Hitlers Spionagezentrale: Hamburgs geheimster Ort war diese Villa
Der 9. April 1940, „Unternehmen Weserübung“: Der Überfall Nazideutschlands auf Norwegen und Dänemark droht zu scheitern, denn angesichts einer dichten Wolkendecke über Oslo scheint eine Landung auf dem Flughafen Fornebu ausgeschlossen zu sein. Doch dann geht in der Übersee-Funkzentrale im „Neuen Kupferhof“ in Wohldorf eine ungemein wichtige Information ein: „Der Himmel reißt auf“, teilt ein deutscher Spion mit, der sich vor Ort auf dem Frachtschiff „Widar“ befindet und die Lage beobachtet. Daraufhin erhalten die Piloten den Befehl, Oslo erneut anzufliegen. Noch am selben Tag ist Norwegens Hauptstadt in deutscher Hand.
Das Beispiel zeigt: Nicht allein Soldaten und Waffen entscheiden über Sieg oder Niederlage. Streng geheime Informationen, hinter feindlichen Linien von Spionen zusammengetragen, sind mindestens ebenso wichtig. Und manchmal kann ein Wetterbericht eine Schlacht entscheiden.
Im unsichtbaren Krieg der Spione spielt der „Neue Kupferhof“ in Wohldorf im Norden Hamburgs eine zentrale Rolle: Die 1912 erbaute Villa wird 1938 von der Wehrmacht übernommen, liegt abgeschieden am Waldesrand. Der perfekte Standort also für die Übersee-Funkzentrale, das geheime Kommunikationszentrum der deutschen Auslandsspionage, Tarnname: „Domäne“.
Vom „Neuen Kupferhof“ aus hielten Funker Kontakt mit 150 Agenten in der ganzen Welt
Rund 120 Männer halten im Schichtdienst Kontakt zu 150 Agenten in Nord- und Südamerika, Afrika, dem Mittleren und Fernen Osten. Sie nehmen Informationen entgegen und leiten sie weiter, selbstverständlich alles verschlüsselt. Nicht nur am „Unternehmen Weserübung“, auch am „Unternehmen Barbarossa“, dem Angriff auf die Sowjetunion 1941, ist die Funkstelle maßgeblich beteiligt.
Die Abwehr – das ist der deutsche Militärgeheimdienst. Er wird von Admiral Wilhelm Canaris (1887-1945) geleitet, der anfangs ein Anhänger Hitlers ist, sich später aber von ihm abwendet. Die wichtige Hamburger Außenstelle, die sogenannte Abwehrstelle X, zu der auch die Funkzentrale in Wohldorf gehört, ist spezialisiert auf Auslandsaufklärung und wird von Kapitän zur See Herbert Wichmann geleitet – einem pflichtbewussten Marineoffizier, der dem NS-Regime ebenfalls ablehnend gegenübersteht.
Und schließlich spielt auch dieser Mann noch eine herausragende Rolle: Oberstleutnant Nikolaus Ritter. Er ist nach dem Ersten Weltkrieg in die USA ausgewandert, hat dort 1926 die Lehrerin Mary Aurora Evans aus Alabama geheiratet, kehrt 1936 mit Familie nach Deutschland zurück und heuert bei der Abwehr an. Seine Frau lässt sich daraufhin scheiden, aber ihr Plan, mit den Kindern in die USA zurückzukehren, wird von den NS-Behörden vereitelt: Tochter und Sohn werden entführt – sie harrt bis 1945 in Deutschland aus.
Top-Spion Nikolaus Ritter hatte viele Decknamen: Dr. Rantzau, Dr. Jansen, Alfred Landing
Ritter, inzwischen neu verheiratet, macht Karriere als Top-Spion. Immer neue Decknamen verwendet er: In Belgien nennt er sich Dr. Rantzau, in Ungarn Dr. Jansen, in Holland Dr. Reinhardts. Als er 1937 als Handelsvertreter getarnt in die USA reist, um Agenten anzuwerben, nennt er sich Alfred Landing – und ist erfolgreich: In New York kann er Herman W. Lang auf seine Seite ziehen, einen deutschstämmigen Techniker, der beim Rüstungsunternehmen Carl L. Norden tätig ist, wo gerade das „Norden bombsight“ entwickelt wird.
Lang kopiert heimlich die Baupläne, übergibt sie Ritter, der sie aufgerollt in einem hohlen Rohrschirm versteckt. Ein Agent, der als Steward auf einem Linienschiff arbeitet, nimmt den Schirm schließlich mit nach Hamburg. Wenige Monate später, noch bevor die US Air Force es serienreif einsetzen kann, verfügt die deutsche Luftwaffe bereits über das Bombenzielgerät. Ein erster großer Erfolg der deutschen Spionage.
1937 bekommt die Abwehr abermals Verstärkung: Der Geschäftsmann Arthur Owens muss nicht überredet werden – er ergreift bei einem geschäftlichen Besuch in Hamburg selbst die Initiative und bietet seine Dienste an. Als Motiv gibt der Waliser an, die Engländer zu hassen. Mithilfe eines in einem Koffer versteckten Agentenfunkgeräts informiert Owens die Abwehr in Hamburg über Schiffsbewegungen, Infrastruktureinrichtungen, Verteidigungsanlagen und mögliche Bombenziele in England – „Informationen von unschätzbarem Wert“, wie Ritter glaubt.
Was der Hamburger Top-Spion nicht weiß: Owens hat sich längst dem MI 5 offenbart, und alles, was er seit Kriegsbeginn nach Wohldorf funkt, ist vom britischen Geheimdienst diktiert. Desinformation gepaart mit ein paar wahren, aber nebensächlichen Fakten, damit es nicht auffällt.
Das „Double-Cross-System“ war das größte Täuschungsmanöver des Zweiten Weltkriegs
„Double-Cross-System“ („Doppelagenten-System“) ist das größte Täuschungsmanöver des Zweiten Weltkriegs: Owens – oder „Snow“, wie die Briten ihn nennen – ist der erste, aber bei Weitem nicht der letzte deutsche Agent, der, nachdem er enttarnt worden ist, unter Kontrolle des MI 5 weiterfunkt. Das „Double-Cross-System“ fehlt heute in keinem Buch zur Geschichte der Spionage. Owens’ Name ist berühmt.
Zu welchem Zeitpunkt es Ritter gelingt, in den USA einen Spionagering von rund 30 Agenten zu installieren, lässt sich nicht mehr genau rekonstruieren. Sicher ist, dass der gebürtige Südafrikaner Fritz Joubert Duquesne eine zentrale Rolle dabei spielt. Er und seine Leute – Buchhändler, Handelsreisende, Ingenieure, Funktechniker, Restaurantbesitzer, Mechaniker – beschaffen wertvolle Daten, darunter Pläne für einen Autopiloten, der später in deutschen Jagdflugzeugen und Bombern zum Einsatz kommt. Dann aber versiegt die Quelle plötzlich – und das hat mit einem gewissen William Sebold zu tun.
Der gelernte Maschinentechniker ist in den 20er Jahren in die USA ausgewandert. Als er 1939 nach Deutschland reist, um in Mülheim/Ruhr seine Mutter zu besuchen, wird die Abwehr auf ihn aufmerksam, und Ritter persönlich setzt ihn unter Druck: Falls er sich nicht bereit erkläre, für Deutschland zu spionieren, bedeute das Unheil für seine Familie.
Sebold informiert heimlich das US-Konsulat in Köln, bietet sich als Doppelagent an – und spielt das Spiel der Nazis zum Schein mit. In Wohldorf lässt er sich im Agentenfunk ausbilden, kehrt anschließend in die USA zurück, wo es seine Aufgabe ist, über eine Kurzwellen-Funkstation Informationen nach Deutschland weiterzugeben. Duquesne, der jetzt regelmäßig in Sebolds New Yorker Büro erscheint, um die zu übermittelnden Details zu übergeben, ahnt nicht, dass hinter einer Spiegelwand Kameras und Mikrofone installiert sind.
1941 zerschlug das FBI den Duquesne-Spionagering: Der größte Spionagefall der US-Geschichte
Am 29. Juni 1941, ein halbes Jahr vor dem Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg, schlägt das FBI zu: Der Duquesne-Spionagering fliegt auf. 33 deutsche Spione werden festgenommen. Der größte Spionagefall in der Geschichte der USA bis dahin. Die Angeklagten erhalten Haftstrafen von zusammen mehr als 300 Jahren.
Ritter und Wichmann sind unterdessen mit einer neuen, fast unlösbaren Aufgabe betraut – vom „Führer“ persönlich: Weil Adolf Hitler die Engländer nicht als Verbündete gewinnen kann, will er sie unterwerfen: Die Abwehr soll für das „Unternehmen Seelöwe“, die Invasion der britischen Inseln, wichtige Informationen beschaffen: Wie gut ist die Küste gesichert? Wo gibt es Militärflugplätze? Wo liegt die britische Marine vor Anker?
Ritter und Wichmann wählen zwei Dutzend Agenten aus, die im Rahmen der „Operation Lena“ 1940/41 per Fallschirm über England, Irland bzw. Schottland abspringen oder per U-Boot oder Wasserflugzeug bis vor die Küste gebracht werden. Darunter auch die berühmte Vera Schalburg, eine 1914 in Sibirien geborene Tänzerin und Schauspielerin, die als schönste Agentin der Abwehr gilt. „Es gab kaum einen Mann, der nicht von ihr hingerissen war“, so Ritter später.
Das Merkwürdige an der „Operation Lena“ ist, dass alles, absolut alles schiefgeht. Sämtliche Spione werden auf Anhieb enttarnt. Der eine fällt auf, weil er seine Krawatte auf deutsche Weise bindet, ein anderer bestellt am Vormittag ein Glas Cider, obwohl Engländer dieses Getränk nur abends zu sich nehmen, und wieder ein anderer stellt eine unglückliche Frage: In einem Ort, der schon seit 14 Jahren nicht mehr von der Bahn angefahren wird, erkundigt er sich, wann der nächste Zug kommt.
Hat der deutsche Geheimdienst die geplante Invasion Großbritanniens sabotiert?
„Diese Spione“, notiert Guy Liddell, Spionageabwehr-Chef beim britischen MI 5, in sein Tagebuch, „waren ungewöhnlich schlecht angeleitet, und jedem, der auch nur über die geringste Kenntnis von den Verhältnissen in unserem Land verfügt, müsste klar gewesen sein, dass nicht einer von ihnen Erfolg haben würde.“
Dummheit? Mangelnde Professionalität? Daran glaubt die Hamburger Historikerin Monika Siedentopf nicht. In ihrem Buch „Unternehmen Seelöwe“ vertritt sie die These, dass Hamburgs Abwehr-Chef Herbert Wichmann und seine engsten Offiziere die Invasion Großbritanniens abgelehnt und die Agenteneinsätze von vornherein so angelegt haben, dass sie zum Scheitern verurteilt sind. Gezielte Sabotage! Ein Akt des Widerstands gegen die NS-Führung!
Was auch immer dahintersteckt – die Briten profitieren davon. Die gefassten deutschen Agenten werden – sofern sie nicht als Spione hingerichtet werden – in das „Double-Cross-System“ eingruppiert, halten also weiter Funkkontakt nach Wohldorf, und während Hamburg glaubt, authentische Informationen zu bekommen, sind alle Berichte vom MI 5 vorgegeben.
Das führt auf deutscher Seite zu gravierenden Fehleinschätzungen – beispielsweise bei der „Operation Overlord“ 1944: Weil sie überzeugt ist, die erwartete alliierte Landung werde im Raum Calais erfolgen, verstärkt die Wehrmacht dort ihre Kräfte. Tatsächlich aber ist am 6. Juni 1944 die Normandie Schauplatz der großen Invasion.
Nikolaus Ritter hielt jahrzehntelang dicht – dann veröffentlichte er 1972 seine Memoiren
In Hamburg ist am 3. Mai 1945 mit dem Einmarsch der Briten der Krieg vorbei. Bevor die Stadt kapituliert, ziehen sich die Mitarbeiter der Abwehr in das Ausflugsrestaurant „Randel“ nach Poppenbüttel zurück, wo sie sämtliche Akten und Funkbücher verbrennen. Der militärische Geheimdienst in Hamburg und die Funkzentrale in Wohldorf sind damit Geschichte.
Zu diesem Zeitpunkt ist Wilhelm Canaris nicht mehr am Leben. Kurz vor Kriegsende wird er wegen seiner Verbindungen zum Widerstand im KZ Flossenbürg erhängt. Herbert Wichmann, bis zuletzt Chef der Abwehrstelle Hamburg, gerät in britische Gefangenschaft, ist später als Unternehmer in der Schifffahrt tätig. Der pflichtbewusste Marineoffizier, der die Invasion Englands sabotierte, stirbt 1987 im Alter von 93 Jahren.
Und Nikolaus Ritter? Der Abenteurer mit den vielen Decknamen, der den Coup mit dem Bombenzielgerät landete? Er wird 1945 von den US-Behörden verhaftet, kommt aber ebenfalls glimpflich davon. Im April 1974 stirbt er – nicht ohne sich vorher noch selbst zum Helden seiner Spionagejahre stilisiert zu haben. 1972 veröffentlicht er das Buch: „Deckname Dr. Rantzau. Die Aufzeichnungen des Nikolaus Ritter, Offizier unter Canaris im Geheimen Nachrichtendienst“.
Der „Neue Kupferhof“ in Wohldorf beherbergt heute eine soziale Einrichtung für behinderte Kinder. Oft gehen Fußgänger vorbei, Hundebesitzer führen ihre Vierbeiner Gassi. Die meisten haben keine Ahnung, dass sich hier einst die wichtigste Kommunikationszentrale des deutschen Militärgeheimdienstes befand, der geheimste Ort der Hansestadt.