und zu einer Gefahr für deren Ruf.