Historisch
Streifenwagen in der Elbe: Als die Polizei mit „Amphicars“ der nächsten Flut trotzen wollte
Nach der Sturmflut von 1962 testete Hamburg zwei schwimmende Streifenwagen – spektakulär sahen sie aus, im Ernstfall taugten sie kaum.
Zwei Hamburger Polizisten lenkten ihre Streifenwagen 1964 vor den Augen der Pressevertreter direkt in die Elbe. Was zunächst wie ein spektakulärer Fahrfehler aussah, war volle Absicht: Die Polizei erprobte Autos, die sich auf dem Wasser in kleine Motorboote verwandelten. Doch die große Hoffnung auf einen Helfer für künftige Flutkatastrophen ging schnell unter.
„Zu Lande, zu Wasser und in der Luft“ lautete einst Gottlieb Daimlers Vision von der motorisierten Zukunft. Die Hamburger Polizei kam ihr im Sommer 1964 zumindest ziemlich nahe. Denn zwei neue Streifenwagen schafften einen Spagat, den es bisher selten gab: Sie konnten als Amphibienfahrzeug problemlos ins Wasser gefahren werden und treiben. Als die Beamten am 3. August beim Pressetermin ohne zu bremsen in die Elbe rollten, dürften dennoch einige Zuschauer kurz den Atem angehalten haben. Doch statt in den Fluten zu versinken, warfen die Streifenwagen ihre Propeller an und tuckerten einfach weiter.
70 Meilen pro Stunde an Land, 7 im Wasser – made in Germany
Bei den Fahrzeugen handelte es sich um Amphicar 770: Cabrio, Motorboot und automobile Kuriosität in einem. Auf der Straße erreichte der in Deutschland gebaute Wagen bis zu 70 Meilen pro Stunde (rund 113 km/h), im Wasser sieben. Daher auch der Name „770“. Zwei Propeller am Heck sorgten für Vortrieb, gelenkt wurde weiterhin mit den Vorderrädern.
Warum sich die Hamburger Polizei gleich zwei dieser Schwimmwagen zulegte, ist nicht abschließend geklärt. Naheliegend ist ein Zusammenhang mit der verheerenden Sturmflut von 1962 bei der über 300 Menschen ihr Leben verloren – unter anderem aufgrund mangelnden Hochwasserschutzes. Der frühere Hamburger Polizeipräsident und Historiker Wolfgang Kopitzsch ordnet die Amphicars gegenüber der MOPO allerdings vor allem als gescheiterte Versuchsfahrzeuge ein.
Experte sicher: Im Ernstfall wären die Autos untauglich gewesen
Bei einer Katastrophe wie 1962 wären die Wagen nach seiner Einschätzung kaum einsatzfähig gewesen. In Wilhelmsburg, Moorburg, Finkenwerder sowie den Vier- und Marschlanden tobten schwere Stürme, ganze Gebiete lagen im Dunkeln. Zäune und Stacheldraht erschwerten schon den Einsatz von Schlauchbooten. Für die kleinen Amphicars wäre vielerorts wohl ebenfalls schnell Schluss gewesen.
Hamburg beschaffte später robustere Metallboote für den Katastrophenschutz, die sich bei der Sturmflut 1976 bewährten. Die schwimmenden Streifenwagen bekamen ihren größten Auftritt derweil nicht bei einer Flut, sondern im Kino: Im 1965 erschienenen Franco-Italo-Krimi „Le spie uccidono a Beirut“, der teilweise in Hamburg gedreht wurde, sind die Polizeiamphicars bei Verfolgungsjagden im Hafen zu sehen.
Heute sind die seltenen Schwimmwagen begehrte Sammlerstücke. Aktuelle Angebote liegen je nach Zustand zwischen rund 69.000 und 99.000 Euro. Für den Katastrophenschutz waren die Amphicars am Ende zu unpraktisch, für Sammler sind sie heute umso begehrter. Aus dem gescheiterten Polizeiversuch ist längst ein teurer Klassiker geworden.
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