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Kälbchen dürfen bei Müttern bleiben: Erster Bauer gibt seinen Kühen „Elternzeit“

„Die Kunden haben uns oft gefragt, was wir mit den Kälbchen machen“, sagt Hans Möller. „Und wir hatten einfach keine gute Antwort.“

„Die Kunden haben uns oft gefragt, was wir mit den Kälbchen machen“, sagt Hans Möller. „Und wir hatten einfach keine gute Antwort.“

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Florian Quandt

Ein frischgeborenes Kälbchen steht mit feuchtem Fell und wackligen Beinen verloren in einer Plastikbox. Seine Mutter ruft nach ihm. Doch sie ist zu weit weg, das Neugeborene hört sie nicht – es wird als Waise aufwachsen. Diese Szene ist Alltag in 99,99 Prozent aller Milchvieh-Betriebe. Nur eine kleine Handvoll Bauern in ganz Deutschland macht die Trennung von Kuh und Kalb nicht mehr mit. Hans Möller gehört dazu.

Es raschelt und wackelt im Brombeer-Gestrüpp. Plötzlich streckt sich ein schwarz-weißes Köpfchen daraus hervor und ein Kälbchen stakst aus dem geschützten Gebüsch auf die Weide. Sofort beginnt es zu muhen. Vom anderen Ende der Weide setzt sich seine Mama ebenfalls muhend in Bewegung und trabt herüber. Gierig sucht das Kälbchen das Euter und trinkt. Die Mutter leckt ihm das Fell. „Ist das nicht ein schöner Anblick?“, freut sich Landwirt Hans Möller.

Ein Kälbchen trinkt auf der Weide bei seiner Mutter – heute ein äußerst seltener Anblick.

Ein Kälbchen trinkt auf der Weide bei seiner Mutter – heute ein äußerst seltener Anblick.

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Florian Quandt

Um immer Milch zu geben, muss eine Kuh jedes Jahr kalben. Bei Landwirt Möller aus Lentföhrden (kurz vor Bad Bramstedt) bleiben die Kälbchen schon seit drei Jahren bei ihren Müttern. „Wenn sie noch ganz klein sind, dann legen sie sich nach dem Trinken an einem geschützten Platz ab und schlafen“, erzählt er. Die etwas älteren tollen auch gern mit ihresgleichen herum, während die Mütter grasen. „Sie bilden automatisch eine Kindergruppe.“

Bei den meisten anderen Bio-Bauern und erst recht in der konventionellen Landwirtschaft werden die Kälbchen den Müttern nach der Geburt weggenommen. Manche Bauern machen das sofort – mit der Begründung, dass dann gar nicht erst Trennungsschmerz entstehe. Bei ihnen steht das Kälbchen dann für eine ganze Woche völlig allein in einem Plastik-Iglu und wird aus einem Eimer gefüttert.

Andere Bauern separieren erst nach einigen Tagen. Die Kälber können so noch kurze Zeit die wertvolle Muttermilch direkt aus dem Euter trinken. Diese spätere Trennung führt allerdings dazu, dass Kuh und Kälbchen dann herzzerreißend nach einander rufen. Das wollten Hans Möller und sein Landwirts-Kollege Achim Bock bei ihrer „Vier Jahreszeiten Milch“ anders machen. Nicht nur aus eigenem Antrieb: „Die Kunden haben uns oft gefragt, was wir mit den Kälbchen machen“, erinnert er sich. „Und wir hatten einfach keine gute Antwort.“

Fast alle Kälber werden direkt nach der Geburt ganz allein in Mini-Ställe gesperrt.

Fast alle Kälber werden direkt nach der Geburt ganz allein in Mini-Ställe gesperrt.

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HFR

Jetzt lassen sie die Kälbchen einfach in der Herde, die Kühe bekommen quasi „Elternzeit“. Auch im Winter im Stall ist der Nachwuchs mittenmang. Umbauen musste Möller dafür nicht. „Die Kälber lernen ganz schnell von selbst, dass sie am Melkstand nichts zu suchen haben.“ Er genießt es, die Zweisamkeit von Kuh und Kalb zu beobachten. „Die Kuscheln ganz viel, das Kalb wird geleckt und schmiegt sich an.“

Er hat die Erfahrung gemacht, dass die Kälber so auch gesünder sind. Das spart Tierarztkosten. Durch die Muttermilch und den Kontakt zur Kuh sind sie robuster und entwickeln sich schneller. Sie fressen auch früher Gras als Kälber, die mit dem Nuckeleimer gefüttert werden. „Auch das Sozialverhalten lernen sie viel schneller von den anderen Kühen in der Herde.“

All diese positiven Auswirkungen bestätigt auch eine Studie des Thünen-Instituts. Trotzdem scheuen sich fast alle Milchbauern vor dieser Umstellung. Die einen sind besorgt, dass sie für die Umstellung ihre Ställe teuer umbauen müssen, die anderen fürchten die geringeren Milchmengen. Denn ein saugendes Kalb zapft seiner Mutter insgesamt rund 1000 Liter Milch mehr ab als eines, das getrennt und kontrolliert aus dem Nuckeleimer gefüttert wird.

Die Vier-Jahreszeiten-Milch des Sommers.

Die Vier-Jahreszeiten-Milch des Sommers.

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HFR

Viele Bauern sagen auch „Das zahlt uns ja niemand“. Denn egal wie sie ihre Milch produzieren, sie wird in der Molkerei mit all der anderen Milch vermischt. Sie können sie daher nicht teurer als Spezialmilch mit „Elternzeit“ verkaufen. Höchstens direkt im eigenen Hofladen.

Das ist bei Möller und Bock anders. Ihre „Vier Jahreszeiten Milch“ ist die einzige „Elternzeit-Milch“, die es im Handel zu kaufen gibt. Der Grund: Sie sind an einer Genossenschafts-Meierei in der Nähe beteiligt, die ihnen ihre „Vier Jahreszeiten Milch“ in eigene Milchkartons abfüllt. So können sie ihr Label draufmachen und mit der „Elternzeit“ werben.

Vermarkten müssen die beiden Bauern sie allerdings nun selbst. Es gibt die Milch mittlerweile in Bio-Läden und einigen Edekas und Rewes. Mit einem Preis von zwei Euro ist sie deutlich teurer als andere Bio-Milch (kostet 1,30 bis 1,50 Euro) im Regal daneben. Die Kunden greifen trotzdem zu.

Viele von ihnen nutzen das Angebot, sich auf dem Hof in Lentföhrden selbst ein Bild von den glücklichen Kühen auf Möllers Hof zu machen. Ihr Besuch wird gleich gefilmt und auf der Internetseite der Öko-Melkburen veröffentlicht. Hans Möller: „Das hätte ich mir früher auch nicht träumen lassen, dass ich zum Wohle meiner Kühe mit einem Selfiestick über die Weide laufe, um einen Blog zu bestücken.“