Ihr Mann hatte einen Schlaganfall: Frau sorgt mit revolutionärer Idee für Aufsehen

Barbara Wentzel mit ihrem Mann Henrik
Barbara Wentzel hat die WG 2020 ins Leben gerufen, weil sie ihren Mann Henrik nach dessen Schlaganfall nicht in ein Altersheim geben wollte.

Eine leidenschaftliche Kite-Surferin, ein Manager, eine Grafikerin … Klingt nicht so, als hätten die WG-Genossen viel gemeinsam und tatsächlich hätten ihre Wege sich vermutlich nie gekreuzt, wenn sie nicht alle ein ähnliches Schicksal getroffen hätte: ein Schlaganfall in der ersten Lebenshälfte. Zu jung fürs Altersheim, aber zu pflegebedürftig, um alleine klar zu kommen. Für diese Menschen wurde in Hamburg das „Haus für morgen“ erfunden. Ein Besuch in St. Georg bei einer preisgekrönten Wohngemeinschaft, deren Erfolg sich bis in die Berliner Politik herumgesprochen hat.

Wer durch die Wohnungstür tritt, den empfängt ein heller, freundlicher Flur, der sich in eine riesige Wohnküche öffnet. Gleich gibt es Pizza, das erkennt man schon am Duft. Auf dem Balkon sitzen zwei Bewohner und rauchen (wie in jeder WG gibt es Ärger, wenn Rauch vom Balkon reinzieht), andere trudeln allmählich am großen Tisch ein.

Zwei Pflegerinnen haben den Tisch gedeckt und geben nun Hilfestellung: Alle neun Bewohner der WG sitzen im Rollstuhl, alle haben einen Schlaganfall erlitten, sind aber zu jung für ein Altersheim. Die Jüngste ist Jeanette (46), die mit Hut und verschmitztem Lächeln auf dem Balkon sitzt. Grafikerin war sie. Der Schlaganfall hat ihr Sprachzentrum getroffen, ihr künstlerisches Gespür hingegen blieb ihr erhalten, sie malt farbenfrohe Bilder.

Frau mit Hut im Rollstuhl
Verschmitzter Blick: Jeanette ist mit 46 Jahren die jüngste Bewohnerin.

Das Leben ihrer Mitbewohnerin Tina Masuch hat sich im vergangenen Jahr buchstäblich über Nacht geändert: Als begeisterte Kite-Surferin war sie im Ägypten-Urlaub ins Bett gegangen, erlitt im Schlaf einen Schlaganfall – und konnte nach dem Aufwachen ihre Beine nicht mehr bewegen. 58 Jahre alt war die Mutter erwachsener Zwillinge da, und die Vorstellung, in ein Altersheim zu ziehen, war quälend.

WG für jüngere Schlaganfallpatienten

Die WG für jüngere Schlaganfallpatienten ist nun ihr neues Zuhause geworden: „Ich bin froh, dass ich hier bin“, sagt sie, „auch wenn sich keiner von uns ausgesucht hat, hier einzuziehen.“ Der sportliche Ehrgeiz, der immer Teil ihrer Persönlichkeit war, hilft ihr nun, mit beharrlicher Therapie irgendwann wieder auf die Beine zu kommen. Sogar Kite-Surfen war sie bereits wieder, in Pelzerhaken an der Ostsee, wo es ein spezielles Angebot für Menschen im Rollstuhl gibt: „Das war der Wahnsinn“, strahlt sie: „Ich habe so gejauchzt.“

Tina Masuch im Rollstuhl in der WG Küche
Tina Masuch im Rollstuhl in der WG-Küche: Die begeisterte Kite-Surferin erlitt einen Schlaganfall im Urlaub in Ägypten

„Erfinderin“ des Projektes „Haus für morgen“ ist Barbara Wentzel – die sich nie hätte träumen lassen, einmal eine Pflegeeinrichtung zu erschaffen, die so besonders ist, dass die Deutsche Schlaganfallhilfe sie gleich zwei Mal mit dem Motivationspreis ausgezeichnet hat. Angefangen hat alles vor zehn Jahren mit einem dumpfen Knall: Am 3. April 2013 hatte ein kleiner Blutpropf ein Gefäß im Kopf von Henrik Wentzel verstopft. Der Familienvater stürzte in der Dusche zu Boden. Schlaganfall mit 56 Jahren.

Nach dem Schlaganfall ist nichts mehr wie zuvor

Für Barbara Wentzel und die drei gemeinsamen Kinder, damals zwischen 13 und 19 Jahre alt, war danach nichts mehr wie es war: „Mein Mann war von der Vaterfigur zu einem Behinderten geworden“, sagt Barbara Wentzel. Ein Alphatier sei ihr Mann immer gewesen, Jurist, Vorstand in einem Unternehmen, klug, witzig, unangepasst. Der Fels in der Brandung für Frau und Kinder – und nun kaum wieder zu erkennen, so hilflos und voller Zorn.

Falko Drossmann (SPD) zu Gast in der Schlaganfall-WG
Falko Drossmann (SPD) zu Gast in der Schlaganfall-WG

Wie sollte es weitergehen? Den Familienvater in ein Seniorenheim geben? Mit Mitte 50? „Das konnte ich mir nicht vorstellen“, sagt Barbara Wentzel. Also Pflege zuhause, mit ihr als nebenberuflicher „Chaosverwalterin“ – und einem Mann, der Pfleger und Familie mit seiner Wut zur Verzweiflung trieb.

Der älteste Sohn war es schließlich, der nach sieben Jahren eine Entscheidung erzwang: „Er sagte, wenn du dich nicht von Papi trennst, kann ich nicht studieren gehen.“ Der Vater zog daraufhin mit einem Freund und einem Pfleger in das Ferienhaus der Familie, und im Kopf der Mutter formte sich eine Idee: „Eine WG, in der die Bewohner sich Therapien und Pflege teilen, das wäre es doch.“

2020 wurde die WG in St. Georg gegründet

Zusammen mit Freunden gründete Barbara Wentzel einen Verein, alle möglichen Berufsgruppen waren vertreten, nur von Pflege hatte keiner Ahnung. Aber eines war klar: Das Projekt sollte die Bewohner glücklich machen – und die Angehörigen. Aus der ersten Vision („ein großes Haus im Grünen“) ist 2020 eine Neun-Zimmer-WG im Herzen von St. Georg geworden, unter dem Dach der Heerlein- und Zindler-Stiftung, die dafür mehrere Mini-Wohnungen zu einer 348-Quadratmeter-Fläche zusammenlegte.

Ein kleines Pflegeteam kümmert sich um die neun Bewohner im Alter zwischen 46 und 66 Jahren, Therapien können gebündelt vor Ort stattfinden, das spart Kosten und entlastet die Angehörigen von Fahrdiensten. Eine fest angestellte „Alltagsbetreuerin“ begleitet die Bewohner auf Wunsch zu Behörden, zum Einkaufen oder zu Ärzten – auch das eine Riesenentlastung für die Familien.

HAMBURG-MITTE Geneviève WoodAktualisiert: 04.10.2023, 03:54 | Lesedauer: 12 Minuten Geneviève Wood Tina Masuch erlitt mit 58 Jahren einen Schlaganfall. Sie lebt nun in der WG für junge Schlaganfallpatienten „Haus für morgen“ in Hamburg-St. Georg. Tina Masuch erlitt mit 58 Jahren einen Schlaganfall. Sie lebt nun in der WG für junge Schlaganfallpatienten „Haus für morgen“ in Hamburg-St. Georg. Foto: Sabine Braun / sabinebraun.de In der preisgekrönten Wohngemeinschaft leben neun Patienten, doch die Nachfrage ist höher. Jetzt plant der Verein neue Standorte. Hamburg. Das Leben änderte sich für Tina Masuch im Schlaf. Als sportlich-aktive Hobby-Kitesurferin ist sie ins Bett gegangen, als Schwerbehinderte wachte sie auf. Denn: Während der Nacht erlitt sie einen Schlaganfall. Mit ihren 59 Jahren fühlt sie sich zu jung, um in einem Seniorenheim gepflegt zu werden. In Hamburg-St. Georg hat sie in einer ganz besonderen Wohngemeinschaft ein Zuhause gefunden. Ihr neues Leben mit Schlaganfall begann im Mai vergangenen Jahres: Tina Masuch war mit ihrem damaligen Freund im Ägypten-Urlaub zum Kiten. Als sie nachts auf Toilette musste, konnte sie nicht aufstehen. Es ging einfach nicht. „Ich habe es zwei- bis dreimal probiert, aber es klappte nicht.“ Schlaganfall-WG in St. Georg: Hamburger Einrichtung gibt Patienten ein Zuhause Sie legte sich wieder hin und probierte, ihren rechten Finger zur Nase zu bewegen, das klappte. Rechtes Bein anheben, das klappte auch. Linker Finger zur Nase funktionierte nicht, linkes Bein anheben ebenso wenig. Sprechen ging, das geht bis heute. „Ich fragte meinen Freund, ob er den Notarzt rufen könne, weil ich einen Schlaganfall hatte.“ Tina Masuch erzählt das völlig unaufgeregt, so als sei das ganz normal, nachts mit einem Schlaganfall aufzuwachen. Keine Viertelstunde später war der Arzt da. Es folgten eine Woche Intensivstation und zwei Wochen Normalstation in Ägypten, Liegendtransport zurück nach Deutschland und weitere zwei Wochen im Universitätsklinikum Schleswig-Holsten in Lübeck und anschließend Reha zu Hause in Bad Segeberg. Schlaganfall mit Ende 50: „Haus für Morgen“ in Hamburg brint neue Hoffnung Ein neues, völlig anderes Leben begann für die Mutter von erwachsenen Zwillingen. Dabei ging es ihr wunderbar bis zu dem Tag im Mai 2022, als sich Ablagerungen in ihrer Halsschlagader, sogenannte Plaques, gelöst und den Schlaganfall verursacht hatten. Tina Masuch war bis dahin scheinbar gesund, arbeitete als Verwaltungsfachangestellte, verdiente gutes Geld und fuhr zum Kitesurfen gern nach Fehmarn und an die mecklenburgische Ostseeküste. Neun Schlaganfallpatienten leben derzeit in der WG „Haus für morgen“ in Hamburg-St. Georg, darunter auch Henrik Wentzel (ganz links). Auf dem Foto in der hinteren Reihe in Rot Barbara Wentzel, die Initiatorin der Wohngemeinschaft. Neun Schlaganfallpatienten leben derzeit in der WG „Haus für morgen“ in Hamburg-St. Georg, darunter auch Henrik Wentzel (ganz links). Auf dem Foto in der hinteren Reihe in Rot Barbara Wentzel, die Initiatorin der Wohngemeinschaft. Foto: Sabine Braun / sabinebraun.de Newsletter von der Chefredaktion Melden Sie sich jetzt zum kostenlosen täglichen Newsletter der Chefredaktion an E-Mail* Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu. Jetzt anmelden Plötzlich war sie ein Pflegefall, konnte nicht mehr laufen. Ihr Sprachzentrum ist von dem Schlaganfall nicht beeinträchtigt, ihre linke Körperhälfte dagegen sehr. Sie sitzt in einem Rollstuhl. „Es kann wirklich jeden treffen. Ich habe Sport getrieben, habe mich vernünftig ernährt, mäßig Alkohol getrunken – und dennoch.“ Mit dem Schicksal scheint sie nicht zu hadern, sie nimmt es an. Doch wie geht das Leben weiter, wenn man in relativ jungen Jahren zum Pflegefall wird? Für Tina Masuch stand fest, dass sie auf keinen Fall in einem Seniorenheim wohnen möchte, zwischen alten Menschen. Bei ihrer Mutter in Bad Segeberg wollte und konnte sie nach dem Schlaganfall auch nicht länger wohnen, nachdem sie ihre eigene Wohnung gekündigt hatte. Allein leben ging ja nicht mehr, und ihr Freund hatte Schluss gemacht. „Er wollte nicht mit einer kranken Frau zusammen sein“, sagt Tina Masuch. Hamburger WG: „Haus für morgen“ ist die erste Wohngemeinschaft für Schlaganfallpatienten Im „Haus für morgen“, Hamburgs erster Wohn-Pflege-Gemeinschaft für jüngere Schlaganfall-Betroffene in St. Georg, fand sie ihr neues Zuhause, gemeinsam mit acht weiteren Bewohnern. Als jüngerer Schlaganfallpatient gilt man bis 55. Tina Masuch wurde dennoch aufgenommen, auch wenn sie ein wenig älter ist. Ergotherapeutin Alesja Klein arbeitet mit Schlaganfallpatientin Tina Masuch. Ergotherapeutin Alesja Klein arbeitet mit Schlaganfallpatientin Tina Masuch.
Ergotherapeutin Alesja Klein arbeitet mit Schlaganfallpatientin Tina Masuch.

Claudia Moll, Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung, zeigt sich begeistert: „Ich war vor Ort und habe mir die Einrichtung angeschaut, denn gerade für jüngere Menschen mit Pflegebedarf sind innovative Wohn- und Pflegekonzepte von großer Bedeutung“, sagt Moll zur MOPO. Gründerin Barbara Wentzel ist stolz auf den größten Erfolg des Projektes: „Durch die intensive Förderung konnten zwei Bewohner bereits wieder ausziehen.“ Die Warteliste für das „Haus für morgen“ ist lang, bis 2027 sollen bundesweit sieben weitere Wohn- und Pflegegemeinschaften für junge Schlaganfallpatienten entstehen, die Förderanträge sind schon eingereicht.

Henrik Wentzel, inzwischen 66 Jahre alt, ist der älteste Bewohner. Zum zweiten Jahrestag der WG-Einweihung hat er die Tischrede gehalten: „Aus dem Miteinander in der WG haben wir Freundschaften entwickelt und – etwas Ähnliches wie einen familiären Zusammenhalt gefunden.“ Jetzt sitzt er mit den anderen in der großen Küche. Die Pizza ist fertig.