Hamburg
Wie ein Hamburger Pastor zum Staatsfeind wurde
Dies ist die fast vergessene Geschichte eines streitbaren Geistlichen, der die Kanzel nutzte, um die Mächtigen in die Schranken zu weisen.
Christian Krumbholtz ist 14 Jahre in der Festung Hameln eingesperrt. Er stellt keine Gnadengesuche, versucht nicht zu fliehen, denn seine Haft versteht er als Prüfung Gottes. Als er am 3. Dezember 1725 an einem Herz- und Lungenleiden stirbt, ist er 63 Jahre alt. Ein Staatsfeind, weggesperrt bis zum Tod. Dabei war dieser Mann kein Verschwörer, auch kein Revolutionär. Christian Krumbholtz war Geistlicher: Hauptpastor an der Hamburger Hauptkirche St. Petri.
Geboren wird Krumbholtz 1662 in Neustadt in Sachsen. Er besucht die Landesschule Pforta, studiert Theologie in Leipzig und wird 1685 Magister. Nach Stationen an der Leipziger Nikolaikirche und als Diakon in Pressburg muss er dort nach acht Jahren gehen – angeblich weil er das Volk gegen die Obrigkeit aufreizt. Schon früh zeigt sich: Krumbholtz kann predigen, aber sich nicht mäßigen. 1697 kommt er an die Sophienkirche in Dresden und fällt dort auch mit antikatholischen Streitschriften auf. 1700 wird er nach Hamburg berufen und in St. Petri als Hauptpastor eingeführt.
Krumbholtz gilt als streitsüchtiger Geist
Krumbholtz ist hochgebildet, scharf im Urteil, unnachgiebig im Streit. Zeitgenossen nennen ihn einen „unruhigen und streitsüchtigen Geist“. Bald nutzt er sein Amt – seine Gegner sagen: Er missbraucht es –, um die Mächtigen in die Schranken zu weisen. Genau deshalb wird er ihnen zu gefährlich.
Hamburg ist um 1700 freie Reichsstadt: Kein Fürst herrscht hier, sondern der Rat. Die Stadt ist reich, selbstbewusst, eine Handelsmetropole mit eigener Verwaltung. Hinter dieser Fassade schwelt ein Machtkampf. Ein kleiner Kreis von Ratsherren und einflussreichen Kaufleuten entscheidet hinter verschlossenen Türen über Steuern, Schulden, Ämter und die Stadtkasse. Viele Bürger werfen dem Rat vor, Hamburg als Privatbesitz einiger weniger Familien zu betrachten.
Der Konflikt greift auf die ganze Stadt über. Gestritten wird in Wirtshäusern, auf Versammlungen und in Flugschriften. Nachbarn werden Feinde. Ratsmitglieder klagen, sie könnten sich in manchen Vierteln kaum noch sicher bewegen.
1699 versuchen Rat und Bürgerschaft, den Konflikt einzudämmen. Die Bürgerschaft ist damals kein Parlament im heutigen Sinn und vertritt auch nicht alle Einwohner, sondern die vollberechtigten Bürger der Stadt – Männer mit Bürgerrecht, Besitz und politischem Gewicht. Sie einigen sich mit dem Rat auf den sogenannten Rezess – eine Art Grundvertrag. Er legt fest: Der Rat kann nicht mehr alles allein entscheiden. Neue Steuern, Abgaben und Schulden brauchen die Zustimmung der Bürgerschaft. Die Finanzen sollen transparenter werden.
Der Rat missachtet die Rezess-Regeln
Offiziell akzeptiert der Rat die neue Ordnung. Tatsächlich aber versucht er, sie zu umgehen, wo er kann. Vor allem in Finanzfragen legt er Regeln weit aus. Neue Belastungen werden beschlossen, ohne die Bürgerschaft wirklich einzubeziehen. Die Gegner des Rats sprechen von Vertragsbruch.
In diesem Klima entstehen neue politische Lager. Besonders aktiv ist eine Gruppe, die von ihren Gegnern abschätzig „Jakobiten“ genannt wird – Bürger, Kaufleute und Handwerker, die auf Einhaltung des Rezesses pochen. Ihr Wortführer ist der Bandwirkermeister Balthasar Stiehlke – ein Handwerker, der Bänder und Borten für Kleidung und Textilien herstellt, fromm, bibelfest und politisch hellwach.
Hier kommt Krumbholtz ins Spiel. Er hört sich Stiehlkes Argumente an und übernimmt dessen Position: Die im Rezess festgeschriebene „democratische Regimentsform“ darf nicht ausgehöhlt werden. Was für die Bürgerschaft gilt, muss auch für den Rat gelten. Und Krumbholtz sagt das nicht im kleinen Kreis, sondern öffentlich – von der Kanzel.
Er predigt keinen Aufstand, ruft nicht zu den Waffen. Aber er macht Hamburgs Machtkampf regelmäßig zum Thema seiner Predigten. Ob Senat, Bürgerliche Kollegien oder Gerichte – Krumbholtz legt sich mit allen an. Seine Anhänger verehren ihn, seine Gegner sehen in ihm einen Aufwiegler im geistlichen Amt. Sie machen ihn zum Schreckgespenst eines demokratischen Umsturzes und werfen ihm vor, mithilfe des „Pöbels“ die Ordnung der Stadt umstoßen zu wollen.
Rat der Stadt ruft den Kaiser zu Hilfe
1708 kommt es zu Tumulten. Ob Krumbholtz sie verursacht oder ob seine Predigten nur in eine ohnehin aufgeheizte Stimmung fallen, ist umstritten. Sicher ist: Der Rat greift zum stärksten Mittel: Er wendet sich an Kaiser Joseph I. und zeichnet die Lage bewusst dramatisch. In der Stadt herrsche, so die Darstellung, ein auf Plünderungen hoffendes Gesindel. Das wirkt: Am 31. Mai 1708 wird Hamburg militärisch besetzt. Eine kaiserliche Kommission wird eingesetzt, Soldaten patrouillieren durch die Straßen. Die Macht des Rates wird wiederhergestellt.
Was viele befürchtet haben, tritt ein: Krumbholtz gilt nun als Staatsfeind. In der Nacht vom 3. auf den 4. Juni 1708 erscheinen Soldaten am Pfarrhaus von St. Petri und verhaften ihn. Widerstand leistet er nicht. Die Festnahme ist eine Botschaft an alle, die den Rezess gegen den Rat in Stellung bringen: Wer sich auf ihn beruft, riskiert alles.
Lebenslange Haft für den unbequemen Pastor
Nach der Verhaftung wird aus dem Prediger ein Fall für die Reichsgewalt. Vor Gericht wird nicht nur über einzelne Predigten verhandelt. Es geht um die Frage, ob Krumbholtz Hamburgs Ordnung angegriffen hat. Am 28. März 1710 verurteilt ihn das Niedergericht zunächst zum Verlassen der Stadt, zur Amtsenthebung und zur Abbitte. Seinen Gegnern reicht das nicht. Mitglieder der kaiserlichen Kommission stimmen sogar mehrheitlich für die Todesstrafe. So weit kommt es zwar nicht, aber der Rat verschärft die Strafe am 17. Oktober 1710 noch einmal drastisch: lebenslange Einzelhaft. 1711 wird das Urteil kaiserlich bestätigt. Krumbholtz wird nach Hameln gebracht.
Der entscheidende Vorwurf steht in der Urteilsbegründung. Krumbholtz habe Hamburgs Ordnung als „Status Hamburgensis democraticus et popularis“ verstanden. Übersetzt heißt das ungefähr: Hamburg ist kein Gemeinwesen, in dem der Rat allein die höchste Gewalt besitzt. Neben ihm steht die Bürgerschaft – nicht als Bittstellerin, sondern als politische Kraft mit eigenen Rechten.
Krumbholtz stellt die Machtfrage – und genau das macht ihn aus Sicht des Kaisers „äußerst gefährlich“.
Krumbholtz ist kein Demokrat im heutigen Sinne. Er ist kein Anführer eines Aufstands, kein Mann der Gewalt. Er ist ein lutherischer Orthodoxer, hart, polemisch, rechthaberisch. Aber er beharrt darauf, dass auch die Macht des Rates Grenzen hat.
Das Urteil erfüllt seinen Zweck: Krumbholtz verschwindet aus Hamburg. Der unbequeme Hauptpastor ist ausgeschaltet. Er wird nach Hameln gebracht und bleibt dort bis zu seinem Tod eingesperrt.
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