Hamburg 

Hitzedom über Hamburg – Wetter-Experte: „Das ist der Klimawandel in voller Ausdehnung“ 

Passanten gehen durch Sprühnebel eines Wasserzerstäubers am Jungfernstieg in Hamburg.
Soll die Stadt hitzeresistenter machen: Sprühnebel am Jungfernstieg

Frank Böttcher über die heftigste Juni-Hitzewelle, die Hamburg je gesehen hat.

Hamburg erwartet mehrere Tage mit Temperaturen nahe 40 Grad, der bisherige Hitze-Rekord für Juni wird demnächst „pulverisiert“, wie Frank Böttcher, Experte für Extremwetter, ankündigt. Die MOPO sprach mit dem Wettermoderator über die stärkste Juni-Hitzewelle aller Zeiten, über die neue Bedeutung von Einkaufszentren und warum er sich manchmal wie ein Zahnarzt vorkommt.  

MOPO: Müssen wir uns in Hamburg jetzt auf einen griechischen Sommer einstellen? Oder ist das schon dieses Klima wie in Mailand, von dem Sie einmal gesprochen haben?

Frank Böttcher: Das, was wir da draußen gerade erleben, ist der Klimawandel in voller Ausdehnung: Wir erleben in diesen Tagen die stärkste Hitzewelle, die wir jemals in dieser Jahreszeit hatten. In Hamburg lag die höchste Zahl von Junitagen über 30 Grad bislang bei vier. In diesem Jahr erwarten wir jetzt sieben bis acht. Und wir hatten noch nie eine so heiße Juni-Hitzewelle. Der alte Juni-Rekord von 2019 liegt bei 34,8 Grad. Am Wochenende bekommen wir aber Temperaturen bis 38 Grad, je nach Modell auch bis 41 Grad. Diese außerordentliche Wetterlage ist nur möglich durch diesen massiven Klimawandel.

Was ist das genau für eine Wetterlage?

Wir nennen das einen Hitzedom. Das ist eine Wetterlage, bei der durch Advektion, also durch das Heranführen von Warmluft, diese hohen Temperaturen entstehen. Es ist nicht so, dass eine Luftmasse einfach irgendwo liegt und sich kontinuierlich erwärmt. Diese Luftmasse lag vor einigen Tagen noch über der Sahara, zog dann in größeren Höhen, mit Windgeschwindigkeiten um 50 Kilometer pro Stunde, über Spanien und Frankreich hinweg und findet nun den Weg zu uns. Wir hatten im Innern der Sahara 42 Grad. Das sind Temperaturen, die jetzt in Frankreich auftreten und auf einem fast ähnlich hohen Niveau bis nach Mitteleuropa gelangen.

Frank Böttcher ist Experte für Extremwetter, Wetter und Klimawandel.

Wie kann sich diese Hitze über so eine lange Strecke halten?

Weil es nicht nur bodennahe Luft ist, die zu uns transportiert wird. Es ist eine dicke Luftschicht, die in Bewegung gekommen ist. Wir haben Tiefdruckgebiete westlich von uns, die wirken wie ein Schaufelrad und transportieren Stück für Stück diese Heißluft bis nach Norddeutschland.

Müssen wir uns auch auf Unwetter einstellen, wie zuletzt in NRW?

Wir müssen uns vor allem auf eine Form von Unwetter einstellen, die wir häufig gar nicht als Unwetter wahrnehmen: die Hitze. Bei Unwetter denken wir an umfallende Bäume, Sturm, Hagel, Hochwasser. Jetzt zeigen wir ein schönes Bild von Hamburg mit Sonne und blauer Alster. Trotzdem ist das eine Naturkatastrophe. Bei Hitzewellen haben wir viel mehr Tote als bei Hagelunwettern.

Was sagen Sie Menschen, die meinen, das sei doch nur ein heißer Sommer, so wie früher?

Wenn Sie zum Zahnarzt gehen und Karies haben, wird der Zahnarzt auch immer sagen: Sie haben Karies. Das will man vielleicht nicht hören, weil danach gebohrt wird, und einige Menschen versuchen, das Problem dadurch zu lösen, dass sie einfach nicht zum Zahnarzt gehen. So ist es auch mit dem Klimawandel. Es gibt in einer Demokratie aber keinen Anspruch auf kluge Entscheidungen. Es gibt auch das demokratische Recht auf unvernünftige Entscheidungen.

Verzweifeln Sie, wenn die Politik Tankrabatt und das Recht auf Gasheizungen verkündet?

Ja.

Werden wir erleben, dass überall Klimaanlagen stehen wie in Dubai?

Klimaanlagen und kühlende Räume werden in den nächsten Jahrzehnten ein immer größeres Thema. Hamburg ist regional noch einigermaßen aufgehoben: Die Nähe zur Küste ist ein riesiger Vorteil. Irgendwann dreht der Wind wieder auf Nordwest, dann ist sofort die frische Meeresbrise da, und die Temperaturen gehen um 10 oder 15 Grad zurück. Hamburg wird irgendwann eine der Städte sein, in die mehr Menschen ziehen wollen, weil sie es etwa im Frankfurter Raum nicht mehr gut ertragen können. Da dauern solche Hitzewellen viel länger.

Dann kriegen wir Klimaflüchtlinge aus Hessen?

Das haben Sie jetzt gesagt. 

Welche Rolle spielen dann kühlere Orte in der Stadt?

Eine große. Einkaufszentren bekommen plötzlich eine ganz neue Funktion. Dort gibt es temperierte Räume, Lebensmittel, sanitäre Einrichtungen, oft auch Ärzte. So etwas wird Teil des Katastrophenschutzes. Denn bei extremer Hitze haben wir nicht nur ein Problem mit Kapazitäten in Krankenhäusern. Die Menschen müssen auch dorthin transportiert werden. Rettungsfahrzeuge können dann völlig ausgelastet sein. Umso wichtiger ist es, vorher Strukturen zu schaffen, damit Menschen sich abkühlen können und gar nicht erst ins Krankenhaus müssen. Aber Eigenverantwortung spielt auch eine große Rolle. Bei solchen Temperaturen muss ich keine Gartenarbeit machen und keinen Halbmarathon laufen.

Müssen wir wegen der Hitze auch mit einem Dürresommer rechnen?

Wir starten zumindest nicht mit ganz großer Trockenheit in den Sommer. Wir hatten reichlich Niederschläge. Aber es hängt stark davon ab, wie hoch die Verdunstungsraten sind. Wenn wir viele Tage über 30 Grad haben und keinen weiteren Niederschlag bekommen, trocknen Laub und Böden schnell aus. Die Waldbrandgefahr nimmt dann rasant zu. Unten im Boden kann noch Feuchtigkeit sein – trotzdem kann oben der Wald brennen.

Was machen Sie selbst bei 38 Grad am Samstag?

Ich werde gar nicht in Hamburg sein und mich dienstlich an einem klimatisierten Ort aufhalten.

Hamburg erwartet mehrere Tage mit Temperaturen nahe 40 Grad, der bisherige Hitze-Rekord für Juni wird demnächst „pulverisiert“, wie Frank Böttcher, Experte für Extremwetter, ankündigt. Die MOPO sprach mit dem Wettermoderator über die stärkste Juni-Hitzewelle aller Zeiten, über die neue Bedeutung von Einkaufszentren und warum er sich manchmal wie ein Zahnarzt vorkommt.  

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