Immer mehr Familien und Rentner suchen Schutz in Hamburger Notunterkunft

Ragip Jaha (59) lebt seit März 2024 in einem Einzelzimmer im „Haus Jona“.
Ragip Jaha (59) lebt seit März 2024 in einem Einzelzimmer im „Haus Jona“.

Heute ist ein besonderer Tag. Ehemalige Bewohner, Gäste und Behördenvertreter sind in das moderne Rotklinker-Gebäude an der Repsoldstraße (St. Georg) gekommen. Hinter der blauen Eingangstür wird Fingerfood gereicht. Dazu verschiedene Säfte aus Sektgläsern. Alkohol ist strikt verboten im „Haus Jona“. Es ist ein Ort größter Not. Und zugleich größter Hoffnung. Zum 80. Geburtstag besuchte die MOPO die Notunterkunft – in der immer mehr Senioren und Familien Schutz suchen. Wie Peter, dessen Rente einfach nicht reichte, und Najah, die mit ihrer Tochter im Familienzimmer wohnt.

Vorsichtig nimmt Peter Weisser seine blaue Kaffeetasse vom Tisch. Seine Hand zittert. Parkinson. Daran leidet der 69-jährige Rentner seit ein paar Jahren. „Laufen geht zwar noch, aber nicht mit Gewicht.“ Heute muss er Sprudelwasser kaufen. Deshalb hat er seinen Rollator dabei. 35 Jahre lang arbeitete Peter Weisser als Fernmeldeelektroniker. Dann wurde er arbeitslos. Mit Gelegenheitsjobs hielt er sich noch Jahre über Wasser. Irgendwie. Er half auf Baustellen aus, sammelte Flaschen. Doch auch das war irgendwann nicht mehr möglich. Nach einer Herzklappenentzündung wurde ihm eine künstliche Herzklappe eingesetzt. Peter beantragte Rente.

„Für eine Wohnung und zum Leben langt das nicht“

„960 Euro, von denen auch noch die Krankenversicherung abging. Für eine Wohnung und zum Leben langt das nicht“, sagt der Mann. Er spricht leise, macht zwischendurch lange Pausen. Zu der Zeit lebte er bei seiner Freundin. Doch als sie sich entschied, zu ihrer Tochter nach Hannover zu ziehen, konnte er ihre Wohnung nicht übernehmen. Zu teuer. „Ich fand einfach keine neue Wohnung und hatte keine Wahl. Straße oder Notunterkunft.“ Peter beantragte Grundsicherung und zog in das „Haus Jona“. Kein leichter Schritt. Leben in einer Notunterkunft. „Aber man hat sich dann einfach damit abgefunden.“ Der Mann mit dem Cap auf grauem Haar blickt auf seine Hände. Auch wenn es schwer war: Er ist dankbar, dass es einen Ort wie das „Haus Jona“ gibt.

Rentner Peter Weisser (69) im Flur der Notunterkunft.
Rentner Peter Weisser (69) im Flur der Notunterkunft.

Seit mittlerweile 80 Jahren bietet die Notunterkunft Schutz. Gegründet als „Bahnhofsheim“ kurz nach dem Zweiten Weltkrieg bot das Haus in St. Georg zunächst ausgebombten Frauen und Kindern, Kriegsheimkehrenden und Geflüchteten Hilfe. Nach mehreren Umzügen befindet sich die Unterkunft seit 2004 im Wichernhof, dem Zentrum des Trägers „Hoffnungsorte Hamburg“ im Münzviertel. In langen Fluren reihen sich die 16 Zimmer mit 31 Schlafplätzen aneinander. Große Fenster, PVC-Böden, helle Holzmöbel. Unten wohnen die Frauen, oben die Männer – jeweils mit eigener Gemeinschaftsküche. Bis zum vergangenen Jahr mussten die Bewohner das Gebäude tagsüber verlassen – egal, ob Familien mit Kindern oder Senioren mit gesundheitlichen Problemen. Durch einen Rahmenvertrag mit der Sozialbehörde ist das „Haus Jona“ mittlerweile rund um die Uhr geöffnet.

„Die angespannte Wohnungssituation in Hamburg spüren wir täglich“

Peter lebte mehr als ein Jahr lang in der Notunterkunft. Heute hat er ein neues Zuhause gefunden. In einer Seniorenwohnanlage in Billstedt. Anderthalb Zimmer, knapp 46 Quadratmeter für 648 Euro inklusive Nebenkosten. Mit Grundsicherung bleiben ihm knapp 400 Euro zum Leben. „Da sind keine großen Sprünge drin.“ Und doch fühlt sich Peter Weisser wohl. Ob er glücklich sei? Der Mann lächelt schwach und macht eine lange Pause. „Zufrieden, würde ich sagen. Zum Glück fehlt mir Gesundheit.“

Dass Peter wieder in seinen eigenen vier Wänden lebt, macht Mirela Barth (36) glücklich. Jährlich finden die Unterkunfts-Leiterin und ihr Team für bis zu 30 Menschen eine neue Wohnung. Dabei haben sie mit immer größeren Herausforderungen zu kämpfen. „Die angespannte Wohnungssituation in Hamburg spüren wir täglich“, betont Barth, „denn nicht nur der Wohnungsmarkt, auch das Hilfesystem ist stark überlastet.“ Anders als früher bleiben die Menschen nicht nur ein paar Tage, sondern manchmal Monate. Und auch die Zielgruppe hat sich verändert. „Immer mehr Senioren und Familien suchen unsere Hilfe.“

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Wie Najah A. (60) und ihre Tochter (24). Vor zwei Wochen sind sie in das Familienzimmer gezogen. 2016 flüchteten sie aus Syrien nach Deutschland. In ihrer Heimat war Najah Hebamme, hatte eine eigene Praxis mit sechs Angestellten. Ein eigenes Haus. „Doch im Krieg wurde alles zerstört“, sagt ihre Tochter Lubna und presst die Lippen aufeinander. Zuletzt lebten die Mutter, die an schwerem Diabetes und Gichtanfällen leidet, und ihre Tochter in einer Wohnung in Harburg. Das Jobcenter bezahlte die Miete. „Doch auf einmal bekamen wir die Nachricht, dass die Wohnung zu teuer ist.“ Das Jobcenter soll mitgeteilt haben, dass ein Fehler unterlaufen sei. „Die Miete war zu hoch, weil meine Tochter unter 25 Jahre alt ist. Das hatten sie wohl übersehen.“ Najah A. und ihre Tochter versuchten, eine andere Wohnung zu finden. „Aber wir haben einfach nichts bekommen. Auf einmal hatten wir gar nichts mehr. Wir waren sehr verzweifelt, wussten nicht, wie es weitergehen soll, und haben viel geweint“, sagt Najah A. Im „Haus Jona“ haben sie Ruhe gefunden. „Jetzt fühlt es sich nicht mehr so schlimm an“, sagt die Tochter und blickt ihre Mutter lächelnd an. Sie haben wieder Hoffnung.

„Nach der Trennung blieb meine Frau mit den Kindern in der Wohnung“

Auch Ragip Jaha (59) glaubt fest daran, dass er bald wieder eine Wohnung hat. Seit März 2024 lebt er in einem Einzelzimmer im „Haus Jona“. Ein Bett. Ein Schrank. Tisch und Stuhl. Das reicht ihm. Nachdem sich der 59-Jährige und seine Frau getrennt hatten, blieb sie mit den beiden jüngeren der vier Kinder in der Wohnung. Ragip Jaha zog aus, obwohl er keine andere Wohnung gefunden hatte. Auch einen Job hat er seit Jahren nicht mehr. Nachdem er 1989 aus dem Kosovo nach Hamburg gekommen war, arbeitete er viele Jahre als Reinigungskraft. „Doch ich bekam eine Lungenkrankheit und Schuppenflechte“, sagt Ragip Jaha. Der 59-Jährige hofft, wieder gesund zu werden und arbeiten zu können. „Dann wird das auch mit der Wohnung klappen.“ Bis dahin ist er zufrieden in seinem kleinen Zimmer. Da hat er Ruhe. Und Wärme.

Heute ist ein besonderer Tag. Ehemalige Bewohner, Gäste und Behördenvertreter sind in das moderne Rotklinker-Gebäude an der Repsoldstraße (St. Georg) gekommen. Hinter der blauen Eingangstür wird Fingerfood gereicht. Dazu verschiedene Säfte aus Sektgläsern. Alkohol ist strikt verboten im „Haus Jona“. Es ist ein Ort größter Not. Und zugleich größter Hoffnung. Zum 80. Geburtstag besuchte die MOPO die Notunterkunft – in der immer mehr Senioren und Familien Schutz suchen. Wie Peter, dessen Rente einfach nicht reichte, und Najah, die mit ihrer Tochter im Familienzimmer wohnt.