Wie ich meinen Opa in der Nazi-Kartei fand – und viele prominente Hamburger dazu
Wollten auch Sie immer schon wissen, ob Ihr Großvater oder Urgroßvater ein Nazi war? Bekamen Sie zu Hause auf diese Frage nie eine ehrliche Antwort, nur Ausflüchte und Ausreden? Dann können Sie sich jetzt erstmals selbst überzeugen. Denn das US-Nationalarchiv hat im März die digitalisierte NSDAP-Mitgliederkartei online gestellt. Plötzlich ist möglich, was jahrzehntelang nur Historikern vorbehalten blieb: Jetzt kann jeder recherchieren, welche Vorfahren der NSDAP angehörten, und zwar bequem vom heimischen Rechner aus. Und noch mehr ist möglich: Die braune Vergangenheit unzähliger Deutscher lässt sich nun nachverfolgen.
Ich brauche nur wenige Minuten, dann habe ich meinen eigenen Großvater „überführt“: Bernhard Friedrichsen (1902–1976), Tischler aus Flensburg, im Krieg Angehöriger einer Polizeidivision, Vater einer achtköpfigen Familie. Was manche in der Verwandtschaft ohnehin vermutet hatten, ist jetzt belegt: Er trat in die NSDAP ein, und zwar nicht erst nach Hitlers Machtübernahme 1933 wie Millionen andere, sondern schon 1929. Das spricht dafür, dass er von der NS-Bewegung sehr früh begeistert war.
Von Karl Schiller über Hans Mahler bis Hans-Harder Biermann-Ratjen – alle waren in der NSDAP
Ich recherchiere weiter. Wenn schon der eigene Großvater in dieser Kartei auftaucht – wer findet sich dann da noch? Ich tippe Namen von Hamburger Persönlichkeiten der Nachkriegszeit ein: Hans Mahler (1900–1970), populärer Volksschauspieler und Ehemann von Heidi Kabel (1914–2010) – Treffer. Karl Schiller (1911–1994), SPD-Politiker, legendärer Superminister – Treffer! Walter Tormin (1923–2011), Sozialdemokrat und nach dem Krieg langjähriger Chef der Landeszentrale für politische Bildung – Treffer! Klaus Happersberger (1926–2002), von 1954 bis 1960 Mitglied des SPD-Landesvorstands – Treffer! Und auch sie gehörten der NSDAP an: John Jahr (1900–1991), Mitbegründer des Verlags Gruner + Jahr, und FDP-Politiker Hans-Harder Biermann-Ratjen (1901–1969), Kultursenator in den 1950er und 1960er Jahren. Vor allem dessen NSDAP-Mitgliedschaft ist pikant: Denn nach ihm ist bis heute Hamburgs höchste Auszeichnung für Kulturschaffende benannt, die Biermann-Ratjen-Medaille.
Schließlich stoße ich im Parteiarchiv sogar auf diesen Namen: Kurt Erlebach (1922–2008). Er war einer der prominentesten Hamburger Nachkriegskommunisten, saß für die KPD in der Hamburger Bürgerschaft, gehörte 1968 zu den Gründern der DKP und wurde später Generalsekretär der Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes (VVN). Sogar er besaß das braune Parteibuch – und zwar ab 1944.
Sogar der Mann, der die kleine Else vor der Gaskammer rettete, war Parteigenosse
Und auf noch einen stoße ich bei meinen Recherchen: Emil Matulat (1887–1971). Mag sein, dass seinen Namen nur wenige kennen. Dafür ist die Geschichte des Sinti-Kindes Else, das von einem Arbeiter aus Altona aufgenommen, dann aber von der Gestapo abgeholt und nach Auschwitz verschleppt wird, umso bekannter. Bei dem Adoptivvater handelt es sich um Matulat, der nach der Deportation Himmel und Hölle in Bewegung setzt, um Else zu retten, was ihm am Ende tatsächlich gelingt. So etwas dürfte es in der NS-Zeit kein zweites Mal gegeben haben.
Die Vermutung, dass Matulat NSDAP-Mitglied gewesen sein könnte, stand lange im Raum. Denn wie sonst hätte er bei den Behörden überhaupt Gehör finden sollen? Aber nun wissen wir es sicher: Am 1. Mai 1933 trat er der Partei bei. Sein Beispiel beweist: Nicht jeder, der der Partei angehörte, war automatisch ein schlechter Mensch. Und nicht jedes NSDAP-Mitglied war ein überzeugter Nazi.
Übrigens: Die Mitgliederkartei der NSDAP, die aus einer Zentral- und einer Gaukartei besteht, ist unvollständig. Finden Sie den Namen Ihres Großvaters oder Ihrer Großmutter dort nicht, heißt das noch lange nicht, dass sie keine Parteimitglieder waren. Nach den Berechnungen des Heppenheimer Politikwissenschaftlers und Parteienforschers Jürgen Falter sind die Zentralkartei nur zu 44 Prozent und die Gaukartei zu 77 Prozent erhalten geblieben. Zusammengenommen lassen sich zwar rund 90 Prozent aller früheren NSDAP-Mitglieder nachweisen. Doch gerade in der Zentralkartei klaffen große Lücken – besonders zwischen Fa und G sowie zwischen Ka und O. Vor allem beim Buchstaben K fehlen viele Karten.
Beim Buchstaben „K“ gibt’s große Lücken: Leisler Kieps und Kurt A. Körbers Karteikarten fehlen
Das dürfte auch der Grund sein, weshalb zwei prominente Hamburger Namen nicht auftauchen, obwohl ihre Parteimitgliedschaft verbürgt ist: Walther Leisler Kiep (1926–2016) und Kurt A. Körber (1909–1992). Kiep war einer der bekanntesten CDU-Politiker der Bundesrepublik, langjähriger Bundesschatzmeister seiner Partei, Bundestagsabgeordneter, niedersächsischer Finanzminister und 1982 auch Spitzenkandidat der CDU in Hamburg. Er trat 1944 in die NSDAP ein.
Kurt A. Körber wiederum, der bekannte Hamburger Industrielle und Stifter, wurde 1940 Mitglied. Nach dem Krieg stellte er seine NS-Zeit allerdings anders dar: Erst behauptete er, den Beitritt bis 1944 hinausgezögert zu haben, später erzählte er, er sei gar kein Mitglied, sondern nur Anwärter gewesen.
Wäre es nach dem Willen von Hitler & Co. gegangen, würde die Mitgliederkartei gar nicht mehr existieren. Bei Kriegsende wurde sie aus dem Braunen Haus in München, der Zentrale der NSDAP, mit Lastern zu einer Papiermühle nach Freimann im Norden Münchens gebracht. Rund 50 Tonnen Papier sollten dort vernichtet werden. Doch der Papiermüller Hanns Huber stoppte die Aktion. Er erkannte, was ihm da in die Hände gefallen war – ein historischer Schatz.
Amerikanische Stellen sicherten die Unterlagen, brachten sie 1946 in das Berlin Document Center und schufen so die Grundlage für eines der wichtigsten Personenarchive zur Geschichte des Nationalsozialismus. Seit 1994 liegen die Originale im Bundesarchiv. Der Zugang ist bis heute streng geregelt. Recherchen sind dort nur auf Antrag möglich.
Suchseite des US-Nationalarchivs so gefragt, dass der Server häufig schlappmachte
Genau deshalb ist es eine Sensation, dass das US-Nationalarchiv seine Mikrofilmkopien nun online gestellt und sie für jedermann zugänglich gemacht hat. Die Nachfrage ist riesig. Die Suchseite wurde binnen weniger Wochen millionenfach aufgerufen, zeitweise war sie so überlastet, dass Nutzer kaum durchkamen. Das zeigt, wie groß in Deutschland auch mehr als 80 Jahre nach Ende des NS-Regimes das Bedürfnis ist, endlich Gewissheit zu bekommen. Viele wollen wissen, ob die Geschichten, die in ihren Familien jahrzehntelang erzählt wurden, wirklich stimmen – oder ob sie nur dazu dienten, die Vergangenheit freundlicher aussehen zu lassen.
Wer die Vergangenheit seiner Vorfahren recherchieren will, muss auf die Seite des US-Nationalarchivs gehen. Ganz einfach ist die Recherche allerdings nicht. Wer sucht, bekommt nicht sofort ein Ergebnis. Stattdessen muss er sich auf digitalisierten Mikrofilmen durch Hunderte oder Tausende Bilder scrollen. Allerdings gibt es inzwischen Hilfsangebote im Netz, die die Suche deutlich erleichtern. Das ersetzt die eigene Recherche nicht, aber es spart Zeit und Nerven. Ein wichtiger Hinweis: Für eine erfolgreiche Recherche reicht es meist nicht, nur Vor- und Nachname eines Vorfahren zu kennen. Es ist hilfreich, Geburtsdatum und Wohnort zu wissen.
Insgesamt hat das US-Nationalarchiv mehr als 16 Millionen Dokumente aus dem NSDAP-Parteiarchiv online gestellt. Das allein zeigt schon, wie viele Mitglieder die NSDAP hatte: Insgesamt traten der Partei zwischen 1925 und 1945 rund 10,2 Millionen Deutsche bei. Die Partei wurde sozusagen zur ersten deutschen Volkspartei. Selbstständige, Angestellte, Beamte, Arbeiter – die Mitglieder kamen aus allen Berufsgruppen und allen Schichten.
Wer schon vor dem 30. Januar 1933 in die NSDAP eintrat, bekannte sich zu einer radikalen Partei, als sie noch nicht an der Macht war. Das spricht für politische Überzeugung. Wer dagegen der Partei nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler beitrat, erhoffte sich vielfach Vorteile, wollte dazugehören oder gab dem sozialen Druck in Betrieb, Behörde und Alltag nach. Der Zulauf wurde so groß, dass die NSDAP am 1. Mai 1933 einen Aufnahmestopp verhängte. Hitler wollte nicht, dass die Partei von lauter Opportunisten geflutet wird. Erst 1937 wurde diese Sperre wieder gelockert, 1942 erfolgte erneut ein Aufnahmestopp.
Niemand wurde gegen seinen Willen oder unwissentlich Mitglied in der NSDAP
Auch wenn später gerne das Gegenteil behauptet wurde – niemand geriet versehentlich oder gegen seinen Willen in die NSDAP. Für die Aufnahme war ein unterschriebener Antrag nötig. Kanzler Friedrich Merz beispielsweise behauptete 2004, sein Großvater Josef Paul Sauvigny sei ohne eigenes Zutun aufgenommen worden. Aus Sicht von Historikern völlig unglaubwürdig. Ähnlich fragwürdig wirken die Einlassungen von Kabarettist Dieter Hildebrandt und Schriftsteller Martin Walser, sie hätten von ihrer Mitgliedschaft nichts gewusst. Wahrscheinlich haben sie ihren Beitritt später nur verdrängt.
Zum Schluss meiner Recherche tippe ich noch einen letzten Namen in die Suchmaske. Dabei ist mir ein wenig mulmig. Es ist der meines Großvaters väterlicherseits: Willy Wunder (1902–1960) aus dem westpommerschen Dorf Grupenhagen bei Rügenwalde. Er, ein Bauer, war Monarchist und entschiedener Hitler-Gegner. So wird es jedenfalls in der Familie erzählt. Alle sind ein wenig stolz auf ihn. Aber ich frage mich: Stimmt die Geschichte wirklich? Oder war vielleicht auch er…?
Ich füttere das Suchfeld, drücke auf Enter, warte – und bin erleichtert, denn ich hatte schon gefürchtet, eine Familienlegende würde wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen. Aber Gott sei Dank: kein Treffer.