Jeden Tag einen Marathon – Extremläufer gesteht: „Ich weine auch viel“
Sind Sie schon einmal einen Marathon gelaufen? Wenn ja: Respekt! Über einen solchen Lauf über gut 42 Kilometer kann Extremsportler Aleksander Lingauer jedoch nur müde lächeln. Der 25-Jährige ist gerade dabei, 61 Marathons in 61 Tagen zu laufen, von Sylt bis Regensburg. Im Gespräch mit der MOPO erzählt er, warum er das macht, was er bereits über sich gelernt hat und wovor er Angst hat. Und nein – Muskelkater ist es nicht.
Die MOPO trifft Lingauer an der Oberhafenbrücke in der HafenCity. In regelmäßigen Abständen donnern die Züge vorbei, während die Sonne langsam untergeht. Auf dem Fußweg steht der schlanke, hochgewachsene Mann. Er ist braungebrannt, trägt eine schwarze Laufhose, ausgelatschte Schuhe und ein eng anliegendes Oberteil mit der Aufschrift „Einfach machen“. Auf seinem Gesicht hält sich fast während des gesamten Gesprächs ein breites Grinsen.
Sein Mittagessen: Croissants, Donuts, Mortadella, Nudeln
Der ausgebildete Physiotherapeut aus Regensburg sagt viele schlaue Sachen an diesem Abend. Zum Beispiel: „Die Frage ist nicht, wer so etwas schaffen kann, sondern wer so etwas zu Ende bringen kann.“ Auch er hat Respekt vor seinem Vorhaben. 61 Marathons in 61 Tagen – eine Widmung an seinen Vater, der 1961 geboren wurde. Eine Widmung an seine Mutter sind die 61.000 Euro Spenden, die er unter anderem für das Rote Kreuz und Space Eye und damit für Obdachlose und die Flüchtlingshilfe sammeln möchte.
Die Idee für sein Vorhaben kam Lingauer, als er auf einer 419-tägigen Solowanderung durch Europa einen Podcast über Nedd Brockmann hörte, der 2022 Australien in 47 Tagen durchquerte. „Als ich das hörte, dachte ich erstmal: Wie dumm“, so der gebürtige Pole. „Doch dann fiel mir auf, dass ich mehr mit ihm gemein habe, als ich zunächst dachte.“ Und so möchte auch Lingauer Australien durchqueren. Deutschland ist der Probelauf. Und weil das Land „zu kurz“ ist, läuft er in Zickzack-Linien. Nachts schläft er im Zelt, das er im Rucksack trägt. Oder bei netten Menschen, die er unterwegs trifft. Er hat sogar den Hals seiner Zahnbürste abgeschnitten, um Gepäck zu sparen, sagt er.
Am Tag läuft Aleksander Lingauer im Schnitt 4:40 Stunden. Nach einem Halbmarathon macht er etwa eine Stunde Pause und isst erstmal ordentlich. „Heute gab es vier Croissants, vier Schokodonuts, eine Packung Mortadella und ein Nudel-Fertiggericht“, sagt er und verzieht keine Wimper. Danach könne er sofort wieder loslaufen.
Das lernt Aleksander Lingauer auf seinen 61 Marathons
Was er während seiner langen, einsamen Läufe über sich lernt, ist vor allem spiritueller Natur. „Man kommt in Konversationen mit sich selbst, die man im normalen Alltag niemals führen würde“, so der 25-Jährige. „Ich denke, dass wir als Spezies viel anpassungsfähiger sind, als wir glauben. Ich denke darüber nach, wer ich bin und wer ich sein möchte. Ich weine auch viel.“
Warum er das alles macht? „Ich liebe den Widerstand. Ich will Geschichte sehen und einfach leben“, so Lingauer. Um sein Spendenziel zu erreichen, sucht er noch Sponsoren und Einzelspender. Unter www.space-eye.org gibt es mehr Infos.
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Angst, dass er seine Tour aus gesundheitlichen Gründen abbrechen muss, hat Lingauer nicht. Bisher habe er nicht einmal Muskelkater. „Angst habe ich nur davor, dass ich am Ende dünn bin wie ein Spargel“, sagt er und lacht wieder.