Igel-Killer Mähroboter: Kommt jetzt auch in Hamburg ein Nachtfahrverbot?

Mähroboter werden für Igel zur tödloichen Gefahr.
Mähroboter werden für Igel zur tödlichen Gefahr.

Klein, stachelig und in Gefahr: Der Igel ist nicht nur das Tier des Jahres 2024, sondern steht seit Kurzem zum ersten Mal auf der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Arten. Zu schaffen machen ihm die Zerstörung seines Lebensraums und die scharfen Klingen von Mährobotern. Eine Hamburger Wildtierstation rief kürzlich um Hilfe, weil sie immer mehr verletzte Igel versorgt – die Stadt prüft nun ein Nachtfahrverbot für Mähroboter. Anne Berger vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IWZ) in Berlin hat deren Auswirkung auf Igel untersucht und fordert noch einen radikaleren Schritt. Die MOPO hat mit ihr gesprochen und auch einen namhaften Hersteller befragt.

Wittert ein Igel eine Gefährdung, bleibt das Tier instinktiv stehen und rollt sich zu einer stacheligen Kugel zusammen. „Schon kleine Wunden können zur Gefahr werden, wenn der Igel sie nicht sauberlecken kann. Sobald Maden auftreten, fressen die den Igel bei lebendigem Leib auf“, sagt Forscherin Berger. Die Sterberate der verletzten Igel liege bei 50 Prozent. „Die Dunkelziffer ist aber höher, denn ein verletzter Igel verkriecht sich meist. Ich gehe deutschlandweit pro Jahr von einer vierstelligen Zahl aus.“

Studie: 16 von 19 Mährobotern verletzen Igel

In einer Studie hat Berger gemeinsam mit anderen Forschern getestet, welche Auswirkungen Mähroboter auf Igel haben. Bereits tote Igel wurden dafür modellhaft in verschiedenen Positionen platziert. Die Schadensklasse Null – der Roboter erkennt den Igel von Weitem und er bleibt unverletzt – konnte keines der 19 Modelle erfüllen. 16 Geräte verursachten kleine bis lebensgefährliche Verletzungen.

Viel getan hat sich seither offenbar nicht. „In einer weiteren Studie habe ich belegen können, dass es sich bei den Schnittverletzungen durch Mähroboter nicht um Einzelfälle handelt. In 16 Monaten habe ich deutschlandweit 370 solcher Fälle nachweisen können“, sagt Berger.

Igel „Puffi” wurde von einem Rasenroboter überfahren.
Igel „Puffi” wurde von einem Rasenroboter überfahren.

Igel „Puffi” aus Hamburg hatte Glück im Unglück. Er wurde zwar an den Hinterbeinen von einem Mähroboter geschnitten, wird nun aber in der Bergedorfer Wildtierstation von „Looki” aufgepäppelt. Inzwischen kommen hier aber so viele verletzte Tiere an, dass die spendenfinanzierte Station kaum noch die Operationskosten zahlen kann.

Mähroboter als Igel-Killer: Das sagt Husqvarna

Was muss passieren, damit der stachelige Geselle im Garten sicher ist? „Ich habe grundsätzlich nichts gegen Mähroboter, gerade für hilfsbedürftige Menschen, die ihren Rasen nicht selbst mähen können, sind sie sinnvoll“, sagt Berger. „Aber sie müssen so sicher wie möglich sein.“ Die Verantwortung werde aus ihrer Sicht zu sehr an den Nutzer geschoben, obwohl sie beim Hersteller liege.

Anne Berger
Anne Berger forscht am Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin unter anderem zur Auswirkung von Mährobotern auf Igel.

Nachgerüstet wurden bisher nur sehr wenige Geräte, etwa mit Hinweisen in der Bedienungsanleitung oder anderen Vorkehrungen. „Hilfreich wäre zum Beispiel eine Funktion, die Geräte nur tagsüber fahren lässt. So eine Einstellung gibt es schon, aber bei bisher nur zwei Modellen“, sagt Berger. Ist den Herstellern das Tierwohl egal?

Die MOPO hat bei Husqvarna nachgefragt, der schwedische Konzern ist Marktführer in Sachen Mähroboter. „Sicherheit, sowohl für Menschen als auch für Tiere, hat für Husqvarna oberste Priorität, und wir beteiligen uns aktiv am Schutz der Artenvielfalt“, schreibt eine Sprecherin des Unternehmens. Die Roboter würden „bereits über mehrere Funktionen und Technologien zum Schutz von Igeln und anderen Kleintieren, wie leichte, schwenkbare Messer, Sensoren zur Hinderniserkennung” verfügen. Zudem gebe es die App-Funktion „Wildlife Consideration“, die den Mäher von der Abenddämmerung bis zur Morgendämmerung parkt.

Nachtfahrverbot und „Igel-Crash-Test” als Lösungen?

Die App legt die Verantwortung jedoch wieder, ähnlich wie von Berger kritisiert, in die Hände der Nutzer. Zwei Gemeinden in Brandenburg und die Stadt Köln haben kürzlich ein komplettes Nachtfahrverbot für Mähroboter eingeführt. „Solange es keine Geräte gibt, die Igel umfahren und verschonen, halte ich ein Nachtfahrverbot für Mähroboter für sinnvoll“, sagt auch Berger.

Igel-Crash-Test
Ein Crash-Test-Dummy für Igel.

Die Hamburger Umweltbehörde hatte auf MOPO-Anfrage Ende August mehr an die Einsicht der Bürger appelliert und plante bisher kein Nachtfahrverbot für Mähroboter. Auf erneute Nachfrage heißt es nun: „Nachdem die Stadt Köln am 1. Oktober eine Allgemeinverfügung erlassen hat, welche den Betrieb von Mährobotern zur Nachtzeit verbietet, hat die Umweltbehörde eine rechtliche Prüfung eingeleitet, das Ergebnis steht noch aus.“ Aus Sicht der Behörde sei es jedoch schon jetzt fraglich, ob ein solches Verbot praktisch kontrolliert werden könne.

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Für Anne Berger gibt es letztlich nur eine Lösung: Ein verpflichtender „Igel-Crash-Test“ für Mähroboter. „Unser Ziel ist es, dass ein Roboter, der diesen Test besteht, vom Nachtfahrverbot ausgenommen werden darf. Nur so können wir die Hersteller zum Umdenken zwingen”, so Berger. Mit der Firma Crashtest Service aus Münster hat sie dafür sogar schon einen Igel-Dummy entwickelt. Auf Nachfrage schreibt die Hamburger Umweltbehörde, dass man die Einführung eines einheitlichen Standards und Prüfrahmens aus Sicht des Naturschutzes unterstützen würde.