Vor 50 Jahren wird ein Barmbeker Kanzler: Schmidt-Schnauzes Rededuelle sind legendär

Helmut Schmidt
Ein gut gelaunter Helmut Schmidt. Ein Foto aus dem Jahr 1972.

„Schiss habe ich gehabt“, bekennt Helmut Schmidt später, Schiss vor dieser Verantwortung. Genau ein halbes Jahrhundert ist vergangen, seit eine Spionageaffäre Regierungschef Willy Brandt (SPD) zum Rücktritt zwingt und der Barmbeker „Jung“ dazu auserwählt wird, die Nachfolge anzutreten: Am 16. Mai 1974 wird er als fünfter Kanzler der Bundesrepublik Deutschland vereidigt.

Das Ende der Ära Brandt kommt für viele unerwartet. Nur Insider wissen: Amtsmüde ist der Kanzler schon länger. Inflation, Rezession und Energiekrise bestimmen das Tagesgeschehen. Von Aufbruchstimmung ist 1974 kaum noch etwas zu spüren. Brandt leidet an Depressionen, trinkt zu viel. „Whisky-Willy“ wird er in Bonn hinter vorgehaltener Hand genannt.

Brandts persönlicher Referent wird als Spion enttarnt

Die Guillaume-Affäre gibt Brandt den Rest: Sein persönlicher Referent wird als DDR-Spion enttarnt. Günter Guillaume hat mit Brandt und dessen Familie Urlaub gemacht, hatte Zugang zu geheimen Akten. Er weiß alles. Auch in die privaten Geheimnisse des Kanzlers ist er eingeweiht inklusive aller Frauengeschichten. Er soll Brandt die Damen sogar persönlich „zugeführt“ haben.

Willy Brandt
Der Agent im Kanzleramt: Willy Brandt und sein persönlicher Referent Günter Guillaume – ein Spion der DDR-Staatssicherheit.

Die Frage, die sich stellt, ist: Hat sich Brandt erpressbar gemacht? Wie wird die nächste Wahl ausgehen, wenn das alles rauskommt?

Der mächtige SPD-Fraktionschef Herbert Wehner behauptet zwar später, er habe Brandt versichert, sich im Zweifelsfall für ihn „zerreißen“ zu lassen, wenn er sich entscheide, die Sache durchzustehen. Brandt hat das allerdings ganz anders in Erinnerung: Wehner habe ihn fallen gelassen, beschwert er sich später.

Wehner
Herbert Wehner, der Fraktionschef der SPD im Bundestag, Helmut Schmidt und Willy Brandt. Ein Foto aus dem Jahr 1980.

Helmut Schmidt versucht noch, den „Alten“ umzustimmen, schreit ihn regelrecht an: Die Guillaume-Affäre sei überhaupt kein Grund, die Flinte ins Korn zu werfen. Aber Brandt bleibt dabei: Er tritt zurück. Wer Nachfolger wird – für Wehner keine Frage: „Du musst das jetzt machen“, sagt er und klopft Schmidt auf die Schulter.

Helmut Schmidt will dazu beitragen, dass aus Deutschland etwas Besseres wird

Helmut Schmidt ist 1918 geboren. Die Jahre der Hitler-Diktatur sind prägend gewesen für sein späteres Leben und seine Kanzlerschaft. Schmidt hat einmal gesagt, dass es ihm nicht um Ruhm oder öffentliche Anerkennung gegangen sei. Vielmehr habe er einfach nur dazu beitragen wollen, dass aus Deutschland etwas Besseres wird nach all der „Scheiße“ im Krieg.

Schmidt hat großes Glück, dass die Nazis nichts erfahren vom „Makel“ in seinem Stammbaum: Schmidts Vater war der uneheliche Sohn des jüdisch-deutschen Privatbankiers Ludwig Gumpel und einer Kellnerin. In den Augen von NS-Rassenideologen wäre Schmidt also ein „Vierteljude“. Der Familie gelingt es, die wahren Verwandtschaftsverhältnisse zu verschleiern.

Das könnte Sie auch interessieren: MOPO-Chefreporter Olaf Wunder zu Besuch bei Schmidts jüdischen Verwandten in Jerusalem

Schmidt wird Offizier und 1944 als junger Leutnant dazu abkommandiert, am Volksgerichtshof als Beobachter den Schauprozessen gegen die Hitler-Attentäter beizuwohnen. Vom Verhalten des Vorsitzenden Richters Roland Freisler angewidert, lässt sich Schmidt von der weiteren Teilnahme entbinden.

Im Dezember desselben Jahres äußert er sich auf einem Flak-Schießplatz an der Ostsee kritisch über Reichsmarschall Hermann Göring – was ihm ein Verfahren wegen Wehrkraftzersetzung einbringt. Dass er nicht vor dem Kriegsgericht landet, liegt allein an zwei vorgesetzten Generälen, die den Prozess vereiteln, indem sie Schmidt ständig versetzen.

Von 1961 bis 1965 war der SPD-Politiker und spätere Bundeskanzler Helmut Schmidt Polizei- bzw. Innensenator Hamburgs. In seine Amtszeit fällt die Installation der ersten vier Überwachungsspiegel.
Von 1961 bis 1965 war der SPD-Politiker und spätere Bundeskanzler Helmut Schmidt Polizei- bzw. Innensenator Hamburgs.

Im April 1945 gerät Schmidt in Soltau in der Lüneburger Heide in britische Kriegsgefangenschaft. Im Lager trifft er auf Hans Bohnenkamp, ebenfalls ein Gefangener, der ihm die letzten Illusionen über den Nationalsozialismus nimmt und ihn für die Sozialdemokratie begeistert.

Helmut Schmidt tritt 1945 in die SPD ein

Gleich nach seiner Freilassung im August 1945 tritt Schmidt der SPD bei. Der junge Volkswirtschafts-Student gilt schon bald als politisches Talent. Als Innensenator von Hamburg – vor allem während der verheerenden Sturmflut im Februar 1962 – erwirbt er sich den Ruf, ein hemdsärmeliger Macher zu sein. Er geht in die Bundespolitik. Die Rededuelle, die er sich im Bundestag vor allem mit dem CSU-Politiker Franz Josef Strauß liefert, sind legendär.

Helmut Schmidt
Der Chef der SPD-Bundestagsfraktion Helmut Schmidt besuchte am 1969 im Rahmen des Bundestagswahlkampfs den Bezirk Wandsbek. Er stattet dem Fußballverein Concordia einen Besuch ab.

„Schmidt-Schnauze“ wird 1969 im Kabinett Brandt Verteidigungsminister, drei Jahre später übernimmt er das Amt des Finanz- und des Wirtschaftsministers.

Im Mai 1974 wird Helmut Schmidt Bundeskanzler

Am 16. Mai 1974 wird er als Bundeskanzler vereidigt. Schmidts Regierungserklärung steht unter dem Motto „Kontinuität und Konzentration“: „In einer Zeit wachsender Probleme konzentrieren wir uns in Realismus und Nüchternheit auf das Wesentliche, auf das, was jetzt notwendig ist.“ Eine klare Abkehr von Brandts Politik, die von visionärem Idealismus geprägt gewesen war.

Schmidt krempelt die Ärmel hoch, denn es gibt viel zu tun: Die Weltwirtschaft lahmt, der Ölpreis steigt und das Wettrüsten von NATO und Warschauer Pakt erreicht seinen Höhepunkt.

Schmidt
Am 16. Mai 1974 wird Helmut Schmidt (SPD) von Bundestagspräsidentin Annemarie Renger (SPD) zum Bundeskanzler vereidigt.

Eine weitere große Herausforderung gibt es: den Terrorismus. Die RAF macht Jagd auf Repräsentanten des Staates. Generalbundesanwalt Siegfried Buback und Dresdner-Bank-Chef Jürgen Ponto werden 1977 ermordet. Schließlich nehmen Terroristen Hanns Martin Schleyer, den Arbeitgeberpräsidenten, als Geisel und drohen damit, ihn zu töten, falls die Top-Terroristen Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Jan-Carl Raspe und Irmgard Möller nicht aus der Haft freikommen.

Schmidt opfert Schleyer: Der Staat lässt sich niemals erpressen

Schmidt steht vor der schwierigsten Entscheidung seines Lebens: Soll er nachgeben, um Schleyer zu retten, oder seiner Überzeugung treu bleiben, dass sich ein Staat niemals erpressen lassen darf?

Als am 13. Oktober palästinensische Terroristen die Lufthansa-Maschine „Landshut“ nach Mogadischu entführen und damit drohen, die Passagiere zu erschießen, wenn die RAF-Häftlinge nicht freigelassen werden, trifft Schmidt seine Entscheidung: Statt nachzugeben, schickt er die GSG 9. Die Spezialeinheit stürmte die Maschine, tötet drei Entführer und befreit alle 86 Geiseln.

Die Terroristen Baader, Ensslin und Raspe begehen daraufhin im Hochsicherheitstrakt von Stammheim Selbstmord. Am Abend des 19. Oktober 1977 wird Schleyers Leiche in Mülhausen im Elsass im Kofferraum eines Autos gefunden.

KSZE-Konferenz in Helsinki 1975: Helmut Schmidt (r.) zusammen mit dem britischen Premier Harold Wilson (v.l.), dem US-Präsidenten Gerald Ford und dem französischen Staatspräsidenten Valery Giscard D'Estaing.
KSZE-Konferenz in Helsinki 1975: Helmut Schmidt (r.) zusammen mit dem britischen Premier Harold Wilson (v.l.), dem US-Präsidenten Gerald Ford und dem französischen Staatspräsidenten Valery Giscard D’Estaing.

Drei Jahre später, am 5. Oktober 1980, erreicht Helmut Schmidt, inzwischen 61 Jahre alt, den Zenit seiner Macht: Bei der Bundestagswahl fährt er für die SPD das zweitbeste Ergebnis ihrer Geschichte ein. Franz Josef Strauß, der Kandidat der Union, unterliegt.

Auf den ersten Blick ein großer Triumph. Aber bei genauerer Betrachtung ist es der Anfang vom Ende. Denn Strauß’ Niederlage macht den CDU-Vorsitzenden Helmut Kohl zum starken Mann der Union. Und Schmidts Koalitionspartner FDP gewinnt mit 10,6 Prozent nicht nur kräftig an Stimmen dazu, sondern auch an Selbstbewusstsein.

Das Volk demonstriert für Frieden und Schmidt drückt den NATO-Doppelbeschluss durch

In der SPD wird es immer einsamer um Schmidt. Während viele Sozialdemokraten auf die Straße gehen, um für Frieden und Abrüstung zu demonstrieren, setzt Schmidt den NATO-Doppelbeschluss durch, der die Stationierung von Mittelstreckenraketen in Europa vorsieht.

Auch wirtschafts- und sozialpolitisch gärt es. Ölpreisschock und Weltwirtschaftskrise entfalten ihre Wirkung: Die Arbeitslosigkeit steigt erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik auf mehr als zwei Millionen.

Beides, NATO-Doppelbeschluss und Anti-Krisenpolitik, verknüpfen FDP-Chef Hans-Dietrich Genscher und Helmut Schmidt in ihren Fraktionen mit Rücktrittsdrohungen und schließlich im Februar 1982 mit der Vertrauensfrage im Bundestag. Obwohl Schmidt die Abstimmung gewinnt, ist der Zerfall der Koalition nicht aufzuhalten.

Zum Bruch kommt es, als sich in der FDP der neoliberale Kurs von Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff durchsetzt. Zur Überwindung der Krise legt er im September 1982 das sogenannte „Lambsdorff-Papier“ vor. Darin fordert er mehr Eigenverantwortung, weniger Staat, weniger Arbeitslosengeld.

Helmut Schmidt
Helmut Schmidt, das „Orakel von Langenhorn“, in der Talkshow „Menschen bei Maischberger“. Ein Foto aus dem Dezember 2010.

Schmidt als Welterklärer – das „Orakel von Langenhorn“

Mit der SPD ist das nicht zu machen. Am 17. September 1982 treten daraufhin alle vier FDP-Bundesminister zurück. Zwei Wochen später, am 1. Oktober 1982, wird Schmidt durch ein „konstruktives Misstrauensvotum“ gestürzt und muss Helmut Kohl (CDU) Platz machen.

Das könnte Sie auch interessieren: Zu Besuch in Schmidts Haus in Langenhorn

Danach beginnt Schmidts Karriere als „Welterklärer“. Es ist die Geburt des „Orakels von Langenhorn“. Befreit von parteipolitischen Zwängen bringt er sich immer wieder ins politische Tagesgeschehen ein – als Herausgeber der „Zeit“, als Buchautor, als Talkshow-Gast.

2015 stirbt Helmut Schmidt im Alter von 96 Jahren. Ganz Deutschland trauert um einen großen Staatsmann.