Von der Folterkammer bis Santa Fu: So ging es im Mittelalter im Hamburger Knast zu

Klaus Neuenhüsges
Klaus Neuenhüsges hat ein Buch über die 750-jährige Geschichte des Strafvollzugs in Hamburg geschrieben. Der 73-Jährige ist Leiter des Gefängnismuseums Hamburg, das in der JVA Glasmoor in Norderstedt untergebracht ist. Führungen nach vorheriger telefonischer Vereinbarung unter 0170/35 90 555.

Hände und Füße mit Eisenketten an den Tisch geschmiedet. Kaum Luft zum Atmen. Ratten huschen über den Boden, die feuchten Wände riechen nach Moder. So beginnt für viele Gefangene im Hamburg des 13. Jahrhunderts das Martyrium. Wer stiehlt, verliert Finger oder gleich die ganze Hand. Ein Mörder endet am Galgen in St. Georg, eine „Hexe“ auf dem Scheiterhaufen. Hinrichtungen sind Spektakel, denen die halbe Stadt grölend beiwohnt …

Klaus Neuenhüsges (73), einst Justizvollzugsbeamter und heute Leiter des Hamburger Gefängnismuseums, hat über diese dunklen Kapitel ein packendes Buch geschrieben: „Hinter Mauern und Gittern“ (14 Euro, BoD). Es ist eine Zeitreise durch 750 Jahre Strafvollzug in Hamburg – von den Folterkammern des Mittelalters bis zu den modernen Justizvollzugsanstalten unserer Tage.

Karrenstrafe
Kupferstich von 1609: Er zeigt Gefangene, die zur Karrenstrafe verurteilt sind. Angekettet an Karren sorgen sie für die Müllabfuhr.

Wir schreiben das Jahr 1270. Hamburg zählt 5000 Seelen, als in der Nähe der Petrikirche das „Waltboden-Hus“ entsteht – Hamburgs erstes Gefängnis. Schon der Name jagt den Menschen einen Schauer über den Rücken: „Bote der Gewalt“, das bedeutet „Waltboden“ in die heutige Sprache übersetzt. Mit einem heutigen Gefängnis hat das Gebäude wenig gemein. Es dient nicht der Strafe durch Freiheitsentzug, sondern ist eine Verwahranstalt: Schuldner, die ihre Verpflichtungen nicht erfüllen, und Straftäter, die auf Folter oder Hinrichtung warten, werden hier festgehalten – damit sie ihrer Strafe nicht durch Flucht entkommen.

Im Folterkeller werden die Daumenschrauben angezogen, bis eine Verdächtige gesteht, „Hexe“ zu sein

Hinter den vergitterten Fenstern herrschen Zustände, die kaum vorstellbar sind. Im Untergeschoss sitzen Männer und Frauen, nur durch ein Gitter getrennt, an Tische gekettet. In den neun kleinen Kojen darüber kämpfen die Insassen nachts um Luft. Kälte, schlechte Luft, Ungeziefer – Alltag. Und im Keller befindet sich die Folterkammer. Dort werden Daumenschrauben so lange angezogen, bis Frauen ein Geständnis ablegen. Wer gesteht, „Hexe“ zu sein, endet in Flammen.

Am Messberg steht ein weiteres Gefängnis: der „Winserbaum“. Hier landen Bürger, deren Schuld nicht erwiesen ist, oder „muthwillige Bankerottierer“. Eine Kuriosität: Der Aufseher betreibt im Keller die Schankwirtschaft „Gelbe Henne“. Gegen Bezahlung dürfen seine Gäste die Gefangenen wie Tiere im Käfig besichtigen.

Werk- und Zuchthaus
Das Hamburger Werk- und Zuchthaus befand sich in etwa an der Stelle, an der heute die Europapassage steht.

1383 kommt die „Roggenkiste“ hinzu, ein turmartiges Gebäude für Menschen der unteren Klassen, die zur „Karrenstrafe“ verurteilt sind: Mit Ketten an Schubkarren gespannt bessern sie Stadtgräben aus oder räumen Müll von den Straßen. Im obersten Stockwerk befindet sich die „Tollkiste“ – eine mittelalterliche Irrenanstalt.

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Erst im 17. Jahrhundert setzt sich die Idee durch, Leibes- und Todesstrafen durch Freiheitsentzug zu ersetzen. 1614 beschließt der Rat, ein modernes Gefängnis nach dem Vorbild des Amsterdamer „Tuchthuis“ zu errichten, dem ersten seiner Art in Europa.

Wer nicht spurt, kommt aufs „Hölzerne Pferd“: Rittlings auf einem scharfen, keilförmigen Balken

Acht Jahre später, 1622, ist Hamburgs neues „Werk- und Zuchthaus“ fertig – ein Prestigeprojekt. 150.000 Mark hat es gekostet, finanziert durch eine Lotterie. Über dem Portal prangt der Wahlspruch: „Labore nutrior, Labore plector“ – „Durch Arbeit werde ich ernährt, durch Arbeit werde ich gezüchtigt.“ Dahinter steckt ein Programm: Ein Großteil der Insassen sind Bettler und Landstreicher. Sie sollen nicht nur weggesperrt, sondern zu tugendhaften Mitgliedern der Gesellschaft erzogen werden. „Besserung durch Gebet und Arbeit“ – so der Grundsatz. Doch der Alltag bleibt brutal. Wer gegen die Regeln verstößt, landet auf dem „Hölzernen Pferd“: rittlings auf einem keilförmigen Balken. Das Körpergewicht lastet auf der scharfen Kante.

Spinnhaus
Im 17. Jahrhundert eines der Hamburger Gefängnisse: das Spinnhaus.

1669 gründet Hamburg ein weiteres Gefängnis: das „Spinnhaus“. Es ist – anders als der Name vermuten lässt – für Männer und Frauen gleichermaßen gedacht und dient der Unterbringung von Prostituierten und Wiederholungstätern, was es im Gegensatz zum Werk- und Zuchthaus zu einem „unehrenhaften Haus“ macht. Auch hier steht die Arbeit, insbesondere das Spinnen von Wolle, im Vordergrund, flankiert von christlich-moralischer Unterweisung. Wer sich widersetzt, wird mit Essensentzug oder Schlägen bestraft. Im Hof steht ein Pranger, an dem Insassen öffentlich und zur Abschreckung von verhüllten Mithäftlingen mit Ruten geschlagen werden.

„Waltboden-Hus“ heißt Hamburgs erstes Gefängnis. Der Name bedeutet: Bote der Gewalt

Mit der napoleonischen Besatzung ab 1806 weht ein neuer Wind in Hamburgs Strafvollzug. Das französische System mit neuen Gesetzen und einem „gemeinnützigen Gefängnisrat“ wird eingeführt. Fesseln sind verboten, Hygiene und Verpflegung werden verbessert, Kranke und Gesunde werden getrennt. Die Franzosen krempeln alles um, reißen das Waltboden-Hus ab, machen das Werk- und Zuchthaus zur Strafanstalt und das Spinnhaus zur Bettleranstalt.

Nach Napoleons Abzug 1814 kehren die alten Zustände zwar zurück, doch die Saat der Reform ist gesät. 1823 ordnet der Senat das Gefängniswesen neu, vier Jahre später entsteht das Raboisengefängnis. Es soll die katastrophal überfüllten Untersuchungshaftzellen entlasten. Doch auch hier bleibt die Wirklichkeit trostlos. Ab 1856 dient das Raboisengefängnis zudem als Richtstätte: Eine Guillotine wird installiert, öffentliche Hinrichtungen verschwinden. Der Tod spielt sich nun hinter Mauern ab.

Folter
Die Folterwiege – ein Folterinstrument für renitente Häftlinge. Innen ausgelebt mit scharfen Spitzen.

Prägend für das Jahrhundert ist Nikolaus Heinrich Julius (1783–1862), Arzt, Publizist und Mitbegründer der Gefängniswissenschaft. Was er in den Anstalten sieht, hält er für unerträglich: Straftäter, Arme, Bettler, Vagabunden, Wahnsinnige, Untersuchungshäftlinge – alle zusammengepfercht. Julius fordert eine strikte Trennung von Kriminellen und Nichtkriminellen. Etwas völlig Neues in Deutschland.

Seine Ideen finden Gehör. 1879 eröffnet das Central-Gefängnis in Fuhlsbüttel – besser bekannt als „Santa Fu“. Ein Bauwerk nach englischem Vorbild: sternförmig angelegte Flügel, die von einer zentralen Halle aus überwacht werden können. In den Zellen gibt es Licht, Wasseranschlüsse, Belüftung. Männer und Frauen sind getrennt untergebracht, ebenso Jugendliche. Hamburg setzt damit Maßstäbe im modernen Strafvollzug.

Mit dem Ende des Kaiserreichs beginnt eine neue Ära. 1919 übernimmt Christian Koch die Leitung der Hamburger Gefangenenanstalten. Er ist ein Visionär – und einer der wichtigsten Reformatoren in der Geschichte des Vollzugs. Körperliche Züchtigung schafft er ab, an ihre Stelle treten Erziehung und Resozialisierung.

Totenmaske
Bis in die 40er Jahre war es üblich, dass von jedem Hingerichteten eine Totenmaske angefertigt wurde – fürs Kriminalmuseum.

Koch gründet die Jugendanstalt Hahnöfersand und die halb offene Männeranstalt Glasmoor – beides für die damalige Zeit bahnbrechend. Unter seiner Regie entsteht 1924 die „Dienst- und Vollzugsordnung“. Ihr Ziel: Straftäter nicht nur zu verwahren, sondern auf ein straffreies Leben in der „Volksgemeinschaft“ vorzubereiten.

Das Herzstück ist ein Stufensystem: Wer sich bewährt, erhält nach und nach mehr Vergünstigungen, mehr Bewegungsfreiheit, mehr Eigenverantwortung. Der Gedanke dahinter: Schrittweise soll eine „innere Wandlung“ einsetzen, die zur Besserung führt. Hamburg wird damit Vorreiter in Deutschland.

Im Konzentrationslager Fuhlsbüttel werden Gefangene erniedrigt, gefoltert und ermordet

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten endet die Reformära brutal. Christian Koch wird abgesetzt, an seine Stelle tritt Max Lahts – ein „alter Kämpfer“ der NSDAP. Sein Motto: „Dieses Haus muss ein Haus des Schreckens werden.“ Und genau das wird es. Im Zuchthaus Fuhlsbüttel richten die Nazis ein Konzentrationslager ein: das berüchtigte „Kola Fu“. Gefangene werden erniedrigt, gefoltert, ermordet. Der Strafvollzug dient nicht mehr der Besserung, sondern wird zum Werkzeug der politischen Verfolgung.

Zwischen 1933 und 1945 erreicht die Zahl der Hinrichtungen in Hamburg ein nie dagewesenes Ausmaß. 468 Menschen sterben in nur zwölf Jahren. Die Guillotine im Hof des Untersuchungsgefängnisses Holstenglacis steht praktisch nie still.

Roggenkiste
In diesem Turm befand sich im 14. Jahrhundert das Gefängnis „Roggenkiste“.

Der Hamburger Strafvollzug wird in dieser Zeit zu einem Synonym für Terror und Tod. Eine Stadt, die unter Koch zum Reformlabor des humaneren Vollzugs geworden war, wird unter den Nazis zum Schauplatz systematischer Barbarei.

Am 9. Mai 1949 werden in Hamburg die letzten Todesstrafen auf westdeutschem Boden vollstreckt: Zwei Schwarzmarktschieber, die zu Mördern geworden sind, werden mit dem Fallbeil hingerichtet. Zwei Wochen später tritt das Grundgesetz in Kraft – damit ist die Todesstrafe Geschichte. Im Strafvollzug der jungen Bundesrepublik hält die Menschenwürde Einzug.

Der Tod des Häftlings Ernst Haase im Untersuchungsgefängnis löst 1964 einen Reformschub aus

Doch Skandale erschüttern den Neubeginn. 1964 stirbt der Häftling Ernst Haase in einer Beruhigungszelle des Untersuchungsgefängnisses – offenbar als Folge von Misshandlungen. Sein Tod wird zum Fanal. Unter Justizsenator Peter Schulz setzt ein Reformschub ein: Bis dahin gilt das Prinzip „Verbot mit Erlaubnisvorbehalt“ – fast alles ist untersagt, kann aber erlaubt werden, wenn sich der Gefangene wohlverhält. Schulz dreht dieses Prinzip um: Der Bezug von Zeitungen, Zeitschriften und Büchern beispielsweise ist den Gefangenen grundsätzlich erlaubt und kann nur aus wichtigem Grund untersagt werden. Außerdem wird der Kontakt zur Außenwelt verbessert: Besuch von Angehörigen und Außenstehenden zu bekommen, ist leichter und häufiger möglich.

Santa Fu
Ein Luftbild der Haftanstalt in Fuhlsbüttel: Santa Fu

Auch die Rechtsprechung zieht nach. 1973 stellt das Bundesverfassungsgericht im „Lebach-Urteil“ klar: Resozialisierung ist das oberste Ziel des Strafvollzugs. Hafturlaub gilt nun nicht mehr als Gnadenakt, sondern als notwendige Maßnahme zur Wiedereingliederung. Hamburg entwickelt Pioniermodelle: sozialtherapeutische Anstalten in Bergedorf, im Moritz-Liepmann-Haus und in Altengamme. Sie werden Vorbilder für die ganze Republik. In Hahnöfersand entstehen Schulklassen mit Vollzeitunterricht – ein Novum in Deutschland. Das Sozialverhalten jugendlicher Gefangener verbessert sich nachweislich.

1972 erschüttert ein Aufstand in Fuhlsbüttel die Öffentlichkeit. Zwei Häftlinge klettern aufs Dach, einer stürzt ab. Die Forderungen nach offeneren Zellen, eigener Kleidung und mehr Eigeninitiative führen zu einer Liberalisierung des Vollzugs – und zur Erkenntnis: Sicherheit gelingt nur mit den Gefangenen, nicht gegen sie.

1972 reift die Erkenntnis: Sicherheit im Knast gelingt nur mit den Gefangenen, nicht gegen sie

Heute, acht Jahrzehnte nach dem Ende der NS-Zeit, zeigt sich Hamburgs Strafvollzug modern und human. Rund 2200 Haftplätze gibt es in den sechs Justizvollzugsanstalten der Stadt. Arbeit, Ausbildung und Therapie stehen im Vordergrund, Resozialisierung ist das erklärte Ziel – es zu erreichen, ist angesichts von Überbelegung und Personalmangel aber nicht immer leicht.

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Ein Meilenstein ist 1977 das erste bundeseinheitliche Strafvollzugsgesetz, das die Resozialisierung offiziell als oberstes Ziel festschreibt. „Dieses Gesetz ist ganz nachhaltig von Ideen aus der Hansestadt geprägt worden“, sagt Klaus Neuenhüsges zur MOPO. „Eine Bestätigung dafür, dass der Hamburger Weg der richtige war.“

Hände und Füße mit Eisenketten an den Tisch geschmiedet. Kaum Luft zum Atmen. Ratten huschen über den Boden, die feuchten Wände riechen nach Moder. So beginnt für viele Gefangene im Hamburg des 13. Jahrhunderts das Martyrium. Wer stiehlt, verliert Finger oder gleich die ganze Hand. Ein Mörder endet am Galgen in St. Georg, eine „Hexe“ auf dem Scheiterhaufen. Hinrichtungen sind Spektakel, denen die halbe Stadt grölend beiwohnt …