„Ich will für immer hier bleiben“ – dieser Ort in Hamburg gibt Kindern Halt

Edgar (Mitte) ist seit August 2024 Bildungspate in der Tauschbar in Steilshoop. Hier mit Ahmed (9) und Ghaza (11).
Edgar (M.) ist seit August 2024 Bildungspate in der Tauschbar in Steilshoop. Hier mit Ahmed (9) und Ghaza (11).

Fast ein Jahrzehnt stand das flache Gewerbegebäude neben der Moschee in Steilshoop leer. Früher gab es hier eine Fahrradwerkstatt – die ist längst Geschichte. Doch seit August 2023 haben sich die Räume endlich wieder mit Leben gefüllt: Rund 130 Kinder kommen nach der Schule regelmäßig hierher, um mit Bildungspatinnen und -paten Hausaufgaben zu machen, zu lernen, zu spielen oder zu töpfern. Die jungen Erwachsenen kommen aus ganz Deutschland – und erhalten dafür etwas in Hamburg Hochbegehrtes.

„Dr. Edgar, Dr. Edgar!“, ruft die elfjährige Ghaza fröhlich, als sie und ihr Bruder Ahmed (9) die Räume am Schreyerring betreten. Die beiden kommen direkt aus der Schule und packen am Tisch ihre Hausaufgaben aus. Ihr Bildungspate Edgar Baarß (20) ist sofort an ihrer Seite und setzt sich dazu. „Musst du dieses Arbeitsblatt für morgen ausfüllen?“, fragt er Ahmed, der nur kurz mit dem Kopf nickt, während er konzentriert versucht, die Matheaufgaben zu lösen.

Steilshoop: Bis zu 130 Kinder nutzen das Angebot nach der Schule

„Ist das richtig?“, will er mit Blick auf eine der Aufgaben von Edgar kurz darauf wissen, der allerdings verneint. Zusammen kommen sie schließlich auf die Lösung. „Sehr gut!“, lobt der 20-Jährige und die beiden machen sich an den Rest des Arbeitsblattes.

Bildungspate Edgar (Mitte) mit Ghaza (11) und Ahmed (9) beim gemeinsamen Lernen.
Bildungspate Edgar (M.) mit Ghaza (11) und Ahmed (9) beim gemeinsamen Lernen.

Edgar Baarß ist einer von neun Bildungspatinnen und -paten des Vereins „Tausche Bildung für Wohnen“, der seit 2023 in Steilshoop beheimatet ist (Infos für Interessierte gibt es hier). Kinder von der ersten bis zur siebten Klasse erhalten hier Lernhilfe – aber nicht nur das. „Wir wollen nicht nur Vokabeln pauken, sondern auch Spaß am Lernen vermitteln“, sagt die Erste Vorsitzende Anna-Sophie Hippke. „Da gibt es dann zum Beispiel einen Parcours mit Lernzetteln oder wir schnappen uns die Sachen und lernen draußen zusammen in der Sonne.“

Kostenloses WG-Zimmer als Gegenleistung

Sechs der Bildungspatinnen und -paten sind im Bundesfreiwilligendienst, drei sind in der Ausbildung oder studieren. Als Gegenleistung für die Arbeit mit den Kindern erhalten sie ein kostenloses WG-Zimmer ein paar Straßen weiter sowie Taschengeld.

Anna-Sophie Hippke ist Erste Vorsitzende des Hamburger Vereins „Tausche Bildung gegen Wohnen“.
Anna-Sophie Hippke ist Erste Vorsitzende des Hamburger Vereins „Tausche Bildung gegen Wohnen“.

„Die Vonovia hat uns dafür drei Wohnungen à drei Zimmer zur Verfügung gestellt“, sagt Hippke. Weitere Patinnen und Paten arbeiten in dem Verein ehrenamtlich. Eine halbe Stelle wird aus bezirklichen Mitteln finanziert, der Rest des Geldes stammt größtenteils aus Stiftungen. „Dieses Jahr ist durchfinanziert, aber nächstes Jahr könnte es kritisch werden, weil einige große Stiftungen aussteigen“, befürchtet Hippke. Sie hofft auf weitere Spenden.

So ist der tägliche Ablauf

Um 10 Uhr geht es für Baarß und die restlichen WG-Bewohnerinnen und -Bewohner jeden Morgen los. „Zuerst besprechen wir uns im Team, ob es zum Beispiel Streitfälle oder andere Probleme gibt und bereiten dann unseren Unterricht am Nachmittag vor“, sagt der 20-Jährige. Ab 14 Uhr kommen die ersten Kinder, maximal vier davon werden immer gleichzeitig von einem Bildungspaten oder einer -patin betreut.

Außer Vokabeln pauken stehen auch noch spielerische Sachen, wie Töpfern, auf dem Lehrplan. Hier: Ghaza (11) mit Bildungspate Edgar.
Außer Vokabeln pauken stehen auch noch spielerische Elemente, wie Töpfern auf dem Lehrplan. Hier: Ghaza (11) mit Bildungspate Edgar.

„Ich wollte nach dem Abi Lehrer werden, war mir aber nicht sicher, ob ich das wirklich jeden Tag durchhalten kann“, sagt der Lüneburger. Deshalb habe er sich für den Bundesfreiwilligendienst entschieden. „Das ist hier wirklich ein sehr schöner Ort für die Kinder. Am Anfang habe ich noch versucht, zurückhaltend zu sein und sie auf mich zukommen zu lassen – aber die meisten waren von Beginn an sehr offen. Inzwischen grüßen sie mich auch lautstark, wenn wir uns im Supermarkt zufällig begegnen“, erzählt er lachend.

Das sind die Herausforderungen für die Bildungspatinnen und -paten

Eine Herausforderung: die geringe Frustrationstoleranz vieler Kinder. „Was mache ich, wenn sie zum Beispiel einfach nicht mehr weitermachen wollen? Da gibt es ja mehrere Möglichkeiten, inzwischen habe ich gute Methoden für mich gefunden“, erzählt Baarß. Für ihn ist es wichtig, am Anfang immer mit einer „Wie geht’s dir?“-Runde zu starten. „So etwas fällt in der Schule ja öfter mal hinten runter.“

Nicht nur die Kinder lernen bei dem Projekt viel, auch die Bildungspatinnen und -paten profitieren davon, ist die Vorsitzende Hippke überzeugt. „Viele kommen aus wohlbehüteten Verhältnissen und sind dann erst einmal mit der Realität vieler der Kinder hier konfrontiert. Aber sie merken schnell, dass sie einen wirklichen Unterschied im Leben dieser Kinder machen können.“ Denn das Bildungssystem sei ungerecht: Gerade in dem vernachlässigten Stadtteil Steilshoop seien die Schulen überfüllt, zu Hause fehle oft Unterstützung, es gebe Sprachbarrieren und viel Armut. „Wir wollen hier einen Ort schaffen, an dem die Kinder sich sicher fühlen.“ Die Nachfrage ist riesig – es gibt bereits eine Warteliste.

Während ihr Bruder Ahmed weiter die Zahlenfolgen ausfüllt, beginnt Ghaza ihrem Bildungspaten von einem ihrer Lehrer zu erzählen, über den sie sich geärgert hat. Baarß hört ihr geduldig zu. Als sie ihren Dampf abgelassen hat, zückt das Mädchen schließlich sein Englisch-Buch – immerhin steht morgen eine Arbeit an. „Ich will für immer hier bleiben“, sagt sie.