„Immer weniger Empathie“: Warum junge Menschen einsamer werden

Einsamkeit ist unter jungen Menschen weiter verbreitet, als man denkt.
Einsamkeit ist unter jungen Menschen weiter verbreitet, als man denkt.

Woran denken Sie beim Thema Einsamkeit? Vielleicht an einen verwitweten Senior, der allein aus dem Fenster schaut, kaum noch Freunde und keine Kinder hat? Vermutlich zumindest kaum an einen Siebenjährigen auf einem vollen Schulhof, einen jungen Vater, der seine Tochter zur Kita bringt, oder eine 19-Jährige in einem Hörsaal voller Gleichaltriger. Scham, Vorurteile, Unverständnis – aus welchen Gründen auch immer Einsamkeit bei jungen Menschen in der öffentlichen Debatte kaum eine Rolle spielt: Dramatische Zahlen zeigen, wie sehr diese „Volkskrankheit“ um sich greift. Aber warum? Und was können wir tun? Drei Frauen erzählen.

Ihr 20. Lebensjahr war gleichzeitig auch das einsamste in ihrem bisherigen Leben, berichtet Anna Dillschneider. „Ich kam für mein Studium aus einem kleinen saarländischen Dorf nach Hamburg“, berichtet sie im Gespräch mit der MOPO. „Ich hatte hier weder Verwandte noch Freunde. Kontakte zu knüpfen fiel mir schwer. Es war eine harte Zeit.“

Depressionen, Schlafstörungen: Verheerende Folgen

Einer umfassenden Studie der „Bertelsmann Stiftung“ aus dem Jahr 2024 zufolge fühlten sich 51 Prozent der 18- bis 35-Jährigen moderat einsam, zwölf Prozent davon stark. Am härtesten sei die Einsamkeit zwischen 19 und 22 Jahren, eine Zeit großer Umbrüche. „Viele ziehen in neue Städte und haben Schwierigkeiten, Anschluss zu finden“, erklärt Anna Dillschneider.

Das Problem hat deutlich zugenommen: 2017 lag die Einsamkeit unter jungen Menschen noch bei 8,6 Prozent. Ein Grund sei die Corona-Pandemie, erklärt Prof. Dr. Sonia Lippke, Leiterin des Gesundheitsmanagements für Studenten und Mitarbeiter an der HAW Hamburg. „Junge Menschen konnten einige soziale Kompetenzen durch die Pandemie nicht ausreichend entwickeln“, so Lippke. „Wir erleben unter den Studierenden häufiger soziale Angststörungen. Einsamkeit steht auch im Zusammenhang mit weiteren Erkrankungen, zum Beispiel Depressionen.“

So weit sei es bei ihr glücklicherweise nicht gegangen, berichtet Anna Dillschneider. Sie kennt aber Betroffene, die unter depressiven Phasen und Schlafstörungen leiden. „Ich habe nach einem Dreivierteljahr in Hamburg meinen Weg aus der Einsamkeit gefunden“, sagt sie. „Meine Universität tut viel für das Gemeinschaftsgefühl, und ich habe meinen eigenen Studentenclub gegründet. Wer sich keinem Club anschließt, hat es aber deutlich schwerer.“

Immer weniger junge Menschen zeigen wie Dillschneider den Mut, auf andere zuzugehen, berichtet Sonia Lippke. „Social Media fördern extreme Meinungen. Vielen fällt es zunehmend schwerer, andere Einstellungen und Konflikte auszuhalten und Vorurteile abzulegen. Die Empathiefähigkeit geht zurück.“ Wie problematisch die sozialen Medien im Hinblick auf Einsamkeit sein können, machte Lippke auch an einem Aktionstag der Partei Volt zu dem Thema deutlich – übereinstimmend mit anderen Experten. „Einsamkeit ist keine private Angelegenheit – sie ist ein gesellschaftliches und demokratisches Problem. Wer sich dauerhaft ausgeschlossen fühlt, verliert Vertrauen in Gemeinschaft und Politik“, so Philipp Fontaine, stellvertretender Landesvorsitzender der Partei und Mitinitiator des Aktionstages.

Eine versteckte Gefahr für die Demokratie

Dann beginnt ein Teufelskreis, so Richterin Kathrin Sachse, die in ihrer Freizeit dem Verein „Zeit für Zukunft“ vorsteht. Dort bekommen Kinder und Jugendliche mit Problemen Unterstützung von Mentoren. „Viele Jugendliche aus unserem Programm sind völlig unreguliert im Internet unterwegs. Parteien wie die AfD wissen genau, wie sie Jugendliche mit dem Versprechen von Zugehörigkeit locken können.“

Besonders Kinder und Jugendliche mit Migrationsgeschichte machen diese Erfahrung. „Sie erleben viel Ausgrenzung und entfernen sich gleichzeitig kulturell immer weiter von ihren Herkunftsfamilien. Die Nachfrage nach unserem Programm ist groß: Aktuell haben wir 183 Kinder und Jugendliche, bis zu 100 stehen auf der Warteliste“, so Kathrin Sachse.

Das könnte Sie auch interessieren: Herrscher über Supermarkt-Imperium: „Gastarbeiter“ verrät Geheimnis seines Erfolgs

Anna Dillschneider ist heute noch manchmal einsam. „Das kommt in Wellen. Ich bin mit vielen gebürtigen Hamburgern befreundet und es ist hart, dass sie hier so viele Verwandte und Freunde haben und ich nicht.“ Ihre Universität sei aber eine große Unterstützung – da könnten sich andere Hochschulen noch eine Scheibe abschneiden, sagt Prof. Dr. Sonia Lippke. „Universitäten können Räume schaffen und nachhelfen“, erklärt sie. „Zudem sollten sie junge Menschen auf digitalen Plattformen abholen.“ Von Einsamkeit Betroffenen rät sie: „Melden Sie sich bei Menschen, zu denen der Kontakt eingeschlafen ist, und lassen Sie Verbindungen wieder aufleben – gerade zum Jahreswechsel.“