Immer mehr machen dicht: Warum sie trotzdem einen neuen Laden in Hamburg eröffnet

Christine Haack glaubt an ihr Konzept – trotz äußerer Widrigkeiten.
Christine Haack glaubt an ihr Konzept – trotz äußerer Widrigkeiten.

150 Läden müssen allein in Hamburg 2024 schätzungsweise dichtmachen. Schlechte wirtschaftliche Lage, ein wachsender Onlinehandel und gestiegene Kosten: Es sieht eigentlich nicht gut aus im Einzelhandel. Trotzdem gibt es auch immer wieder Leute, die in dieser Situation ein neues Geschäft eröffnen. Christine Haack zum Beispiel – und sie glaubt fest an ihr Konzept.

Das kleine Geschäft in Ottensen ist unscheinbar, etwas verborgen durch die Autos auf dem Parkplatz davor und vielleicht auch nicht unbedingt das, was man auf dieser Ecke erwarten würde. Mit einem Hundefriseur zu seiner Linken und einem italienischen Restaurant zu seiner Rechten steht es hier an der Friedensallee auf Höhe des Bahrenfelder S-Bahnhofs relativ allein da als Laden, der zwar Hübsches, aber nicht unbedingt Notwendiges verkauft. Ein paar Kioske gibt es noch und ein Ärztehaus, das war’s dann auch schon.

Expertin: So kann Einzelhandel heute noch funktionieren

Christine Haack (51), Inhaberin von „Løppis“, ist trotzdem zufrieden. „Ich denke, dass es ein Wink des Schicksals war“, sagt sie lächelnd. Sie sitzt in dem Laden mit den farbenfrohen Wänden an einem alten Holztisch mit Glasapplikationen. „Die Miete stimmt, ich kenne die Ecke, seit ich klein war, der Laden sieht genauso aus, wie ich es mir gewünscht habe – und ich habe mir sehr lange einen eigenen Laden gewünscht.“

Christine Maack (51) vor ihrem brandneuen Laden „Løppis“.
Christine Maack (51) vor ihrem brandneuen Laden „Løppis“.

Menschen, die ein eigenes Geschäft oder vielleicht auch ein Café oder eine Bar wollen, gibt es viele – trotzdem eröffnet kaum noch einer eins. Im Gegenteil: Immer mehr Läden in Hamburg machen dicht, der Handelsverband Nord rechnet mit 150 im Jahr 2024. Die Gründe? „Wegen der schlechten wirtschaftlichen Lage sind Kunden zurückhaltender geworden“, sagt Brigitte Nolte vom Handelsverband in Hamburg. „Außerdem ist der wachsende Online-Handel nach wie vor ein großes Problem.“

Christine Haack glaubt dennoch unerschütterlich an ihr Geschäftsmodell. Ihr „Løppis“, schwedisch für Flohmarkt, hat am 2. November eröffnet. „Altes, Neues und viel Liebe“ soll es hier geben. „Es wird Deko, Geschenke für Männer und Frauen und Einrichtungsgegenstände geben und außerdem einmal im Monat eine Vernissage“, so die 51-Jährige, die ihren Job als Personalerin an den Nagel gehängt hat. „Eben so ein richtiges Paradies zum Schnökern.“

Retro: Dieser Blechfrosch für 6,50 Euro hüpft durch die Gegend, wenn man ihn aufzieht.
Retro: Dieser Blechfrosch für 6,50 Euro hüpft durch die Gegend, wenn man ihn aufzieht.

Laut Nolte liegt Haack mit ihrem Konzept goldrichtig. „Geschäfte brauchen keine großen Flächen mehr, sondern ein gut kuratiertes und präsentiertes Angebot. Sie müssen zum Stöbern und Verweilen einladen.“ Die Anbieter müssen in ein individuelles Sortiment, guten Service und digitale Angebote investieren, denn die Verbraucherstimmung sei aktuell nicht gut und die Umsätze gingen zurück, so Nolte.

Darum kann Einzelhandel noch Spaß machen

Warum sich Haack von der schlechten Lage im Einzelhandel nicht einschüchtern lässt? „Ein bisschen Angst gehört immer dazu, wenn man etwas Neues macht“, gibt sie zu. „Aber mein Businessplan wurde von vielen Seiten geprüft, und ich tue vieles, um die Kosten erst mal niedrig zu halten – zum Beispiel leiste ich mir zunächst keine Angestellten.“

Ihren Businessplan hat die ehemalige Personalerin gemeinsam mit der Unternehmenswerkstatt der Handelskammer erarbeitet. Laut deren Pressesprecher Peter Feder biete sie „regionales Know-How, kostenfreie Webinare, Workshops, Leitfäden und Checklisten“ für Gründer. Etwa 750 Personen hätten das 2024 in Anspruch genommen (Stand Ende Oktober). Feder zufolge brauche es für eine erfolgreiche Gründung „eine ausreichende Vorbereitung und einen ausgeklügelten Finanzplan, sonst bringt auch eine noch so gute Idee keinen wirtschaftlichen Erfolg. Nach der Gründung ist eine regelmäßige Erfolgskontrolle der Planung (Ist vs. Soll) nötig“.

Und er glaubt, genau wie Nolte, dass die schlechte wirtschaftliche Lage und die vielen Schließungen nicht abschreckend wirken müssen. „Im Jahr 2023 gab es laut Gründungsbarometer der Handelskammer mehr als 19.000 Gewerbeanmeldungen – im Fünfjahresvergleich ein Höchststand, der zeigt, dass Gründen auch in einem konjunkturell schwierigen Umfeld eine attraktive Möglichkeit darstellt – gemäß dem Sprichwort: In jeder Krise steckt auch eine Chance.“

Mieten für Einzelhandelsflächen gehen zurück

Nolte zur MOPO: „Wachstumsmetropolen mit hohem Einzugsgebiet wie Hamburg funktionieren noch besser als andere Großstädte. Wir haben in vielen Lagen, nicht nur in der Innenstadt, eine hohe Frequenz. Insofern werden hier interessante Konzepte immer auch eine gute Chance haben.“ Gerade gingen auch die Mieten für Einzelhandelsflächen zurück, weshalb Gründen gerade gar keine schlechte Idee sei.

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Christine Haack genießt derweil die Erfüllung ihres ganz persönlichen Traums – und weiß jetzt schon, dass sie die nicht bereuen wird: „Egal, wie es ausgeht. Was ich später bereuen würde, wäre, es nicht gemacht zu haben“.

150 Läden müssen allein in Hamburg 2024 schätzungsweise dichtmachen. Schlechte wirtschaftliche Lage, ein wachsender Onlinehandel und gestiegene Kosten: Es sieht eigentlich nicht gut aus im Einzelhandel. Trotzdem gibt es auch immer wieder Leute, die in dieser Situation ein neues Geschäft eröffnen. Christine Haack zum Beispiel – und sie glaubt fest an ihr Konzept.