Im autonomen Shuttle: Fahrerlos über den Kiez – einmal wird‘s brenzlig
Die Zukunft des öffentlichen Nahverkehrs liegt in autonomen Minibussen. Sagen Experten. Wie sich eine Tour ohne Fahrer durch St. Pauli anfühlt, hat unser Kollege Markus Lorenz selbst erlebt.
Nervös? Eigentlich nicht. Ich vertraue auf das, was mir Christian Senger mit auf den Weg gibt: „Autonomes Fahren ist sicher. Ein Mensch hat eine Reaktionszeit von ungefähr einer Sekunde, das unterbieten wir deutlich.“ Senger sollte es wissen, er ist bei Volkswagen für Autonomes Fahren verantwortlich. Heute hat er Journalisten eingeladen, sich im Roboter-Shuttle der VW-Tochter Moia durch St. Pauli kutschieren zu lassen.
Anlass der Demofahrt ist die feierliche Vorstellung der ersten „schlüsselfertigen Komplettlösung für vollautonome Fahrdienste“ von Volkswagen am Dienstagabend in Hamburg am Rande des ÖPNV-Weltkongresses. Das Neue daran: VW baut nicht nur das Fahrzeug, die Wolfsburger liefern auch die Systeme für Software, die Messtechnik, die Künstliche Intelligenz (KI) sowie die Plattform für den Einsatz einer Flotte solcher Sammeltaxis.
2026 soll der autonome Shuttle die Zulassung erhalten
Das Komplettpaket soll es Verkehrsunternehmen bundesweit ermöglichen, die selbstfahrenden Shuttle ohne Weiteres im öffentlichen Nahverkehr einzusetzen. Die Vision: Minibusse ohne Fahrer können jederzeit und überall Fahrgäste aufnehmen und so vor allem in dünn besiedelten Gebieten und in Zeiten mit geringer Nachfrage Löcher im ÖPNV-Angebot stopfen. Die Zulassung für den Straßenverkehr in Europa und den USA will VW bis Ende 2026 in der Tasche haben.
Start der Demonstrationstour an den Messehallen. Per App zitieren wir einen schwarz-gelb lackierten Moia herbei. Nahezu lautlos gleitet der elektrisch angetriebene VW ID.Buzz AD heran, eine sehr moderne Version des gut alten VW-Busses. Dieser autonome Bulli des Jahres 2025 steckt voller Sensoren, Kameras, Laser-Lidare und Radare, um sich selbstständig im Verkehr zu orientieren. Sogar „hören“ könne der Autonome, erklärt Moia-Chef Sascha Meyer, der mit einsteigt. „Das Fahrzeug erkennt auch Martinshörner.“
Das Smartphone öffnet die Schiebetür, im hinteren Bereich ist Platz für vier Fahrgäste mit Gepäck. Auch wenn wir fahrerlos unterwegs sind: Hinter dem Steuer sitzt Axel. Denn noch muss ein „Fahrer“ dabei sein, um in Notfällen eingreifen zu können. Axel wird allerdings in den folgenden knapp 30 Minuten weder bremsen noch lenken – mit einer Ausnahme. Dank der App kennt unser Robo-Moia das Fahrtziel bereits. In diesem Fall geht es auf Rundtour zum Elbufer und dann durch St. Pauli zurück zum Ausgangspunkt.
Fahrzeug umkurvt Hindernisse und lässt Radfahrer durch
Selbstständig setzt der E-Minibus den Blinker links und schnurrt los. Allerdings erst, nachdem das System geprüft hat, dass alle Insassen angeschnallt und die Türen geschlossen sind. Was folgt, ist faszinierend – denn wir erleben eine nahezu völlig normale Autofahrt: Den haltenden Lkw auf der rechten Fahrspur erkennen die Kameras und Radare problemlos. Der Shuttle stoppt, wartet ab, bis links frei ist, umkurvt dann das Hindernis. Axel hält Hände und Füße still. Bei jedem Abbiegen lässt der KI-gelenkte Wagen geduldig Fußgänger und Radfahrer passieren.
Wir queren die Reeperbahn, es geht die Helgoländer Allee hinab in Richtung Landungsbrücken. 50 km/h sind erlaubt, die Fahrbahn ist frei – und doch bremst der Shuttle mehrfach leicht ab, steuert etwas nach links. Warum tut er das? „Weil die parkenden Lkw rechts sehr nah an der Straße stehen“, erklärt Sascha Meyer. Erfahrene Autofahrer hätten hier das Tempo wohl nicht gedrosselt. Doch der Computer ist auf Vorsicht gepolt. Irgendwie beruhigend.
Ist sonst irgendetwas anders als bei menschlichen Chauffeuren? Nicht wirklich. Ein bisschen abrupter erscheint der Bremsvorgang, ein bisschen kerniger das Anfahren. Und wenn das KI-Sammeltaxi Rotlicht rechtzeitig im Voraus erkennt, lassen die Algorithmen es butterweich vor der Ampel zum Stehen kommen.
Rechts ab zurück auf die Reeperbahn. Das Kreuzen des Fahrradweges ist kein Problem – und doch kommt es auf der sündigen Meile kurz danach zu einem brenzligen Moment. In Höhe Spielbudenplatz zieht von rechts ein Linienbus auf unsere Fahrbahn, ziemlich frech und ziemlich kurzfristig. Doch die elektronischen Sicherungssysteme tun ihren Dienst, der Moia geht entschlossen in die Eisen und lässt den Drängler vor. Hatte Axel Angst, dass es knallt? „Nein“, entgegnet er völlig gelassen. „Aber ich war bremsbereit.“
Einmal muss der Sicherheitsfahrer ran
Kurz vor Ende der Tour muss der Sicherheitsfahrer dann aber doch ran. Im Schanzenviertel blockiert ein Pkw mit eingeschalteter Warnblinkanlage unsere Spur. Der Markierung links ist teils durchgezogen, teils gestrichelt. Ob die Gegenfahrbahn frei ist, können weder Mensch noch Technik erkennen. Verzwickt.
Der Roboter-Moia lenkt langsam nach links, tastet sich vor – doch da naht von vorn ein Fahrzeug. Beide Wagen stoppen, stehen sich Schnauze an Schnauze gegenüber. Wirklich heikel hat sich das zwar nicht angefühlt, aber es zeigt sich: Der selbstfahrende Shuttle kommt aus dieser verfahrenen Situation nicht ohne Hilfe heraus. In solchen Fällen, erklärt Moia-Chef Meyer, gehe eine Meldung an die Leitstelle. Dort beurteile ein Operator aus Fleisch und Blut die Lage anhand der übermittelten Daten und mache einen Lösungsvorschlag.
Autonomes Shuttle meistert Reeperbahn-Probefahrt
Diesmal muss Axel den Knoten lösen. Er schaltet auf manuellen Betrieb und setzt das Fahrzeug zurück, um den entgegenkommenden Wagen vorbeizulassen und passiert danach sicher das Hindernis. Kurz darauf liefert uns das futuristische Gefährt unfallfrei an der Messe ab.
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Das Fazit? Wer nicht weiß, dass er in einem KI-gesteuerten Fahrzeug sitzt, hätte es zumindest bei dieser Fahrt kaum bemerkt. Der Robo-Shuttle von Moia kann erstaunlich viel, wenn auch noch nicht alles. Doch er lernt mit jedem Kilometer dazu, versichern seine Erschaffer, und wird immer besser. Kein Grund, nervös zu sein.