Irres Experiment: Hamburger Schulleiter ließ sich von Schildkröte vertreten
Eine Schildkröte als Schulleiterin: An der Stadtteilschule Alter Teichweg in Dulsberg wurde das im vergangenen Jahr Realität. Als Schulleiter Björn Lengwenus sich für drei Monate ins Sabbatical verabschiedete, übernahm eine echte Schildkröte seinen Job. Wir erklären, was es mit dem ziemlich schrägen Experiment auf sich hatte – und wie die Schule reagierte.
Im Januar 2025 zieht eine ungewöhnliche Bewohnerin ins Schulleiterbüro ein: Frau Gonzala Zeidler-Brack, eine Mississippi-Höckerschildkröte. Ein Experiment, in das nur fünf Personen tatsächlich eingeweiht sind. Lehrkräfte und Schülerschaft sind völlig ahnungslos, obwohl das Reptil auf der Schulwebseite sogar mit Namen und Foto als neue Leitung geführt wird.
Doch wie kommt eine Schildkröte an die Spitze einer Schule? Seinen Ursprung hat dieses irre Experiment im Wunsch nach einer Auszeit: Anfang 2025 beschließt Björn Lengwenus, mit seiner Familie für drei Monate ein Sabbatical in Neuseeland zu machen. Der Schulleiter der Stadtteilschule Alter Teichweg ist in Hamburg für seine kreativen Projekte bekannt.
Unter anderem startete er während des Corona-Lockdowns eine eigene Late-Night-Show auf YouTube, damit sich die Schüler zu Hause nicht so allein fühlen. Auch gegen das geplante Experiment der Gruppe „Kunstagenten“ in seinem Büro während seiner Abwesenheit hatte Lengwenus keine Einwände – worum es genau gehen sollte, wusste er nicht.
Stadtteilschule Alter Teichweg: Schildkröte übernimmt
„Man spricht nicht jeden Tag mit der Schulleitung, und wir haben uns gefragt: Was bekommt man als Schüler oder Lehrkraft überhaupt davon mit?“, sagt Matthias Vogel von den „Kunstagenten“. Das Experiment soll über die gesamten drei Monate dauern, mit verschiedenen Phasen. Zuerst übernimmt Schildkröte Zeidler-Brack die Leitung.
„Am Anfang gab es viel Verwirrung”, sagt Matthias Vogel. „Die größere Nachricht war, dass Herr Lengwenus nicht mehr da ist – nicht die neue Schildkröte.” Lehrer Oliver Salewski beispielsweise erfuhr erst durch eine Schülerin von dem ungewöhnlichen Leitungswechsel: „Dann baute sich dieses kleine Mädchen vor mir auf und sagte: ‚Wissen Sie nicht, wer Ihr Chef ist? Ihr Chef ist eine Schildkröte!‘“ Ein Blick ins Schulleiterbüro bestätigte die Aussage.
Nach einem Monat ist der Versuch beendet, Frau Zeidler-Brack tritt zurück. Sie übernimmt wieder ihren alten „Job“ als Hausschildkröte des Hansa-Gymnasiums in Bergedorf – das Experiment ist damit aber noch längst nicht beendet.
Grundschüler schaffen Hausaufgaben ab
Im zweiten Monat haben Marcel Bahr (10), Jerina Halili (10) und Celine Yeboah (9) die Schulleitung inne. Die drei Grundschulkinder erlassen direkt Dekrete: Hausaufgaben werden verboten, Pommes stehen auf dem täglichen Speiseplan. Im dritten Monat darf dann eine Künstliche Intelligenz ran: Schüler können ihr im Büro Fragen stellen, die sie nach bestem KI-Wissen beantwortet.
Als Björn Lengwenus aus seinem Sabbatical zurückkehrt, ist die Erleichterung aber groß. „Das Projekt war relativ umstritten an der Schule”, sagt Vogel. Die „Kunstagenten“ initiieren regelmäßig Projekte an der Schule, doch so viel Kritik habe es noch nie gegeben, vor allem aus der Lehrerschaft. „Das war nicht der Plan”, so Vogel, aber man sei weiterhin eng mit der Schule verbunden. Das Experiment sollte die Wahrnehmung von Macht aufzeigen.
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Die Dokumentation zum Experiment „Das Machtvakuum” gewann bei den 36. Bamberger Kurzfilmtagen bereits den Publikumspreis. Nach der Hamburger Premiere am Mittwochabend, die bereits ausverkauft ist, wird der komplette Film auch auf YouTube verfügbar sein.