Hamburg
„Höllenqual“: Wenn das eigene Kind nichts mehr von einem wissen will
Wenn ein Kind sich von einem Elternteil abwendet, ist das oft die Folge einer toxischen Trennungssituation. Eine Aktion macht auf das Problem aufmerksam.
Sie hängen an Laternenmasten, Zäunen oder Spielplatzgeräten: putzige Teddybären, Löwen, Plüschelefanten. Süß sehen sie aus auf den ersten Blick. Nur wer genauer hinsieht, entdeckt die Zettel am Hals der Kuscheltiere – und bekommt eine Ahnung von dem dramatischen Hintergrund einer Aktion, hinter der sich ganz viel Leid und Trauer verbergen.
Sarah L. hat eines der Kuscheltiere aufgehängt, um das größte Leid ihres Lebens auszudrücken: Seit zwei Jahren hat die 47-Jährige ihren Sohn nicht mehr gesehen. Der 13-Jährige hat den Kontakt zu seiner Mutter abgebrochen und lebt beim Vater. Das Kinderzimmer in einer ruhigen Straße in Hamburg-Mitte steht leer.
Der verlassene Raum, in dem noch immer die Sachen ihres Sohnes sind – es fühlt sich für die Unternehmensberaterin an wie eine offene Wunde, die permanent schmerzt. Und die vielleicht niemals wieder verheilt. Denn das, was zwischen den verschiedenen Familienmitgliedern passiert ist und weiter passiert, lässt sich nicht wieder zurückdrehen. Die Zeit schreitet voran und lässt verloren gehen, was eigentlich da sein sollte: Liebe.
Ein Jahr nach der Trennung nahm das Drama seinen Lauf
„Ich habe mich vor drei Jahren von meinem Mann getrennt“, berichtet Sarah L. „Zuerst lief alles gut. Wir haben das Wechselmodell gelebt: eine Woche beim Vater, eine Woche bei der Mutter.“ Sowohl für den heute 13-Jährigen als auch für seinen jüngeren Bruder (8) sei das kein Problem gewesen. Doch ein Jahr nach der Trennung lernte Sarah L. jemanden kennen. Sie teilte ihrem Ex mit, dass sie einen neuen Freund habe – und das Drama nahm seinen Lauf.
„Ab diesem Zeitpunkt teilte mir mein Ex immer häufiger mit, dass mein Sohn nicht mehr zu mir kommen wolle“, sagt die Mutter traurig. Nur der jüngere Sohn kam noch. Doch Sarah L. bemerkte, dass es auch für ihn immer schwieriger wurde. Auch weil es beim Abholen Szenen gab. „Mein Ex stellte die zwei Koffer der Kinder vor die Tür und sagte: Ihr müsst euch jetzt entscheiden, ob ihr mit der Mama mitgeht oder nicht“, erinnert sich die Mutter. Die Kinder seien völlig verunsichert gewesen. Wie erstarrt. „Nach einer Stunde habe ich die Diskussion abgebrochen und die Kinder beim Vater gelassen, um sie nicht weiter zu quälen.“ Ähnliche Situationen hätte es auch danach gegeben. Bis auch der Jüngere nicht mehr wechseln wollte.
Gefahr bei Trennung: Eltern-Kind-Entfremdung kann zu schweren seelischen Schäden führen
Überprüfen lässt sich das alles nicht. Zwischen den einstigen Ehepartnern läuft eine juristische Auseinandersetzung, die durch die Berichterstattung nicht gefährdet werden soll. Auch die Kinder sollen geschützt bleiben, weshalb der Name der Mutter in diesem Text anonymisiert wurde. Das Jugendamt ist eingeschaltet.
Sarah L. geht es nicht darum, ihr Recht durchzusetzen. Sie will auf eine Problematik hinweisen, die aktuell durch den laufenden Gerichtsprozess gegen Christina Block um die mutmaßliche Entführung ihrer Kinder deutschlandweit Aufmerksamkeit erfährt, sonst aber eher im Verborgenen stattfindet: die Eltern-Kind-Entfremdung.
Sie geschieht, wenn ein Elternteil aufgrund einer Trennung so verletzt ist, dass er nicht in der Lage ist, seine Gefühle vor dem Kind zu verbergen. Manchmal bewusst, oft auch unbewusst, wird das Kind in einen Manipulationsstrudel hineingezogen. Es gerät zwischen die Fronten der Eltern und landet in einem Loyalitätskonflikt, bei dem es sich meist auf die Seite des Schwächeren, des Verletzten stellt.
Eltern-Kind-Entfremdung: Zwischen 50.000 und 70.000 Kinder pro Jahr betroffen
Laut dem Verein MutterKind Kontaktverlust („MuKi“) sind pro Jahr zwischen 50.000 und 70.000 Kinder und Jugendliche von einer Eltern-Kind-Entfremdung betroffen. Und ihre Mütter beziehungsweise ihre Väter. Vorsitzende des Vereins ist Suska Weblus, eine Grundschullehrerin aus Lüneburg, die den Kontakt zu ihrem Sohn zwischenzeitlich ebenfalls durch eine Entfremdung verloren hat.
„Für den betroffenen Elternteil, egal ob Mutter oder Vater, ist es eine Höllenqual, weil man nichts tun kann“, sagt die 49-Jährige. Ähnlich wie ursprünglich bei Christina Block haben viele Betroffene das Recht auf ihrer Seite. Sie haben das Sorgerecht und das Umgangsrecht. „Trotzdem fällt das Gericht dann oft eine Entscheidung, die allein auf der Antwort des Kindes auf die Frage, bei wem es wohnen möchte, beruht“, kritisiert Weblus.
Aus Sicht des Vereins wird nicht genau hingesehen, wie sehr das Kind zwischen den Stühlen sitzt. Ob es sich auffällig verhält. Ob es vorgefertigte Antworten gibt, die auf die Manipulation eines Elternteils zurückgehen. „Der sogenannte Kindeswille ist oft vorbereitet. Die Kinder sagen vor Gericht das, was sie sagen sollen“, so Weblus’ Erfahrung. Durch die gerichtliche Entscheidung werde der andere Elternteil dann „einfach ausradiert“.
Zur Vermeidung von Eltern-Kind-Entfremdung: Verein will Experten-Netzwerk aufbauen
Weblus warnt vor den Folgen, welche durch die Entfremdung beim Kind entstehen können. „Viele schämen sich ein Leben lang dafür, dass sie sich für eine Seite entschieden haben. Sie gehen psychisch daran kaputt, nehmen Drogen, brechen die Schule ab. Das Kind trägt sein Leben lang die Verantwortung, die der Richter nicht übernehmen wollte.“
Auch der entfremdete Elternteil gehe kaputt. Viele bekommen Depressionen und sind krankgeschrieben. „Das ist auch ein wirtschaftlicher Schaden“, meint Suska Weblus. Der Verein will das verhindern. Er setzt sich für den Aufbau eines Experten-Netzwerks ein, das die Nachtrennungssituation von Familien genauer beobachtet und Gerichte sowie Jugendämter bei der Bewertung unterstützt.
Kinder im Blick behalten: Kurse bieten Hilfen für getrennte Eltern an – auch in Hamburg
„Kinder lieben beide Eltern und sie brauchen beide Eltern“, betont Suska Weblus. Die Lehrerin, die auch im Berufsalltag erlebt, was viele ihrer Schüler durchmachen, rät Eltern zur Teilnahme an Kursen wie „Kinder im Blick“, wie es etwa das Haus der Familie auf St. Pauli anbietet, oder „Kinder aus der Klemme“ (mehrere Anbieter), damit sie in der Trennungssituation das Wohlbefinden ihres Nachwuchses nicht aus den Augen verlieren.
Suska Weblus hatte Glück: Als ihr Sohn erwachsen wurde, hat er die Manipulationen durchschaut. Mutter und Sohn stehen inzwischen im guten Kontakt zueinander. „Ich bin traurig über die verlorenen Jahre. Aber ich spüre das Band zwischen uns und hoffe, dass es eines Tages wieder enger wird.“
Auch Sarah L. hofft, dass sich die Dinge irgendwann wenden werden. Zumindest ihren jüngeren Sohn sieht sie einmal die Woche nachmittags nach der Schule. „Ich möchte, dass er spürt: Mama ist noch da!“, sagt sie und knautscht einen der Teddybären, die ab jetzt einmal im Jahr im Rahmen der Aktion „Das verlassene Kinderzimmer“ deutschlandweit aufgehängt werden sollen. Um den Hals ein Zettel mit dem Aufdruck: „Stilles Mahnmal für Kinder.“
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