In harten Zeiten: Hamburger Experten verraten, wie Sie glücklich bleiben
Eine zerbrochene Bundesregierung, der andauernde Krieg in der Ukraine, weiter steigende Preise, psychisch kranke Attentäter – die täglichen Nachrichten sind eine besonders belastende Mischung, die kräftig auf’s Gemüt schlagen können. Dazu eine Prise nebliger Nieselregen – und dann noch Putin, Trump und Alice Weidel obendrauf. Es war schon mal einfacher, gelassen oder gar glücklich zu sein. So mancher fragt sich zurecht, wie man das alles länger aushalten soll? Die MOPO machte sich auf die Suche nach dem Glück und fragte drei Hamburger Glücks-Experten um Rat.
Schon bei seinem Titel huscht einem ein kleines Lächeln über das Gesicht: Glückscoach Sven heißt der Mann, der sich auf seiner Homepage wie folgt beschreibt: „Vom Glückspilz zum Glückscoach.“ Das klingt nach angeborener Leichtigkeit, doch wie soll der klassische Pechvogel Anschluss finden? „Es stimmt, dass genetisch einige Menschen grundsätzlich glücklicher sind als andere. Aber es ist eine bewusste Entscheidung, ob ich es lernen möchte, glücklich zu sein. Oder glücklicher sein zu wollen“, erklärt Sven Bauer (52), der im Winter gern mal die Sonne Spaniens genießt. Man muss einfach nur wissen wie…
Glücksnetzwerk, positive Stimuli und soziale Kontakte
Psychiater und Psychotherapeut Dr. Joachim Elbrächter (76) unterstützt die These des Glückscoachs: „Tatsächlich hilft es, wenn man sich selbst gleich am Morgen etwas Gutes tut. Und wenn möglich keine Nachrichten hört, sondern sich lieber positive Stimuli sucht. Gutes Essen, schöne Musik, Bewegung an der frischen Luft.“ Da biete Hamburg neben Alster, Elbe und Stadtpark idealerweise zahlreiche Grünflächen. Auch im nächsten Punkt auf dem Weg zum Glücklichsein sind sich die beiden einig: soziale Kontakte, Freunde, Familie, nette Nachbarn. „Umgeben Sie sich möglichst mit Menschen, die Ihnen gut tun“, sagt Elbrächter. Und der Glückscoach ergänzt: „Glückliche Menschen haben in der Regel ein Glücksnetzwerk. Wer gut vernetzt ist, hat schneller Erfolg, das meine ich gar nicht beruflich, eher ganz alltäglich, wie mit dem Finden eines Garagenplatzes oder einem Hundewalker.“ Er betont, dass er mit dem Glücksnetzwerk den Kontakt mit echten Menschen meine, nicht den über soziale Medien.
So weit so gut. Doch wie kriegt man die Kurve, wenn das morgendliche Hoch verflogen ist und der Alltag anfängt, auf die Stimmung zu drücken? Glückscoach Sven erklärt: „Denken Sie proaktiv an etwas, was Sie fröhlich macht. Dann sind die negativen Gedanken erstmal sofort weg. Hervorragend dafür eignet sich zum Beispiel Vorfreude. Vorfreude löst hormonell im Menschen das Gleiche aus wie das Ereignis selbst.“ Ebenso übrigens wie das Hochziehen der Mundwinkel. Auch hier deutet das Gehirn Zufriedenheit aufgrund der Gesichtszüge und setzt Endorphine frei.
Mundwinkel hochziehen und Endorphine ausschütten
Kurzfristige, schnelle Glücksmomente. Klingt alles logisch und vor allem machbar. Das mit den hochgezogenen Mundwinkeln vielleicht besser im Auto als in der Bahn, um keine Irritation bei den Mitmenschen zu erzeugen. Dann geht Glückscoach Sven tiefer in die Materie: „Ein weiterer echter Gamechanger ist die Vergebung. Anstatt länger irgendeinen Ärger oder Groll gegen jemanden mit sich herum zu tragen, ändert sich wirklich viel, wenn man dem anderen vergibt. Oder auch sich selbst für etwas, was einen ärgert.“ Die Vergebung setze Ressourcen und positive Energien frei. Ähnlich wie die Dankbarkeit, so erklärt er weiter. Man sollte sich in einer vermeintlich schwierigen Situation ganz ruhig einmal fragen, wie es einem wirklich geht. Und dann den Blick über den Tellerrand wagen, ob das eigene Problem in Relation dann wirklich noch so groß erscheine. Zum anderen ist Dankbarkeit auch ein gutes Werkzeug im Alltag. „Einfach mal ein freundliches Danke zu den Mitarbeitern der Stadtreinigung oder beim Aussteigen zum Busfahrer. Kleine Gesten oder auch Komplimente wirken Wunder“, so Sven Bauer. Frei nach dem Motto: „Wer lächelt, bekommt ein Lächeln zurück.“
Zum Umgang mit anderen Menschen kann auch Dominik Dallwitz-Wegner (56), Gründer der Hamburger GlücksStifter viel sagen. Der Dozent schult unter anderem Lehrkräfte, die das Schulfach „Glück“ unterrichten wollen. „Ein achtsamer, wertschätzender Umgang miteinander wäre schon ein großer Schritt zum allgemeinen Glück“, sagt Dallwitz-Wegner. Er ist Experte für positive Persönlichkeitsentwicklung und geht immer wieder auch selbst in Klassen, um den Kindern oder Jugendlichen den Zugang zu mehr Zufriedenheit, Selbstwirksamkeit und Widerstandskraft zu vermitteln. Denn ohne ausreichende Resilienz sei das heutige Tempo in Schulen, bei der Arbeit, manchmal sogar an der Supermarktkasse kaum zu schaffen.
Einfach mal freundlich zu anderen und sich selbst sein
Dallwitz-Wegner würde sich wünschen, dass die Mühlen der Schulbehörden und Kultusminister schneller mahlen. „Gerade in der heutigen schnelllebigen Zeit wäre die Unterstützung bei der Persönlichkeitsentwicklung wichtig, sowohl für Lehrkräfte als auch für die Schülerschaft.“ Glück als Schulfach wird bisher nur in einzelnen Hamburger Schulen angeboten.
Das könnte Sie auch interessieren: Wenn alles den Bach runtergeht, wie bleibt man da zuversichtlich, Herr Pastor?
Und während vielerorts das vermeintliche Glück darin besteht, die äußeren materiellen Bedingungen für körperliches und seelisches Wohlergehen zu schaffen, erklärt Glückscoach Sven die drei Säulen des Glücks, wie er sie seinen Klienten vermittelt. Diese seien zum Teil beeinflussbar und böten die Möglichkeit, die Glücksleiter nach oben zu klettern. Die erste Säule, die genetische Grundglücklichkeit, sei nicht veränderbar. Anders aber der zweite Baustein, die individuellen Lebensumstände. Die hat man bedingt im Griff, aber kann oft auch nicht spontan alles über den Haufen werfen, wenn es mal schwierig wird. Die dritte Säule sei letztlich der entscheidende Antrieb der Veränderung. „Das ist der Wille“, so Glückscoach Sven. Und weiter: „Mit dem kann ich beeinflussen, wie es für mich weitergeht.“ Wer Dankbarkeit und Vergebung bewusst in sein alltägliches Leben integriere, werde mit großen Glücksgefühlen belohnt.
Regelmäßiges Dankbarkeitsritual macht zufrieden
Um einen glücklichen Tag nicht zur Eintagsfliege werden zu lassen, empfehlen die Glücksexperten ein Ritual am Abend, das Dankbarkeitsritual. Drei Situationen oder Erlebnisse aufschreiben, die man gut fand, für die man dankbar ist, die einen glücklich gestimmt haben. „So geht man mit guten Gedanken ins Bett, kann glücklich und entspannt einschlafen. Das Positive setzt sich im Gehirn fest.“ Nach einigen Wochen mit regelmäßigem Dankbarkeits-Tagebuch spüre man eine Wirkung in Richtung Zufriedenheit, Lebenslust und Freude. Dem Glück dürfte also nichts mehr im Wege stehen. Ein Versuch sollte es wert sein.