„Jeder braucht doch einen Ankerplatz“: Evi, der Engel vom „Seeteufel“
Das erste Haus an der Elbchaussee trägt einen Namen: „Seeteufel“ steht draußen dran. Wer die drei Stufen hochsteigt, landet in einem maritimen Gesamtkunstwerk, halb Wohnzimmer, halb Seemannskneipe. Hinterm Tresen steht die Herrscherin über dieses 27 Quadratmeter winzige Wunderland: Evi Subbert (67), rotes Kleid, Sonnenblumenbrosche, Pinsel in der schwarzen Wallemähne. Die MOPO sprach mit Evi über ein kleines Mädchen, das in Saßnitz aufwuchs, über Freiheit, Skat, die CDU – und über den traurigen Grund für die Malutensilien in ihrer Frisur.
Eigentlich heißt Evi Evelyn. Mit Y. Aber so nennt sie höchstens noch ihre alte Grundschullehrerin. Oder ihre Geschwister, von denen sie sechs hat. „Ich kam als letzte“, sagte Evi und lässt durchblicken, dass die Mutter nicht unbedingt scharf war auf ein siebtes Kind. Und dann noch so klein und schwach auf der Brust. Musste sogar in den Brutkasten, der Winzling. „Bin ja klein geblieben“, sagt Evi: „Ein Erdnuckel.“ Darum ist der Boden hinter dem Tresen erhöht. Hier steht niemand sonst als sie, hier zapft sie, spült sie, raucht sie und wenn donnerstags die Skatspieler an der Theke sitzen, ist Evi der dritte Mann: „Skat spiel‘ ich seit 50 Jahren.“
Der „Seeteufel“ in Ottensen ist ein Ankerplatz
Stammgäste kriegen Spitznamen: Der Commissario, die Professorin, der schöne Henning. Musik kommt von der Playlist der Gäste und mit ganz viel Glück singt Evi auch mal was von Hans Albers. Der „Seeteufel“, sagt sie, soll ein Heimathafen sein. Für ihre Gäste und für sie, denn: „Es braucht doch jeder Mensch einen Ankerplatz.“
In Saßnitz ist sie aufgewachsen, „in der Zone“. Darum hängt auf dem Männerklo eine Karte von der Insel Rügen. Auf dem Damenklo ist der Spiegel mit Lippenstift bemalt, es gibt Schminkutensilien und Einmal-Rasierer: „Die Mädels sollen ja gewappnet sein, falls sie bei mir den Mann fürs Leben treffen.“ Manchmal hört man das noch, dass Evi in der DDR groß geworden ist, etwa, wenn man sie nach ihrem Styling fragt. Schick, bunt, bisschen exzentrisch: „Ich will doch nicht rumlaufen wie von der LPG Rote Rübe!“, sagt Evi dann.
Evi und die Sehnsucht nach Freiheit
Glückliche Kindheit? Evi steckt sich eine Zigarette an. Die Mutter war Lehrerin, überzeugte Kommunistin und sie selbst war als Mädchen begeistert bei der FdJ, wurde dann aber obstinat, guckte im Schulatlas auf all die vielen Länder, die unerreichbar schienen: „Ich hatte eine große Sehnsucht nach Freiheit.“ Friseurin lernt die junge Evelyn, macht zusätzlich eine Ausbildung in der Gastronomie.
Mit 15 jobbt Evi im Sommer auf Hiddensee, räumt Restauranttische ab und freundet sich ein bisschen mit der fast gleichaltrigen Nina Hagen an, die dort mit ihrer Mutter Urlaub macht. Sowas erzählt sie ganz beiläufig, auf die Frage, ob auf dem Foto hinter dem Tresen eigentlich Nina Hagen zu sehen ist. Nee, das ist Evi selbst vor ein paar Jahren.
Jedenfalls: Evelyn und die „Zone“, das ging irgendwann nicht mehr: „Ich wollte es doch nur schön haben, ein Dach über dem Kopf und was zu essen“, sagt sie: „Und frei sein.“ Das war das Problem. „Mach die Leute nicht schlau, du kriegst sie nicht mehr dumm“, mit solchen Sätzen kam man in der DDR natürlich nicht weit.
Sie stellte, zum Entsetzen der Familie, einen Ausreiseantrag und kam zwei Jahre ins Gefängnis. Das ist nichts, worüber sie redet. Nur so viel: „Erzähl mir nix von der DRR.“ Von Rot hatte sie jedenfalls die Nase voll, trat später in die CDU ein. Obwohl: „Den Tschentscher mag ich ganz gerne. Aber ich bin ja auch St. Pauli-Fan und finde den HSV trotzdem gut manchmal.“
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1987 kam sie „rüber“, mit ihrem Kläuschen, ihrem kleinen Sohn. Sein Porträt hängt am Eingang vom Seeteufel, ein junger blonder Mann. Kläuschen lebt nicht mehr, er kam 1999 bei einem schrecklichen Vorfall ums Leben. „Ich hatte vier Kinder“, sagt Evi, „keins lebt mehr.“ Über die anderen drei spricht sie nicht, „die liegen auf Rügen.“ Noch eine Zigarette: „Ich bin ein Stehaufmännchen“, und nun Schluss damit.
Lieber führt sie durch das kleine Reich, in dem jeder, wirklich jeder Winkel von ihr gestaltet wurde: „Als ich den ,Seeteufel‘ vor 36 Jahren übernommen habe, waren hier kahle Wände.“ Sie schleppt ein Fotoalbum an, Fotos von Gästen vor einem einsamen Rettungsring. Auf den Bildern: jede Menge junger Männer, die von der Seemannsschule gegenüber zu Evi kamen. „Sind alle Kapitän geworden“, sagt sie: „Damals hatte ich jeden Tag auf, von morgens bis abends.“ Damit sie auch mal ein paar Stunden Schlaf bekam, hatten „die Jungs“ einen Schlüssel zum „Seeteufel“: „Dann konnten die sich hier einen Kaffee machen.“ Dann zeigt sie auf ein Foto von sich, umringt von „den Jungs“: „Muddi immer mittendrin.“
Nach Jahrzehnten in Evis Obhut ist jeder Zentimeter der „Seeuteufel“-Wände verziert, geschmückt, dekoriert mit allem, was „Wassermenschen“ (Evis Selbstbeschreibung) an Land so finden. „Das ist mein Schiff“, sagt sie und guckt sich um. Auf den Bierdeckeln ihr Lächeln, mit Teufelshörnchen. Die wurden zum 50. Jubiläum 2008 gedruckt. Benannt ist die Kneipe übrigens nach der berühmten Abenteuergeschichte von Felix Graf Luckner.
Die hintere Wand ist verspiegelt, was die Illusion von einem viel größeren Raum erzeugt: „Die Schrift auf dem Spiegel hat mein Mann gemacht“, sagt sie: „Der war Künstler.“ Wolf, ihr Mann, ihr großes Glück, gefunden am Tresen des „Seeteufels“. Sein Porträt steht auf der Fensterbank. Die Pinsel in ihrem Haar, das sind seine: „Die konnte er nicht mehr aufbrauchen und nun habe ich sie immer bei mir.“ Ostern 2022 ist Wolf Maack gestorben, seitdem raucht Evi wieder. Eigentlich hatte sie längst aufgehört, nach vier Schlaganfällen, aber als Wolf starb, war auch alles egal. „Dafür trink ich nicht“, sagt sie und: „Warum soll man gesund sterben?“
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So viele Nackenschläge, selbst für ein Stehaufmännchen. „Ach ja“, sagt Evi, „ich hab schon was hinter mir.“ Aber es gibt ja auch so viel Gutes: Geliebt wird sie im Viertel und von den Gästen. Neulich hat sie einer gebeten, die Freie Trauung für ihn und seine Frau durchzuführen, am Strand von Sankt Peter Ording, und alle waren begeistert, wie wunderbar Evi das gemacht hat. Sowas gibt Kraft: „Geld hab ich nicht, aber im Herzen bin ich reich.“ Auf dem Weg zum Friedhof hat sie neulich den Unterleib einer männlichen Schaufensterpuppe gefunden, der ziert nun, mit Lederslip, einen Kneipentisch. Evis Heimathafen wird immer schöner.