Hamburg

Im Workshop mit der queeren Mutter – über Tränen, Glitzer und das Anders sein 

Didine gestikuliert vor unscharfem Grün im Freien.
Didine van der Platenvlotbrug, ist auch als „die queere Mutter“ bekannt.

„Glitzer, Empathie, Wut, Drag“ all das können queere Superkräfte sein, lernt unsere MOPO-Reporterin in einem Workshop. Am Ende fließen sogar Tränen.

Didine van der Platenvlotbrug liegt neunmal auf einem Holztisch und schaut mich in Papierform an. Die echte Didine hat ihre Visitenkärtchen mit Porträts vor sich ausgekippt. „Such dir eine Didine aus“, sagt sie und lacht.

Ich begutachte die Optionen. Didine mit platinblondem Bob und pinken Boxhandschuhen, Didine mit Federboa, Didine im Glitzerkleid. Ich entscheide mich für Didine mit Glatze, Sonnenbrille und strengem Blick. „Ich fand die Idee großartig“, sagt sie über diese besondere Art der Visitenkarte. Den ungewöhnlichen Namen hat ein kleines holländisches Mädchen erfunden, das mit dem bürgerlichen Namen so lange herumspielte, bis  am Ende Didine van der Platenvlotbrug herauskam.

Es ist Montagabend, in rund 45 Minuten wird sie auf die kleine Bühne im Veranstaltungssaal des Pride Houses in St. Georg steigen. „Entdecke deine queere Superpower“ heißt ihr Workshop. „Es muss jetzt das 25. Mal sein, dass ich ihn gebe“, überlegt Didine (57). Eigentlich ist sie nicht aufgeregt, heute schon.

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Vor nicht einmal zwei Tagen hat Abdul B. einen Wagen in eine Menschenmenge in Berlin unweit des CSD-Geländes gefahren. Eine Frau ist tot, mehrere verletzt. Didine möchte den Vorfall ansprechen. „Es würde sich komisch anfühlen, das nicht zu erwähnen“, sagt sie.

Didine: „Mit sechs Jahren war ich schon als falsch markiert“

Als die Nachricht über den Anschlag sie ereilte, war sie auf einer Gala im Curio-Haus in Rotherbaum: „Mein Sitznachbar hat mir stumm das Handy hingehalten“, erinnert sie sich. Langsam habe sich die Nachricht im Saal verbreitet. „Einige sind vor die Tür gegangen und weinend zusammengebrochen“, erzählt sie ernst. „Diese Tat ist fürchterlich verstörend. Ich weiß nicht, ob ich auf dem CSD so bunt tanzen werde wie letztes Jahr, aber ich werde da sein.“

Didine ist in der queeren Szene Hamburgs als „The Queer Mum“ (deutsch: die queere Mutter) bekannt. Sie ist nonbinär, benutzt weibliche Pronomen. Schon als Kind habe sie gewusst, dass sie anders sei, ein Gefühl, das viele Leute der Szene teilen.

Mehrere Polaroid-ähnliche Porträtfotos liegen auf einem Holztisch.
Die verschiedenen Visitenkarten von Didine van der Platenvlotbrug.

„Mit sechs Jahren war ich schon als falsch markiert“, sagt sie. Ihre damalige Lehrerin habe im Zeugnis vermerkt, dass sie zu wenig mit Jungen spiele, zu viele Mädchensachen mache. Aus der Familie sei nicht viel Unterstützung gekommen. „Ich habe früh gemerkt, dass ich meinen Eltern nicht alles erzählen kann.“ Heute gibt sie Workshops, hat einen Radiosender, hält Vorlesungen, versucht, für junge Menschen ein Vorbild zu sein.

Langsam füllt sich der Veranstaltungssaal im Erdgeschoss, ein Stuhlkreis bildet sich. Didine sitzt auf den Stufen zur Bühne, heißt ihre Gäste – rund 30 Menschen jeden Alters – willkommen. „Wir sind gerade in einer verrückten Situation“, startet sie und spricht über Berlin. Ihr Workshop soll Kraft geben, die Menschen bestärken.

Was die Workshopteilnehmenden als ihre Superkräfte sehen

Didine fordert die Leute auf, zu überlegen, was eine queere Superkraft sein kann. Die ersten Antworten: „Empathie, Respekt, Tanz, Wut, Fashion, Glitzer, Drag“.  Freiwillige schreiben die Worte auf große Papiere.

Dann werden die Zettel auf dem Boden ausgebreitet, die Anwesenden sollen ihre Gedanken dazuschreiben. An einem Tisch steht Sebastian. „Ich habe die Ankündigung auf der Seite von Hamburg Pride gesehen und dachte, das könnte meinem Freund gefallen“, erzählt er und schaut lächelnd zu seinem Partner, der sich gerade angeregt unterhält.

Als Nächstes sollen die Teilnehmenden in Gruppen über die Wörter auf den Plakaten sprechen und eine Art Slogan erarbeiten. Ich geselle mich zu Mo (53), Annette (65) und Miriam (55). Vor ihnen liegt das Wort „Dankbarkeit“.

Didine sitzt lächelnd am vorderen Rand der Bühne.
Didine während ihres Workshops im Pride House.

„Die kleinen Momente der Dankbarkeit helfen mir seelisch“, sagt Annette. Dankbarkeit für die Menschen, die früher für queere Rechte gekämpft haben, Dankbarkeit für Freundschaften. „Ich bin wahnsinnig dankbar, dass ich mein Leben heute so führen kann“, ergänzt Mo. „Früher dachte ich nicht, dass das möglich ist.“

Teilnehmende Person bricht in Tränen aus

Zum Abschluss stellt jede Gruppe unter Applaus ihre Arbeit vor. Die Stimmung ist locker, Fremde lachen zusammen. „Ich bin sehr dankbar für den Workshop“, sagt eine Person am Ende. „Ich bin vor 15 Jahren von den Philippinen nach Hamburg gekommen und habe hier meine chosen (deutsch: ausgesuchte) Familie gefunden. Drag hat mir das Leben gerettet“, sagt sie unter Tränen. Didine legt sich die Hand aufs Herz.

„Ich will mich nicht mehr verstecken“, sagt ein anderer Teilnehmer. „Ich habe keine Lust mehr auf die Idioten, die versuchen, uns unsere Räume wegzunehmen.“ Viele erzählen, dass sie sich im Alltag einsam fühlen. „Ich bin noch nicht so gut vernetzt“, sagt jemand. „Eigentlich bin ich introvertiert, aber hier habe ich viel geredet“, ein anderer.

Didine ist zufrieden mit ihrem Workshop. „Es ist spannend, weil die Methodik so simpel ist“, sagt sie. „Es ist schön zu sehen, was es mit den Menschen macht.“

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