„In Hamburg fühle ich mich zu Hause“ – Ukrainer über ihr neues Leben in Deutschland

Rund 60 Ukrainerinnen und Ukrainer haben sich im Stadtpark versammelt, um Müll zu sammeln. Mit dieser Aktion wollen sie sich bei der Stadt Hamburg für die Gastfreundschaft und Integration bedanken.
Rund 60 Ukrainerinnen und Ukrainer haben sich im Stadtpark versammelt, um Müll zu sammeln. Mit dieser Aktion wollen sie sich bei der Stadt Hamburg für die Gastfreundschaft und Integration bedanken.

Mit Müllsack und Greifzange streifen Ukrainerinnen und Ukrainer durch den Stadtpark und sammeln Unrat. Um den Park sauber zu halten, ihre Liebsten in der Heimat zu unterstützen und um Danke zu sagen: für die Gastfreundschaft und die Unterstützung, die ihnen von den Hamburgern entgegengebracht wurde. Die MOPO sprach mit ihnen über Träume und Traumata.

Die Stadt, erzählen viele an diesem Samstag, ist für sie zu einer zweiten Heimat geworden. Und so wie die Stadt sich um die vertriebenen Ukrainer in ihrer größten Not gekümmert hat, wollen auch sie sich um die Stadt kümmern. Und sich für ein sauberes und sicheres Zuhause engagieren. Die Aktion ist Teil einer europaweiten Kampagne. Seit November 2025 reinigen vertriebene Ukrainer Parks, Alleen, Straßen und Uferbereiche.

Natalia: „Ich muss jeden Tag weinen“

Nataliia wünscht sich in Hamburg eine bessere Zukunft für ihre Töchter.
Nataliia wünscht sich in Hamburg eine bessere Zukunft für ihre Töchter.

Nataliia (42) ist aufgeregt. „Ich habe nächste Woche meine B2-Prüfung in Deutsch“, erzählt sie (in einwandfreiem Deutsch). Denn gute Deutschkenntnisse seien wichtig, um arbeiten zu können. Und das möchte Nataliia unbedingt: „Ich bin Apothekerin und versuche gerade, meine Diplome in Deutschland anerkennen zu lassen. Dann kann ich hoffentlich wieder in einer Apotheke arbeiten.“

Kurz nach Ausbruch des Krieges ist Nataliia mit ihrer kleinen Tochter (8) nach Deutschland gekommen, die ältere Tochter (20) kam später nach. „Ich bin schon fast vier Jahre in Hamburg, aber mein Herz ist immer noch in meiner Heimat, der Ukraine“, erzählt sie. Gern wäre sie in ihrer Wohnung in Pavlograd geblieben, aber dort war es zu gefährlich. „Ich verfolge immer die Nachrichten aus der Ukraine und muss jeden Tag weinen. Die Situation für die Menschen zu Hause ist sehr schwer“, sagt Nataliia.

Obwohl sie ihre Heimat vermisst, möchte Nataliia in Hamburg bleiben. „Ich möchte eine bessere Zukunft für meine Töchter. In der Ukraine sind die Gehälter niedrig und die Lebenshaltungskosten enorm gestiegen.“ Dennoch wünsche sie sich nichts mehr als endlich Frieden für die Ukraine.

Ivan unterstützt die Ukraine – aber er ist eigentlich Russe

Ivan hat seit einem Jahr die deutsche Staatsbürgerschaft. Seine russische hat er dafür abgegeben.
Ivan hat seit einem Jahr die deutsche Staatsbürgerschaft. Seine Russische hat er dafür abgegeben.

Ivan (33) ist schon seit acht Jahren in Deutschland. Damals kam er her, um seinen Master in Geografie zu machen. Dann kam der Krieg. In seine Heimat kann er nicht mehr zurück, erzählt er. Denn der 33-Jährige ist gebürtiger Russe. „Nach dem großen Angriff vor vier Jahren war mir klar, dass ich etwas tun muss, um die Ukrainer zu unterstützen.“

Die WochenMOPO – ab Freitag neu und überall, wo es Zeitungen gibt!

Diese Woche u.a. mit diesen Themen:

  • Nach Olympia-Aus: Was Hamburger jetzt vom Bürgermeister erwarten

  • Block-Sündenbock: Warum der Familienanwalt Costard in den Fokus rückt

  • Public Viewing: In welchen Bars, Biergärten und Kneipen Sie die Fußball-WM gucken können

  • Große Rätselbeilage: Knobelspaß für die ganze Woche

  • 16 Seiten Sport: Aus für Blessin bei St. Pauli & Jattas emotionale HSV-Reise

  • 28 Seiten Plan7: Konzerte und mehr im Schanzenzelt, Gastro-Comeback & Tipps für jeden Tag

Seitdem engagiert er sich bei dem Verein VILNI Hamburg. Der Kontakt zu seiner Familie ist seitdem eher sporadisch: „Ich telefoniere manchmal mit meinen Eltern, aber das ist selten.“ Über den Krieg werde bei diesen Telefonaten nicht geredet. Denn Ivans Familie ist prorussisch eingestellt und unterstützt Putins Agenda. Dass die Zerrissenheit seiner Familie für Ivan nicht leicht ist, sieht man ihm an. Aber: „Für mich war schon seit der Annexion der Krim klar, dass ich den Krieg nicht unterstützen werde“, sagt er.

Vor einem Jahr hat er sogar seine russische Staatsbürgerschaft abgelegt – nun hat er die deutsche. Solange Putins Regime an der Macht ist, gibt es für Ivan keinen Weg mehr zurück in die Heimat. Doch auch seine Zukunft in Deutschland sieht er bedroht. „Was ist, wenn die AfD an die Macht kommt? Ich weiß nicht, was die dann mit Menschen wie mir machen.“ Und noch etwas bereitet ihm Sorgen: „Die Bundeswehr ist unterentwickelt. Auf einen Angriff Russlands wäre Deutschland nicht vorbereitet.“

Denis wollte nicht gegen seine Freunde kämpfen

Maryna, Denis und Ana haben in Hamburg eine neue Heimat gefunden.
Maryna, Denis und Ana haben in Hamburg eine neue Heimat gefunden.

Denis (48) und Maryna (44) sind seit 15 Jahren verheiratet. Er ist Russe, sie ist Ukrainerin – und ihre Ehe ist ein Sinnbild für die russisch-ukrainische Freundschaft, die durch Putins Wahnsinn systematisch zerstört wird. Ihre Tochter heißt Anna (19). Denis war Offizier bei der russischen Armee. Als der Krieg anfing, war für ihn klar: „Ich will nicht gegen meine Freunde kämpfen!“

Die Familie lebte damals in Russland und hatte viel Kontakt zu den ukrainischen Freunden und der Familie. „Wir haben zusammen gelacht und Wodka getrunken – warum sollte ich jetzt auf diese Menschen schießen?“, fragt Denis. „Dieser Krieg, das ist alles nur Scheiß-Politik!“ Nach Russlands Einmarsch in die Ukraine sind sie in einer Nacht-und-Nebel-Aktion mit dem Auto über die finnische Grenze gefahren. Übers Baltikum bis nach Hamburg. Eine Flucht im letzten Moment: Denn am Tag darauf wurde die russisch-finnische Grenze geschlossen.

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In ihre Heimat wollen und können sie nicht zurück. „Russland ist für mich verbotenes Territorium“, erzählt Maryna und lacht. Sie habe öffentlich Kritik an der russischen Regierung geäußert – so was bleibe nicht unbemerkt. Und die 19-jährige Anna bemerkt: „Ukraine, Russland – ich bin mit beiden Kulturen aufgewachsen und weiß nicht genau, wo meine Heimat ist. Aber in Hamburg fühle ich mich zu Hause.“

Außerdem haben sie in Hamburg gute Möglichkeiten: Denis arbeitet mittlerweile als Hausmeister in einer Kita und einer Kirche. Maryna, die früher Regisseurin war, will eine Lehre zur Tischlerin anfangen. Genau wie ihre Tochter Anna. Zusätzlich engagiert sich die Familie ehrenamtlich. Etwas für das Gemeinwohl zu tun, empfinden sie als wichtig.

Liudmyla ging in der Ukraine freiwillig an die Front

Liudmyla ist Soldatin und will ihre Einheit auch von Deutschland aus unterstützen.
Liudmyla ist Soldatin und will ihre Einheit auch von Deutschland aus unterstützen.

Liudmyla (45) ist Soldatin und kämpfte an der ukrainischen Front. Erst vor knapp 1,5 Jahren kam sie nach Hamburg, um hier wegen einer Krankheit behandelt zu werden. Als Russland vor vier Jahren in die Ukraine einmarschierte, meldete sie sich freiwillig für den Dienst. Liudmyla hätte fliehen können, aber sie wollte bleiben und ihr Land verteidigen. „Es ist schwer für mich, in Deutschland zu sein, während meine Kameraden an der Front kämpfen“, erzählt sie. „Deswegen engagiere ich mich bei UA Veterans Germany – ich will mein Land auch aus der Ferne unterstützen.“ Es sei etwa wichtig, dass medizinische Hilfsmittel in die Ukraine hinein und Kriegsversehrte zur Behandlung aus der Ukraine herausgebracht werden.

Die Unterstützung der Europäer schätzt Liudmyla sehr: „Zu wissen, dass wir nicht alleine sind, ist ein gutes Gefühl.“ Auch die Soldatin plant, vorerst in Hamburg zu bleiben. „Ich mache gerade einen Deutschkurs und möchte hier arbeiten. Am liebsten am Hamburger Hafen – darauf hätte ich große Lust!“

Mit Müllsack und Greifzange streifen Ukrainerinnen und Ukrainer durch den Stadtpark und sammeln Unrat. Um den Park sauber zu halten, ihre Liebsten in der Heimat zu unterstützen und um Danke zu sagen: für die Gastfreundschaft und die Unterstützung, die ihnen von den Hamburgern entgegengebracht wurde. Die MOPO sprach mit ihnen über Träume und Traumata.